Politik

Schlafen unter der Brücke: Ein Wohnungsloser in München. (Foto: dpa)

09.10.2015

Kein Haus, kein Auto, keine Perspektive

In München und anderen Städten im Freistaat wuchs die Zahl der Wohnungslosen schon vor der Flüchtlingswelle deutlich

Obdachlosigkeit ist auch im reichen Bayern ein wachsendes Problem: In München ist derzeit fast jeder 200. Bürger wohnungslos. Im Umland sieht es oft nicht viel besser aus. Selbst im 70 Kilometer von München entfernten Ingolstadt verzeichneten die Behörden von Ende 2012 bis Mai dieses Jahres einen Anstieg der gemeldeten Wohnungslosen um 38 Prozent. Und auch in anderen Teilen des Freistaats legte deren Zahl deutlich zu.

Es ist noch nicht lange her, da merkte Samar K., dass er anders aufwächst als die meisten Gleichaltrigen – etwa, wenn es regnete: Wenn Freunde zu ihm nach Hause wollten, musste er das ablehnen. „Wir haben ja nicht genug Platz zum Spielen“, sagte der 14-Jährige dann beispielsweise. Über ein Jahr lang lebte er mit seiner wohnungslosen Familie in einem Notquartier eines Wohlfahrtsverbands im Münchner Vorort Planegg. Bad und Küche teilten sich dort 15 Menschen. Samar, sein zwölfjähriger Bruder, seine sechsjährige Schwester und die Eltern lebten in zwei Zimmern des alten Hauses auf gut 30 Quadratmetern. Häufig sorgen die beengten Verhältnisse für Streit – etwa, wenn ein Teil der Familie fernsehen will, der andere aber spielen. „Zu fünft bleibt keine Privatsphäre“, sagt Vater Raj.

Auch die Mittelschicht ist immer öfter betroffen

Hier im Süden von München prallen immer öfter die Gegensätze von Arm und Reich aufeinander. Familie K. hat seit September wieder ein eigenes Zuhause – eine Wohnung der Gemeinde. Doch die Zahl der Menschen ohne eigenes Zuhause sei zuletzt ausgerechnet im wohlhabenden Großraum München massiv gestiegen, berichtet Thomas Duschinger von der Wohnungslosenhilfe Südbayern: „Anders als früher sind zunehmend auch Alteingesessene aus der unteren Mittelschicht betroffen, die sich die Wohnungen schlicht nicht mehr leisten können.“ Darunter seien immer mehr Familien. Auch beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Oberbayern heißt es, Wohnungslosigkeit gehöre in München und seinem Umland „längst auch für Normalverdiener zur Realität“.

Kein Wunder: München wächst pro Jahr um gut 25 000 Einwohner, im Mai wurde die 1,5 Millionen-Marke geknackt. Laut städtischem Sozialreferat entstehen an der Isar jährlich etwa 6000 bis 7000 zusätzliche Wohnungen. Um den Bedarf zu decken, müssten es jedoch etwa doppelt so viele sein – und dabei ist die große Flüchtlingszahl der vergangenen Wochen noch nicht einmal eingerechnet. Wer auf Internet-Seiten wie immowelt.de nach einer Mietwohnung in München sucht, sah sich zuletzt mit Preisen von etwa 18 Euro pro Quadratmeter konfrontiert, bei weniger als 40 Quadratmetern war es sogar noch einmal die Hälfte mehr.

Doch 900 Euro Kaltmiete für 50 Quadratmeter ist für viele Menschen mit Durchschnittsgehalt zu viel. „Wer seine Wohnung verliert, kann sich nicht selten schlicht keine neue leisten“, sagt Anja Franz, Sprecherin des örtlichen Mietervereins. Immer öfter wenden sich Münchner, die ihre Wohnung verlassen müssen, an den Verein. Etwa, wenn eine energetische Sanierung oder der neue Aufzug die Miete auf einen Schlag um einiges nach oben treiben.

Mitunter werden bezahlbare Wohnungen auch einfach abgerissen. Da ist etwa das Rentnerpaar im zentrumsnahen Glockenbachviertel: Weil ihr Mietshaus einem Neubau weichen soll, mussten sie vor Kurzem ihre Wohnung verlassen – nach beinahe fünf Jahrzehnten. Obwohl der Mann sein Leben lang bei einem Autobauer am Band geschuftet hatte und der alte Vermieter eine ordentliche Abfindung zahlte, fanden sie keine Ersatzwohnung.

