Politik

Zurzeit gibt’s viele freie Intensivbetten. Doch wer das wissen will, muss erst recherchieren. (Foto: dpa/Jens Büttner)

14.01.2022

Die Zahlencrux

Viele Corona-Daten sind unbekannt

Hannah Singer (Name geändert) aus München hatte einen schlechten Start ins Jahr 2022. Zwischen den Jahren ließ sich die 16-Jährige impfen, ihr Corona-Test fiel positiv aus. Das Jahr begann in Quarantäne. Sie dürfte kein Einzelfall sein. Gerade bei Omikron scheint die erste Impfung die Ansteckung sogar zu begünstigen, sagt Datenwissenschaftler Simon Hegelich von der Münchner Hochschule für Politik. Doch verlässliche Zahlen zur Inzidenz unter den 2,5 Millionen unvollständig Geimpften gibt es nicht. „Das Robert Koch-Institut hat alle nötigen Daten, gibt sie aber nicht raus“, klagt er. Die Zahlen seien nicht aussagekräftig, argumentiert das RKI. Auch würde Hegelich gern die Impfeffektivität berechnen. Doch weil der Genesenenstatus vor der Impfung nicht zuverlässig erhoben wird, ist unklar, welche Wirkung von der Impfung ausgeht und welche von der natürlichen Immunisierung.

Möglicherweise hat eine Unschärfe bei der Berechnung der Klinikinzidenz auch eine zu frühe Rot-Schaltung der bis 24. November gültigen Krankenhaus-Ampel und folglich verschärfte Corona-Maßnahmen verursacht. Kürzlich wurde bekannt, dass bayerische Krankenhäuser wegen des bürokratischen Aufwands pauschal alle positiv auf Corona Getesteten dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) melden, ohne zwischen den Ursachen für die Einlieferung zu differenzieren. „Es kann doch nicht sein, dass ein Patient ohne Symptome, der wegen eines Handbruchs behandelt werden muss, als hospitalisierter Corona-Patient gilt“, schimpft der FDP-Landtagsabgeordnete Dominik Spitzer. In Bundesländern, die differenzieren, war Corona lediglich bei 40 bis 68 Prozent der Menschen der Grund für die Hospitalisierung. Da sich bei der Omikron-Variante deutlich mehr Menschen anstecken, dürften immer mehr zufällig positiv Getestete in der Statistik landen. In England ist das bereits der Fall.

Das RKI will Berechnungen anderer Behörden nicht kommentieren. Eine Unterscheidung würde die Meldung der Hospitalisierungsrate noch weiter verzögern. Andreas Peichl, der sich am Münchner Ifo-Institut mit Corona-Daten für die Politikberatung beschäftigt, sieht ebenfalls keinen Grund, an der bisherigen Meldepraxis etwas zu ändern. Schließlich müssten auch Personen, die zufällig positiv getestet wurden, aufwendig isoliert werden. Grundsätzlich sei die Datenlage in Deutschland aber „katastrophal“.

Vor politischen Fehlentscheidungen durch falsche Zahlen warnt Bayerns FDP-Fraktionschef Martin Hagen. So wurde im Dezember bekannt, dass Corona-Infizierte mit unbekanntem Impfstatus vom LGL immer den Ungeimpften zugeordnet wurden, also bei 70 Prozent aller Fälle. In Wirklichkeit lag die Inzidenz der Geimpften dreieinhalb Mal höher als offiziell angegeben. Jetzt veröffentlichte das LGL Rohdaten, um Zweifel an der Berechnung zu beseitigen.

Viele freie Intensivbetten

„Die Werte zum Verhältnis der Inzidenzen zwischen Ungeimpften und Geimpften waren verzerrt und werden daher auch nicht mehr vom LGL berichtet“, erklärt Statistiker Helmut Küchenhoff von der LMU München. Um die Schwere der Pandemie zu erfassen, sollten grundsätzlich Neuaufnahmen auf Intensivstationen und Krankenhauseinweisungen betrachtet werden. „Hierbei sind aber wegen Meldeverzugs differenzierte statistische Analysen nötig und die Verwendung der einfachen Rohdaten ist eher problematisch.“ Küchenhoff wünscht sich mehr repräsentative Studien.

Laut Auswertungen der FDP sind die Inzidenzwerte sogar noch stärker verzerrt als angenommen. „Die Staatsregierung hat über Wochen hinweg mit falschen Zahlen Politik gemacht“, kritisiert Hagen. Dadurch sei der geimpften Bevölkerung eine falsche Sicherheit suggeriert und die Notwendigkeit von Auffrischungsimpfungen zu spät erkannt worden. FDP-Bundesvize Wolfgang Kubicki forderte deshalb den Rücktritt von Ministerpräsident Markus Söder.

Manchmal sind Daten allerdings auch eindeutig. So ist die Zahl der Menschen, die wegen Corona auf der Intensivstation behandelt werden, deutlich gesunken: bundesweit von rund 5000 auf 3000 und in Bayern sogar von rund 1100 auf knapp 450 Personen. Obwohl die Überlastung der Krankenhäuser immer als Argument für schärfere Maßnahmen genutzt wurde, werden diese Zahlen unter Verweis auf Omikron vernachlässigt. Würde die Krankenhaus-Ampel noch als Beleg genutzt, stünde sie derzeit auf Gelb. Zwar sind die Neuinfektionen in Deutschland auf einem neuen Höchststand. Zahlen aus Dänemark, England und den USA zeigen aber: Im Vergleich zur Delta-Variante führt Omikron zu weniger schweren Erkrankungen und damit zu einer deutlich geringeren Zahl an Klinikeinweisungen. Darauf weist inzwischen selbst Virologe Christian Drosten hin. Bisher vergebens.
(David Lohmann)

Kommentare (1)

  1. Nachdenker vor 1 Woche
    Und da wundern sich die Politiker über das schwindende Vertrauen in die Corona-Maßnahmen.
    Mit auf falschen Zahlen begründeten Einschränkungen liefert Ihr doch nur den Querdenkern und den Verschwörungstheoretikern eine Steilvorlage.
    Es stellt sich nur die Frage, ob die Statistiken nach Vorgaben aus der Politik erstellt worden sind, oder auf
    Zeitdruck ohne sich der Auswirkungen bewusst zu sein.
    Aufgrund des Verhalten des Einen oder Anderen Politikers glaubt man eher Ersteres.
    Sollte das der Fall sein, dann ist es mit unsere geschätzten Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht gut bestellt.
    Also, "liebe" Politiker seit in Zukunft ehrlicher, ansonsten wundert Euch nicht auch noch über so manches Wahlergebnis und gerechtfertigten Protest auf den Straßen.
    Die Lüge mit der Impflicht fällt Euch nämlich langsam aus die Füße.
    Ewas sarkastisches noch zum Schluss:
    Sonst wird der Spruch "Glaube keiner Statistik die du nicht selber gefälscht hast" zur Regel!!!!
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