Politik

Lichthof der Münchner LMU – die Unis in Bayern sollen mehr Autonomie bekommen. (Foto: dpa/Sven Hoppe)

19.02.2021

Großer Wurf oder Größenwahn?

Die bayerische Hochschulreform soll die Unis des Freistaats in eine Liga mit Harvard katapultieren – die Kritik ist groß

Der Widerstand wächst. Abzulesen ist er etwa von Schildern, die Regensburger Studierende in die Kameras halten: „Keine Studiengebühren durch die Hintertüre“ steht darauf. Oder: „Weil Wissenschaft nicht kommerzialisiert werden darf.“ Gefolgt jeweils von einem Hashtag: #notmyhochschulgesetz. Es ist die Facebook-Seite der Hochschulgruppe Regensburg der Bildungsgewerkschaft GEW, auf der man die Botschaften findet. Sie ist nicht die einzige Plattformen, auf der derzeit Menschen ihren Unmut über die geplante bayerische Hochschulreform kundtun. Menschen, die an bayerischen Hochschulen lernen, lehren, forschen.

So haben rund tausend Professor*innen einen offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder und seinen Wissenschaftsminister Bernd Sibler unterzeichnet, in dem sie vor Gefahren für die Hochschullandschaft warnen und eine breite Diskussion einfordern, wie sie während der Pandemie nicht möglich sei. Ähnlich die Stoßrichtung einer Gruppe von Studierenden und Wissenschaftlern aus dem akademischen Mittelbau, die ihre „Vision einer bayerischen Hochschullandschaft 4.0“ vorlegten.

 Bezug nehmen die Kritiker auf die Eckpunkte der Reform, die das Kabinett im Oktober 2020 beschlossen hat. Im Frühjahr soll ein Gesetzentwurf stehen, noch vor der Sommerpause soll er in Kraft treten. Erklärtes Ziel des Hochschulinnovationsgesetzes, so der volle Name, ist es, Bayerns Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften eigenständiger und wettbewerbsfähiger zu machen. Von einem Dreiklang von Forschung, Lehre und Transfer ist die Rede. Transfer ist neu und heißt: Die Hochschulen sollen ihr Wissen künftig stärker und direkter in die Gesellschaft einbringen, wobei unter Gesellschaft vor allem auch Wirtschaft zu verstehen sein dürfte. Schließlich ist die Hochschulreform Teil von Söders ambitionierter Hightech-Agenda. So sollen sich Professoren künftig neben Lehre und Forschung auch unternehmerisch betätigen können, etwa durch die Gründung eigener Start-ups. Dafür will Sibler Anreize wie Gründungsfreisemester schaffen.

Darüber hinaus sollen die Universitäten mehr Autonomie bekommen, etwa Berufungsverfahren selbst regeln und beschleunigen können, und mehr englischsprachige Studiengänge anbieten. Am Ende, so Siblers Plan, würden Bayerns Hochschulen nicht mehr in einer Liga mit der Ruhr-Universität Bochum oder der Freien Universität Berlin spielen, sondern mit Harvard, Cambridge und Co.

Eine Angst: Unipräsidenten agieren künftig wie Konzernchefs

Klingt nach großem Wurf, finden die Befürworter der Reform, darunter einige Hochschulpräsidenten. Klingt nach Größenwahn, finden dagegen die Kritiker. „Diese Illusion, wir wollen wie Harvard, Stanford oder ähnliche Kaliber werden, ist doch wirklich abgeschmackt“, mokiert sich etwa Stephan Lessenich, Soziologie-Professor an der Münchner LMU. „Das war vor 20 Jahren der Hype. Dabei wissen wir doch, dass die deutsche Hochschullandschaft völlig anders institutionalisiert und gewachsen ist. Jetzt diesen alten Hut Harvard wieder hervorzuzaubern passt zwar zu dem bayerischen Großkopfertentum, ist aber im Grunde nur peinlich.“

Der Regensburger Physik-Professor Ferdinand Evers wiederum kritisiert, der Freistaat wolle seine Hochschulen zu reinen Zulieferern der Wirtschaft umfunktionieren, die Wissenschaftslandschaft in Bayern werde bald nicht mehr wiederzuerkennen sein. „Wir müssen dann so arbeiten, wie der Markt unsere Produkte aufnehmen kann.“ Vieles, was die Hochschulen leisteten, finde aber in einem solchen Verwertungsdenken kein Platz. „Unser Auftrag liegt viel tiefer. Und der hat was mit Bildung zu tun und letztlich mit der Verankerung des vernünftigen Denkens in der Gesellschaft. Darauf kommt es an und nicht darauf, dass wir irgendwelche Autos besser bauen.“

In den USA beispielsweise seien die Universitäten viel elitärer – aber deshalb auch weniger in der Gesellschaft verankert. „So können vernunftsferne Gedanken, also etwa diese ganzen Verschwörungstheorien, dort auch viel leichter Fuß fassen.“ Dass Deutschland bislang stabiler gegen solche Tendenzen sei, sei auch ein Verdienst der Hochschulen.

Kritiker fürchten auch, dass die Freiheit der Hochschulen mehr eine Freiheit der Hochschulpräsidenten sein werde und diese agieren könnten wie Konzernchefs. Das sei auch seine größte Sorge, sagt Soziologe Lessenich: „Eine zukünftige Universitätsleitung könnte sagen, dieser ganze Mitbestimmungskram, das brauchen wir nicht mehr, ab jetzt gibt es eine schlanke Hierarchie mit ganz wenigen Entscheidungsinstanzen.“

Auch dass Geistes- und Sozialwissenschaften künftig das Nachsehen hätten und etwa bei der Vergabe von Geldern leer ausgingen, weil sie wenig wirtschaftlich Verwertbares anzubieten hätten, fürchtet Lessenich. „Es ist ja überhaupt ein Geburtsfehler dieser Reform, dass sie in den Kontext der Hightech-Agenda gestellt wird. Dabei sind das zwei Paar Schuhe.“

Minister Sibler indes zeigt sich überrascht angesichts des Gegenwinds, der ihm entgegenschlägt – und geht in die Erklärungsoffensive. Drei Termine für Video-Live-Streams hat das Ministerium angesetzt, in denen Sibler noch einmal seine Vorstellungen einer Hochschulreform erläutern und Fragen beantworten will. Beim ersten Live-Stream sind immerhin 2600 Zuschauer*innen dabei. Sibler spricht von Missverständnissen. „Wir wollen gerade keine Ökonomisierung der Hochschulen und keine undifferenzierte Output-Orientierung“, verspricht er. Es würden auch keine demokratischen Strukturen zerschlagen, im Gegenteil: Eine Studierendenvertretung werde im Gesetz verankert. Es gehe nicht darum, gute Strukturen zu zerschlagen, sondern das Bestehende zu ergänzen. In Sachen Gleichberechtigung gibt sich Sibler selbstkritisch und kämpferisch zugleich. Frauen hätten nur einen Anteil von rund 20 Prozent im bayerischen Wissenschaftsbetrieb, Bayern sei damit Schlusslicht in Deutschland. „Das ist schlicht schlecht. Das müssen und werden wir unbedingt ändern.“

Und Sibler betont: Es entstünden bestimmt keine Nachteile für Fächer, die keinen Transfer in die Wirtschaft leisteten. Dafür spreche schon seine eigene Biografie, so der Deutsch- und Geschichtslehrer. „Ich will einfach nicht mehr, dass tolle Dinge in Bayern erfunden werden, aber dann nicht mehr hier produziert werden.“
(Dominik Baur)

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