Politik

17.11.2023

Gut, wenn man ein Auto hat!

Ein Kommentar von André Paul

555 Euro mehr pro Monat: Ist nicht wenig, aber noch nachvollziehbar. Das Lohnplus, welches die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) fordert, ergibt im Schnitt sogar einen geringeren Zuwachs als die seit 1. September 2023 geltenden 5,2 Prozent sowie die 3,3 Prozent ab 1. August 2024, die von der IG Metall für ihre Leute ausgehandelt wurden. Andererseits sind die 11 Prozent mehr, welche die Deutsche Bahn bot, auch keine ganz schlechte Offerte; das entspricht dem Zuwachs der Verdi-Beschäftigten. Man hätte verhandeln können, noch nicht mal ein Schlichter war eingeschaltet.

Doch GDL-Chef Claus Weselsky will keinen Kompromiss. Er bekommt nicht alles, was er fordert – und kündigt deshalb Streiks an. Nicht zuletzt das pampige und latent aggressive Verhalten des Gewerkschaftsbosses führt dazu, dass sich die Lokführer*innen die Sympathien in der Bevölkerung verscherzen.

Bedauerlicherweise wird Weselsky am Ende wohl damit durchkommen; verhasst zu sein ist ihm ziemlich egal. Die DB AG gehört schließlich noch immer dem Bund. Und das Szenario von Millionen gestrandeten Reisenden sowie durch große Staus verstopften Autobahnen dürfte dazu führen, dass die Politik Druck auf das Bahn-Management ausübt, den Forderungen der GDL nachzugeben. Ohnehin sitzen die am längeren Hebel: Es gibt nun mal viel zu wenig Lokführer*innen.

Mittelfristig kann die Strategie deshalb nur lauten: Der Kampf gegen das Auto muss aufhören. Pkw werden noch viele Jahre ein unverzichtbares Transportmittel für weite Teile der Bevölkerung bleiben. Ein weitgehender Umstieg auf die Bahn ist aktuell nicht machbar. Denn mehr Züge können schlicht nicht fahren: Eine Umsetzung von Weselskys Forderungen, zu denen ja auch die Viertagewoche zählt, würde rund 10 000 zusätzliche Lokführer*innen erfordern. Die gibt es aber nicht.

Langfristig muss dringend das Modell der automatisch gesteuerten Lok vorangetrieben werden. Das Beispiel der seit über zehn Jahren weitgehend reibungslos fahrenden Nürnberger U-Bahn zeigt: Es ist technisch machbar. Was im ÖPNV funktioniert, ist auch im Fernverkehr nicht unmöglich. Wenn eines Tages alle Züge führerlos durchs Land rollen können – dann hat auch das Erpressungspotenzial des Claus Weselsky ein Ende.
 

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