Politik

Windkraft ist öko durch und durch – dachte man. Tatsächlich wird hier oft sehr viel klimaschädliches Schwefelhexafluorid frei. (Foto: dpa/Philipp von Ditfurth)

02.09.2022

Enttäuschte Erwartungen

Windräder sind so klimaschädlich wie der innerdeutsche Flugverkehr

Windkraft gilt als alternative Superenergie. Weshalb Deutschland, nicht nur wegen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, die Anzahl der Windräder bis 2030 deutlich erhöhen will. Auch Bayerns Staatsregierung hat nach jahrelanger Zurückhaltung mehr Ausnahmen von der 10H-Mindestabstandsregelung beschlossen. Doch ausgerechnet jetzt wird bekannt: In den bundesweit über 80.000 Schaltanlagen von Windrädern wird trotz Kritik von Umweltfachleuten Schwefelhexafluorid (SF6) verbaut. Selbst in der Bundesregierung glaubt man nach Recherchen der Staatszeitung, dass SF6 ähnlich stark zum Treibhauseffekt beiträgt wie der gesamte innerdeutsche Flugverkehr. Nur: Zitieren lassen will sich damit niemand.

Das Gas ist zwar der perfekte Isolator, hat aber eine fatale Eigenschaft. SF6 hat von allen bekannten Chemikalien die stärkste Treibhauswirkung: Es wirkt rund 22.500 Mal so stark wie Kohlendioxid, erklärt Carlo L. Bottasso vom Lehrstuhl für Windenergie der TU München. Selbst bei optimistischen Berechnungen wird es in der Atmosphäre erst nach 1500 Jahren zersetzt. Beim Betrieb entweichen rund 0,1 Prozent pro Jahr. Die meisten Emissionen entstehen allerdings bei der Demontage. Zwar haben die verbauten Schaltanlagen eine Lebensdauer von rund 40 Jahren, aber weil viele alte Windräder ineffizient sind, werden sie durch neue ersetzt.

Das Problem ist schon lange bekannt. Bereits im Kyoto-Protokoll der Vereinten Nationen wurde 1997 beschlossen, die SF6-Emissionen zu begrenzen. Das Gas kommt unter anderem auch in der Solarzellenproduktion zum Einsatz. Bislang gibt es aber nur eine freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie, das Gas fachgerecht zu entsorgen – Kontrollen finden nicht statt. Viele lassen den Stoff daher aus Kostengründen wohl einfach in die Umwelt entweichen. Zwischen 1973 und 2008 ist die jährliche SF6-Konzentration in der Atmosphäre auf das Zehnfache gestiegen.

Zweifel vom Umweltbundesamt

Das Umweltbundesamt (UBA) bezweifelt schon lange, ob die von der Industrie gemeldeten Emissionen korrekt sind, und spricht sich seit 20 Jahren für ein SF6-Verbot aus. Doch offenbar gab es in Brüssel starken Gegenwind. Laut dem Grünen-Fraktionsvorsitzenden im EU-Parlament, Bas Eickhout, waren vor allem deutsche Firmen gegen ein Verbot. „Umso wichtiger ist jetzt ein klares Signal gegen diesen Stoff mit seinem extrem hohen Treibhauspotenzial“, heißt es vom UBA. Doch die EU blockiert weiterhin ein Verbot. Ein aktueller Gesetzentwurf sieht vor, SF6 in Schaltanlagen europaweit bis mindestens 2030 weiter zu erlauben.

Windkraftanlagenhersteller wie Nordex sehen die Verantwortung für eine ordnungsgerechte Entsorgung beim Kunden. „Sollte SF6 freigesetzt werden, wird dies durch eine Signalleuchte angezeigt“, sagt eine Sprecherin. Da das Gas schwerer als Luft sei, sammele es sich am Boden an und könne durch eine Fachfirma abgesaugt werden. Dennoch würde das Unternehmen ein SF6-Verbot begrüßen. Dafür müssten aber „Industrie und die namhaften Hersteller von elektrischen Anlagen“ entsprechende Lösungen schaffen. Aktuelle Alternativen zum klimaschädlichen SF6 seien für größere Anlagen oder Windparks ungeeignet.

Das sieht das UBA anders. „Wir sind der Auffassung, dass es ausreichend Alternativen für SF6 in neuen Mittel- und Hochspannungsschaltanlagen gibt“, so eine Sprecherin. Nor-
dex-Konkurrent Siemens Gamesa fordert ebenfalls ein SF6-Verbot und erklärt, bereits SF6-freie Isolatoren in Offshore-Turbinen einzusetzen. „Isolierende Medien mit einem deutlich geringeren Treibhauspotenzial sind verfügbar“, heißt es aus der Firmenzentrale. Lediglich bei Onshore-Anlagen gebe es Nachholbedarf.

Grüne wollen davon nichts wissen

Obwohl Deutschland mit 65 Prozent EU-weit die meisten SF6-Emissionen produziert, wollen vor allem die Grünen von dem Thema nichts wissen. Die Grünen-Fraktionen im Bund und in Bayern lehnen auf BSZ-Anfrage eine Stellungnahme ab, das Bundesklimaschutzministerium von Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) verweist aufs Bundesumweltministerium. Bayerns Grünen-Chef Thomas von Sarnowski erklärt immerhin, dass der Klimanutzen von Windrädern selbst bei einem SF6-Austritt noch enorm sei. Unterstützung erhält er vom TUM-Windenergiefachmann Bottasso. Die Emissionen von Windrädern seien etwa 10.000 Mal kleiner als die fossiler Brennstoffe, ergänzt er.

Während die AfD in Bayern bei der Energiewende durch Windräder von „linksgrünen Träumereien“ spricht, sind sich Grüne und CSU weitgehend einig. „Die Klimagefahr durch SF6“, so ein Sprecher der CSU-Fraktion im Landtag, „ist für uns kein Argument gegen den Windkraftausbau.“

Das sah die bayerische Staatsregierung noch im Juni etwas anders: Im Bundesrat hatte sie einer von der Umweltministerkonferenz beschlossenen Initiative zugestimmt, die vorsah, den Einsatz von FS6 zumindest dort zu verbieten, wo es praxistaugliche Alternativen gibt..
(David Lohmann)

 

Kommentare (1)

  1. Raimund Kamm am 01.09.2022
    Das extrem klimaschädliche Schwefelhexafluorid, SF6, sollte grundsätzlich schon verboten sein und nur noch in Ausnahmefällen eingesetzt werden dürfen. Dies wurde schon vor elf Jahren beispielsweise im Deutschlandfunk dargestellt. 27.7.2011 https://www.deutschlandfunk.de/schwefelhexafluorid-supertreibhausgas-mit-100.html Da ist zu lesen, dass dieses SF6 noch in Reifen oder Thermopenscheiben gefüllt oder bei der Magnesiumproduktion verwendet wurde.

    Doch daraus abzuleiten, dass „Windräder so klimaschädlich wie der innerdeutsche Flugverkehr sind“ wird weder im Artikel belegt noch trifft es zu. Das meiste SF6 bleibt in den Schaltanlagen und kann, da es schwerer als die Luft ist, bei Leckagen gut aufgesaugt werden.

    Hoffentlich kommt nicht nächste Woche ein Artikel, dass die Elektroloks klimaschädlicher als der Autoverkehr sind.

    Raimund Kamm, Vorsitzender LEE Bayern
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