Politik

16.05.2019

Fridays for Future: Sollen Demos nur außerhalb der Unterrichtszeit stattfinden?

Immer wieder freitags: Statt in den Unterricht gehen Schüler auf die Straße, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Der Elternverband Bayerischer Realschulen fordert ein Ende der Demos während der Unterrichtszeit. Nur so werden wir gehört, kontern die Jugendlichen

JA

Andrea Nüßlein, Vorsitzende des Landeselternverbands Bayerischer Realschulen

Der Landeselternverband der Bayerischen Realschulen (LEV-RS) steht hinter der Bewegung  Fridays for Future, spricht sich aber mit Nachdruck gegen weitere Demonstrationen während der Unterrichtszeit aus.

Im Grunde genommen setzen die SchülerInnen den Artikel 1 des Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes (BayEUG) in die Tat um. Im Erziehungsauftrag heißt es „… Oberste Bildungsziele sind ... Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt. Die Schülerinnen und Schüler sind im Geist der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinn der Völkerversöhnung zu erziehen.“

Die Fridays for Future-Aktionen haben ihren Zweck erfüllt und etwas bewirkt: Die Bevölkerung wurde aufmerksam und die Politik steht unter Zugzwang und muss jetzt handeln. Und um das zu erreichen, war es wohl auch notwendig, die Freitagsdemos während des Unterrichts zu veranstalten, denn gerade dieser Umstand erhitzte die Gemüter.

Zu bewundern ist, dass unsere Kinder und Jugendlichen eigenverantwortlich in ihre Zukunft schauen und dafür kämpfen, dass wir Erwachsenen endlich die Augen öffnen und den Einfluss der Lobbyisten auf die Politik bekämpfen.

Klimaschutz fängt jedoch schon im Kleinen an. Dazu kann jeder Haushalt beitragen. Dies kann z.B. auch sein, dass Elterntaxis reduziert werden und die SchülerInnen auch mal den Weg zur Schule laufen anstatt mit dem Auto bis vors Schultor gefahren zu werden.

Der LEV-RS vertritt die Meinung, dass jetzt unter dem Stichwort „eigenverantwortliche und selbstbestimmte Schule“ die komplette Schulfamilie gefragt ist, eigene Konzepte zu erarbeiten, umzusetzen und dabei aber auch Unterstützung auf politischer Ebene zu fordern. Dies werden wir gerne unterstützen.

NEIN

Quentin Görres, Gymnasiast und Mitstreiter der Klimaschutz-Bewegung Fridays for Future

Während der Schulzeit streiken? Das wirkt wie schwänzen und unrechtmäßig Freizeit genießen? Falsch! Fridays for Future ist mit einer Einbuße von Freizeit die gesamte Woche über verbunden. Denn wir schwänzen nicht, wir streiken! Und das erfordert sehr viel Organisation.

Aber die Frage ist doch vor allem, warum so viele Menschen jeden Freitag auf die Straße gehen? Die Antwort: Sie haben Angst vor der Klimakatastrophe. Zu Recht. Denn uns rennt die Zeit davon. Die sogenannte Volksvertretung kümmert sich nur darum, in vier Jahren wiedergewählt zu werden. Wir aber haben Angst um die nächsten 40 Jahre. Deshalb stehen wir seit zehn Jahren auf der Straße, viele von uns waren schon bei den Anti-Atomkraft-Demos dabei. Trotzdem beziehen wir immer noch Kohle- und Atomstrom. Damals demonstrierten wir außerhalb der Unterrichtszeit. Nun haben wir erkannt, dass unser größtes Potenzial darin besteht, die Ordnung des Schulsystems zu stören, den Schulalltag unmöglich zu machen. Denn es geht nicht mehr darum, mit welchem Abi ich in die Lohnarbeit entlassen werde, sondern in welchem Alter die Erderwärmung mich in mein Grab entlässt.

Wir sind mit dieser Methode so weit gekommen, dass die Volksvertretung, die uns nicht vertritt, mit uns redet. Von oben herab zwar und ohne wirklich etwas zu verändern, aber sie redet mit uns. In London hat eine Woche des zivilen Ungehorsams zu Millionenverlusten in der die Umwelt ausbeutenden Wirtschaft geführt. Wir sind noch nicht so weit, der Wirtschaft Schaden zuzufügen, aber wir können den Schulalltag lahmlegen – denn ohne Schüler*innen läuft eine Schule nicht.

Nur so funktionieren unsere Demos. Wir Schüler*innen sind frustriert über Volksvertretung und Regierung, die ganz und gar nicht in unseren Interessen handeln. Wir sind frustriert und ausgelaugt von Leistungsdruck und Stress. Wir wollen etwas bewegen, und das tun wir. Denn es gibt viele Möglichkeiten, seinem Unmut Ausdruck zu verleihen, aber nur die unbequemen werden auch gehört.

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Kommentare (1)

  1. Manfred Bauer am 19.05.2019
    Dieses Bildungssystem hält Jugendoffiziere im Unterricht aus und mit Billigung der Eltern dem Unterricht wegen günstigerer Ferienflieger fernbleibende Schüler. Sehr vielsagend ist daher der Aufschrei und der Hinweis auf die böse Pflichtverletzung, wenn Heranwachsende das ökologische Verhalten der Generation ihrer Eltern und Großeltern hinterfragen und längst überfällige, bereits in internationalen Verträgen und Pressefotos verewigte „Besserungsabsichten“ einfordern. Ich bin Ü60 und erinnere mich an meine Schulzeit, bei der alles Außerschulische zwanghaft aus der Schule ferngehalten wurde. Mit dieser Erfahrung bin ich heilfroh um junge Menschen, die sozusagen trotz diese Bildungssystems nicht nur wirtschaftlich verwertbar werden, sondern auch eine intakte Umwelt und gesunde Lebensbedingungen erreichen und soziale Verantwortung übernehmen wollen.
    Natürlich wird es den jungen Leuten nicht schaden, den versäumten Stoff nachzulernen, aber die Unterrichtsverweigerung scheint trotz dieses so grundlegenden ökologischen Anliegens notwendig oder zumindest hilfreich zu sein, die gebotene Aufmerksamkeit für ihr und unser aller Anliegen zu erreichen. Damit ist es aber nicht getan. Nach jahrelangem, systematischen Unterlaufen wort- und bildreich geschlossener internationaler Verträge auch und vor allem durch Deutschland und seine Kanzlerin sind, wie fff zu Recht fordert, endlich wirksame Entscheidungen statt vernebelnder Worte und nur dem Profit dienlicher „freiwilliger Selbstverpflichtungen“ der Industrie zwingend notwendig.

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