Politik

Fadumo Korn lebt heute in München - und führt einen engagierten Kampf gegen Genitalverstümmelung bei Mädchen. (Foto: BSZ)

12.04.2018

"Ich bin kein Opfer, ich bin eine Überlebende"

Fadumo Korn über ihr Leiden durch die Genitalverstümmelung, die Gefahr, dass Mädchen auch in Deutschland beschnitten werden und wie man ihnen am Besten helfen könnte

In Deutschland ist die weibliche Genitalverstümmelung seit 2013 verboten. Dennoch leben hierzulande immer mehr Mädchen, denen die Beschneidung droht, warnen Frauen- und Menschenrechtsorganisationen. Wenn das Gesetz nicht hilft – was dann? Eine, die sich seit vielen Jahren für diese Mädchen kämpft, ist Fadumo Korn. Im Alter von sieben Jahren erlitt sie in Somalia die pharaonische Beschneidung, die radikalste Form der Genitalverstümmelung. Heute sagt die 54-Jährige: "Ich bin kein Opfer, ich bin eine Überlebende." Seit 1979 lebt Korn in München, heiratete dort, bekam einen Sohn. 2011 wurde sie für ihren Einsatz gegen die Genitalverstümmelung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

BSZ: Wie vielen Mädchen in Deutschland droht die Genitalverstümmelung?
FADUMO KORN: Nach den Zahlen der Frauenrechtsorganisation Terre de Femmes sind in Deutschland 13.000 Mädchen von der Genitalverstümmelung bedroht. Wobei es sich hierbei um eine Schätzung handelt. Genau wissen wir es einfach nicht. Genitalverstümmelung ist ein Thema, das von allen Seiten, von der Öffentlichkeit wie von den Betroffenen, mit einem tiefen Schweigen belegt ist.

BSZ: Sind diese Mädchen auch in Deutschland in Gefahr, werden sie auch hier beschnitten?
KORN: Bisher gibt es keinen einzigen bekannten Fall. Dennoch: Die Gefahr besteht, dass auch in Deutschland junge Mädchen beschnitten werden. Die Menschen, die aus Ländern wie Somalia oder Eritrea nach Deutschland geflohen sind, legen ihre Kultur und ihre Tradition ja nicht an der Landesgrenze ab. Und Genitalverstümmelung ist, so erschrecken das ist, für viele dieser Menschen noch ein Teil ihrer kulturellen Identität.

"Welches junge Mädchen zeigt seine Eltern an,
welches Familienmitglied geht zur Polizei?

BSZ: Wer aber würde in Deutschland junge Mädchen beschneiden?
KORN: Es gab vor einigen Jahren mal einen Fall, da hat ein Arzt Beschneidungen angeboten. Wenn eine Familie die Tochter beschneiden lassen, wird sie einen Weg und eine Beschneiderin finden. Notfalls im europäischen Ausland, wie in Frankreich, England oder den Niederlanden, also in Ländern mit großen afrikanischen Einwanderungsgemeinden.

BSZ: In Deutschland ist die Genitalverstümmelung seit 2013 verboten, seit 2015 machen sich die Eltern auch dann strafbar, wenn sie ihre Tochter zur Beschneidung ins Ausland bringen. Dennoch gibt es kaum Strafanzeigen zu dem Delikt. Warum?
KORN: Das ist ganz einfach: Die Eltern, die ihre Tochter beschnitten haben lassen, sagen: „Du darfst mit niemandem darüber sprechen. Wenn du was sagst, werden sie dich aus unserer Familie holen. Wenn du was sagt, wirst du unsere Familie zerstören.“ Welches junge Mädchen wird seine Eltern anzeigen?  Welches andere Familienmitglied wird zur Polizei gehen? Niemand. Der Druck, der von der Familie ausgeübt wird, ist viel zu groß.

BSZ: Ist das Gesetz also nutzlos?
KORN: Nein auf keinen Fall. Das Gesetz ist ein wichtiges Signal. Aber das reicht nicht. Nehmen Sie Ägypten. Dort ist die Genitalverstümmelung seit 2008 verboten, dennoch sind dort noch immer rund 90 Prozent der Frauen beschnitten. Ohne intensive Aufklärungsarbeit ist selbst das beste Gesetz nutzlos.  Es geht bei der Genitalverstümmelung um eine uralte Tradition, die sehr, sehr tief in den Köpfen der Menschen verankert ist. Wenn wir die Mädchen hier und auch in den anderen Ländern schützen wollen, müssen wir die Menschen zum Umdenken bewegen. Das braucht sehr viel Zeit und natürlich auch Geld.

"Die Politik lässt uns alleine, nimmt
Genitalverstümmelung als Problematik nicht ernst"

BSZ: Stellen Bund und Länder hier genügend Mittel zur Verfügung?
KORN: Nein, die Politik lässt uns alleine. Genitalverstümmelung wird als Problematik nicht ernst genommen, dementsprechend gibt es kaum Mittel. Alle, die wir uns gegen die Genitalverstümmelung einsetzen, arbeiten hauptsächlich ehrenamtlich. Wir engagieren uns aus Überzeugung, aber auch unseren Kräften sind Grenzen gesetzt.

