Politik

Die Hetze im Netz nimmt zu. (Foto: dpa)

22.01.2016

Die Wut der Trolle

Das Netz ist voll von menschenverachtenden Hasstiraden gegen Flüchtlinge – wie Online-Medien dagegen ankämpfen

Ein großes Loch baggern und alle rein und zuschütten“, „Soll doch verhungern ... Dieses asoziale Dreckspack ... Abschaum“ oder auch: „Geh sterben“: Hass, Hetze, Morddrohungen beim Thema Flüchtlinge – das Internet ist voll davon. Vor allem die sozialen Netzwerke. Aber auch die Verantwortlichen der Online-Medien haben mit so genannten Trollen zu kämpfen, die dort in Debatten ihrem Frust mit provozierenden und menschenverachtenden Kommentaren freien Lauf lassen. So enthemmt und geballt oft, dass sie die gesamte Diskussion vergiften.

„Trolle und Hass-Postings sind nicht neu“, sagt etwa Stephan Kabosch, Leiter der Onlineredaktion der Münchner Abendzeitung (AZ). „Die Situation hat sich aber vor dem Hintergrund der Flüchtlingsthematik seit etwa einem halben Jahr und noch mal nach den Ereignissen von Köln deutlich verschärft.“ Nicht nur, was die Häufigkeit der Hetzkommentare angehe, sondern auch deren Inhalt, betont er. Die Konsequenz: Bei „besonders heiklen Beiträgen“ blende die Redaktion die Kommentarfunktion von vorneherein aus. Manchmal wird sie, „läuft die Diskussion komplett aus dem Ruder“, auch nachträglich gesperrt.

Viele Artikel lassen sich nicht mehr kommentieren

Tatsächlich schalten immer mehr Nachrichtenseiten die Kommentarfunktion unter einzelnen Artikeln ab. Manche nur in Ausnahmefällen (AZ, Welt online), andere (Spiegel online, Donaukurier.de) grundsätzlich zu bestimmten Themen, zum Beispiel zur Asyldebatte. Merkur online und tz online lassen nur bei einer überschaubaren Anzahl an ausgewählten Beiträgen zur Flüchtlingsthematik eine Kommentierung zu. Auch bei BR.de wählt die Redaktion aus, welche Beiträge zu kommentieren sind, Flüchtlingsthemen sind nicht per se tabu. Das sind sie auch nicht bei infranken.de, dem gemeinsamen Onlineportal verschiedener Lokalzeitungen, darunter der Fränkische Tag und die Bayerische Rundschau –, allerdings nur, wenn sie lokalen Bezug haben. Ein Problem jedoch, das immer immer wieder geschildert wird: Lassen sich Flüchtlingsthemen nicht kommentieren, versuchen Trolle auf Artikel mit ganz anderem Inhalt auszuweichen. „In der Regel wird diese Umgehungsstrategie aber erkannt“, berichtet Kabosch. „Und der Beitrag dann nicht freigegeben.“

Einen ganz eigenen Weg geht man seit einem Jahr bei sueddeutsche.de. Die SZ hat ihre Kommentarfunktion unter normalen Artikeln komplett geschlossen, auch um die Diskussion wieder zu versachlichen. Debattiert werden können nur mehr drei ausgewählte „Themen des Tages“. „Mit der Umstellung hat sich die Qualität der Kommentare sichtlich verbessert“, sagt Daniel Wüllner, Redakteur für den Leserdialog. Auch wenn man natürlich dort immer mal wieder mit einem Troll zu kämpfen habe.

Rasanter Anstieg der Kommentare nach den Geschehnissen in Köln

Bei Zeit online hält man von einer Vorauswahl nichts. „Die Auseinandersetzung mit den Lesermeinungen sollte nicht themenabhängig sein“, betont Heike Gallery, Leiterin „Engagement“. Der Umgang mit Trollen sei ohnehin keine spezifische Problematik bei Flüchtlingsthemen, auch wenn das Thema aktuell die Leser natürlich sehr beschäftige. „Durch die Geschehnisse in Köln hatten wir bei Zeit online beispielsweise einen rasanten Anstieg der Kommentare“, sagt Gallery. „Klar, dass wir dadurch unsere Moderation immer wieder neu justieren müssen.“

Denn natürlich möchte kein journalistisches Medium Hass und Hetze eine Plattform bieten – ganz abgesehen davon, dass manche Kommentare schlicht justiziabel sind. Eine Moderation der Debatten findet deshalb so gut wie überall statt. Meist als Premoderation, das heißt, Kommentare werden vor der Freischaltung – wie auch bei bayerische-staatszeitung.de – vorab auf die Einhaltung der Netiquette geprüft. Aber auch die Postmoderation ist verbreitet: Kommentare, die gegen die Richtlinien der Redaktion verstoßen, werden im Nachhinein gelöscht. Bei Zeit online verfährt man zum Beispiel so. Allerdings testet man dort aufgrund des gesteigerten Kommentarbedürfnisses der User aktuell eine Premoderation bei neu angemeldeten Usern, um es ihnen zu „erleichtern, die Diskussionsregeln unserer Community kennenzulernen“, wie Gallery erklärt. Bei bild.de und welt.de kommt dagegen eine automatisierte Vorprüfung auf Grundlage bestimmter Wörter und Zeichensetzungsmuster zum Einsatz. „Diese identifiziert automatisch solche Kommentare, die eindeutig gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen, beziehungsweise solche, die eindeutig nicht zu beanstanden sind“, erklärt ein Sprecher des Axel-Springer-Verlags. Spezialisierte Moderatorenteams übernehmen den Rest.

Konsequentes Vorgehen kann Trolle vertreiben

Eine Art automatischen Filter für Hassbotschaften hat sich die CSU übrigens vor Kurzem auch für Facebook gewünscht. Und musste für diese Forderung jede Menge Häme einstecken. „Putzig“, nannte die medienpolitische Sprecherin der Landtags-Grünen, Verena Osgyan, die „Naivität der CSU“. Das Problem: Den Sinnzusammenhang kann eine Maschine schlicht nicht erkennen. Erinnert sei nur an die eifrige Nacktbilder-Zensur von Facebook, der auch schon Museumsseiten zum Opfer gefallen sind.

Auf den Facebook-Seiten der Nachrichtenportale, wo heute große Teile der Debatten zu journalistischen Inhalte stattfinden, ist die Moderation denn auch viel schwieriger. Dort lassen sich ausländerfeindliche Hasstiraden nur im Nachhinein löschen. Und angesichts der Flut an Postings rutscht dort immer mal wieder etwas durch. Mit konsequentem Vorgehen aber schreckt man rechte Pöbler ab, betont Tom Webel, Leiter der Online-Redaktion des Donau Kuriers. Er erkennt aber auch eine gewisse Selbstreinigungskraft. Als vor ein paar Wochen bekannt geworden ist, dass junge Flüchtlinge in nicht genutzten Räumen eines Schulzentrums untergebracht werden sollen, rief das sofort die üblichen Parolen auf den Plan. „Unsere Schüler müssen deswegen in Containern unterrichtet werden“, hieß es da, „um das harmloseste Beispiel zu nennen“, wie Webel erklärt. Binnen kurzer Zeit gaben die Schüler dieses Schulzentrums den Pöblern kontra, sachlich und auch polemisch. Mit Sprüchen wie „Hättest Du in der Schule besser aufgepasst, hättest Du jetzt einen besseren Job, müsstest Du jetzt nicht Mimimi machen.“ Und siehe da: Die Pöbler verstummten. (Angelika Kahl)

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