Der Trend ist klar: Lebten Ende 2010 in München nur rund 2400 Menschen in von der Stadt und Verbänden bereitgestellten Notquartieren, Pensionen oder Gemeinschaftsunterkünften, waren es Ende April dieses Jahres laut Sozialreferat bereits knapp 4700. Hinzu kommen nach Angaben der Behörde noch etwa 550 Menschen, die sich auf der Straße durchschlagen – Ende 2010 waren es lediglich 340. Geschätzt weitere 2000 Wohnungslose sind einem Behördensprecher zufolge nur deshalb nicht in der Statistik erfasst, weil sie vorläufig bei Freunden, der Familie oder anderswo notdürftig privat unterkommen. So etwa das Rentnerpaar aus dem Glockenbachviertel, das mangels Alternativen getrennt voneinander beim Sohn und bei der Tochter einziehen musste.

Rechnet man diese Menschen hinzu, ist derzeit fast jeder 200. Münchner wohnungslos. Und es trifft immer öfter die schwächsten der Gesellschaft: Die Zahl der notdürftig untergebrachten Kinder stieg in der bayerischen Landeshauptstadt seit Oktober 2012 von gut 800 auf zuletzt fast 1400. Im Umland sieht es oft nicht viel besser aus. Selbst im 70 Kilometer von München entfernten Ingolstadt verzeichneten die Behörden von Ende 2012 bis Mai 2015 einen Anstieg der gemeldeten Wohnungslosen um 38 Prozent. Und auch in anderen Teilen des Freistaats legte deren Zahl deutlich zu. In Würzburg wuchs die Zahl der Menschen, die von der Stadt oder einem Sozialverband in einer Notunterkunft oder Pension untergebracht wurden, von Mai 2012 bis Mai 2015 um 23 Prozent. Nürnberg ließ eine BSZ-Anfrage unbeantwortet. In den meisten Städten wie etwa Augsburg fehlt eine Wohnungslosenstatistik bislang ohnehin.

Die hohe Zahl der Menschen ohne feste Bleibe „ausgerechnet im reichen Freistaat“ sei „alarmierend und beschämend“, ärgert sich Thomas Beyer, Chef der bayerischen Arbeiterwohlfahrt: „Viele dieser Menschen gehen einer geregelten Arbeit nach.“ Aus seiner Sicht war der Anstieg seit Längerem vorhersehbar. „Die Kluft zwischen Arm und Reich wird in Bayern schließlich immer größer.“ Er fordert für Bayern eine Wohnungslosenstatistik, wie es sie bereits in Nordrhein-Westfalen gibt.

Die Zahl der Sozialwohnungen sinkt

Anderswo in der Republik wuchs die Zahl der Menschen ohne feste Bleibe zuletzt in weit geringerem Tempo als im Freistaat. In Köln etwa stieg die Zahl der gemeldeten Wohnungslosen von Mitte 2008 bis Mitte 2014 um 27 Prozent, in Bremen von 2008 bis Ende 2013 um etwa sechs Prozent. Auch andere Städte wie Frankfurt oder Hamburg verzeichneten seit 2008 einen weniger deutlichen Anstieg als München – dort betrug das Plus 112 Prozent.

Noch liegt die bayerische Landeshauptstadt pro Kopf hinter einzelnen Städten wie Köln, wo bereits 2014 auf 10 000 Einwohner 51 Wohnungslose kamen. Allerdings wuchs die Zahl der Wohnungslosen in München bereits vor dem jüngsten Flüchtlingsanstieg im August und September um etwa hundert pro Monat. Deshalb rechnen Sozialverbände damit, dass die Isar-Metropole auch auf die Einwohnerzahl gerechnet bald Spitzenreiter sein könnte.

Ein Grund für die wachsende Zahl von Menschen ohne eigenes Zuhause vor allem in Oberbayern sind auch fehlende Sozialwohnungen. Deren Zahl sank in München von 72 000 im Jahr 1990 auf heute gut 44 000. Pro Jahr werden dort nur 3400 dieser Wohnungen frei, ihnen stehen 23 000 Interessenten gegenüber.

Samar K. hofft derweil darauf, irgendwann ein Leben zu führen wie die meisten anderen Kinder. (Tobias Lill)

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