BSZ: Wie wird die Genitalverstümmelung heutzutage noch begründet?
KORN: Die Argumente haben sich über die Jahrhunderte kaum verändert. Es geht um die Reinheit der Frau. Es geht darum, die Sexualität der Frau zu kontrollieren. Eine Frau, die nicht beschnitten ist, ist nichts wert, kann nicht verheiratet werden, und läuft außerdem Gefahr, nicht als Jungfrau in die Ehe zu gehen. Somit steht auch die Ehre der Familie auf dem Spiel. Und dann gibt es noch religiöse Argumente, die aber nur vorgeschoben sind. Keine Religion, auch nicht der Islam, verlangt die Genitalverstümmelung.

BSZ: Welche Formen der Beschneidung gibt es?
KORN: Grundsätzlich unterscheidet man drei Typen: Bei der ersten Form wird die Spitze der Klitoris abgeschnitten, bei Typ II die gesamte Klitoris. Bei Typ III, der sogenannten pharaonischen Beschneidung, die ich auch erlitten habe, wird das gesamte äußere Geschlecht inklusive der inneren Schamlippen abgetrennt und weggeschabt. Dann werden die großen Schamlippen vernäht, bis auf eine kleine Öffnung, damit  Menstruationsblut und Urin abließen können.

"Ich war bereit zu sterben, wurde schwer krank.
Meine Mutter hatte bereits das Leichentuch gekauft"

BSZ: Sie waren sieben Jahre alt, als sie in Somalia beschnitten wurden. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag?
KORN: Es vergeht auch heute noch kein Tag, an dem ich nicht an diesen Tag zurückdenke. Ich weiß noch, wie der Wind sich angehört hat. Ich weiß, wie die Erde gerochen hat. Und ich kann spüren, wie die Beschneiderin die Klinge angesetzt hat, wie mir das Blut an den Beinen entlanggelaufen ist. Ich höre mich schreien. Es gibt auf der ganzen Welt kein Wort, das die Schmerzen beschreiben kann, die ich gespürt habe.

BSZ: Wussten Sie an diesem Tag, dass sie beschnitten werden sollten?
KORN: Ich wusste, dass etwas Schlimmes passieren würde. Ich hatte den ganzen Tag ein komisches Gefühl. Aber was genau passieren würde, das wusste ich nicht. Es ist ein Thema, über das niemand spricht.

BSZ: Wie ging es Ihnen nach der Beschneidung?
KORN: Ich war bereit zu sterben. Noch viele Monate nach der Beschneidung stand meine Seele an der Schwelle des Todes. Ich wurde schwer krank. Viele Mädchen sterben nach der Beschneidung, meine Mutter hatte für mich bereits das Leichentuch gekauft. Dass ich überlebte, war ein Wunder. Weil ich aber nicht gesund wurde, wurde ich mit acht Jahren zu einem reichen Onkel nach Mogadischu geschickt, der mich von Ärzten behandeln ließ.   

"Ich musste lange dafür kämpfen, sexuelle Gefühle zulassen
zu können. Vielen anderen wurde jede Sexualität genommen"

BSZ: Es ging Ihnen dann besser?
KORN: Ja, aber die Schmerzen blieben. Frauen, die wie ich beschnitten und zugenäht wurden, können nicht normal auf die Toilette gehen. Der Urin fließt nur tröpfchenweise und unter Schmerzen ab. Als meine Menstruation einsetzte, konnte das Blut nicht abfließen. Es war, als ob ein wildes Tier in mir wüten würde.

BSZ: Als Sie über Umwege nach München kamen, haben Sie sich operativ wieder öffnen lassen.
KORN: Körperlich geht es mir seitdem besser, aber die seelischen Verletzungen bleiben. Ich habe lange dafür gekämpft, mich und meinen Körper anzunehmen. Und ich musste lange dafür kämpfen, sexuelle Gefühle zulassen zu können. Viele andere Frauen haben dieses Glück nicht. Ihnen wurde jegliche eigene Sexualität mit der Beschneidung genommen. 

BSZ: Wie kommen Sie hier in Kontakt mit betroffenen Frauen?
KORN:  Oft werde ich von Behörden angerufen, vom Jugendamt oder der Polizei. Oder es melden sich Lehrer oder Erzieher bei mir. Ich leite mit meinem Verein NALA zudem eine Mädchengruppe in München, in der ich mit beschnittenen Frauen arbeite und versuche, ihnen ein Teil des Traumas, das sie erlitten haben, zu nehmen. Ich unterstütze die Frauen auch dabei, wenn sie sich heimlich wieder öffnen lassen wollen.

BSZ: Die Frauen müssen das heimlich machen?
KORN: Ja, die Familie darf das nicht erfahren, weil sie sofort dafür sorgen würde, dass die Frau wieder zugenäht wird. Es ist ein langer Weg, bis sich die Frauen das trauen, aber auch hier helfe ich ihnen.  Sie kommen unter einem Vorwand ins Krankenhaus, und später müssen sie so tun, als seien sie noch immer zugenäht. Das heißt beispielsweise, sie müssen mindestens 15 Minuten auf der Toilette bleiben und niemand darf hören, dass sie jetzt einen Harnstrahl haben.   

BSZ: Werden diese Frauen ihre Töchter einmal beschneiden lassen?
KORN: Nein, und genau das ist der Sinn unserer Arbeit.
(Interview: Beatrice Oßberger)

Was sagt die Politik zu den Forderungen von Fadumo Korn? Und wie ist die Situation in Bayern? In der Bayerischen Staatszeitung vom 13. April 2018 finden Sie einen Hintergrundbericht zum Thema Genitalverstümmelung.

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