Politik

Bei den Sprachtests für Zuwanderer liegt einiges im Argen. (Foto: dpa/Sven Hoppe)

29.11.2019

"Manchen Leuten müssen wir mehr Zeit geben"

Ingo Schöningh, Leiter des Goethe-Instituts Mannheim, über den geringen Erfolg von Migranten-Sprachtests und was sich hier ändern muss

Eine gemeinsame Studie des Leibniz-Instituts für deutsche Sprache und des Goethe-Instituts Mannheim sorgt für Aufsehen: Danach erreichen lediglich 5,5 Prozent der Teilnehmer an Integrationskursen das Sprachniveau B1. Interessanterweise kommt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zu stark abweichenden Erfolgszahlen – wonach 62 Prozent der Teilnehmer B1 erreichen. Was ist da los? Und was muss besser werden?

BSZ: Herr Schöningh, wie sind die Sprachtests abgelaufen, die Ihrer Studie zugrunde liegen?
Ingo Schöningh: Das war ein zweistufiges Verfahren. Zunächst haben wir im Jahr 2016 bei rund 600 Teilnehmern in 42 Integrationskursen die biografischen, sprachlichen und beruflichen Daten ermittelt. Also: Was sind das für Leute in den Kursen, welchen Bildungshintergrund haben sie, woher kommen sie, wie alt sind sie. Wir sind dazu in die Länder mit den höchsten Kursteilnehmerzahlen gegangen, außerdem noch in ein ostdeutsches Bundesland. Also nach Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Sachsen. Ein halbes Jahr später, also 2017, sind wir erneut in die Kurse gegangen, die nun kurz vor ihrem Abschluss standen. Dort haben wir geschaut, wen wir wieder treffen, und haben die etwa 500 Teilnehmer des Integrationskurses mit einer mündlichen Sprachaufgabe konfrontiert. Dazu haben wir ihnen verschiedene Fragen gestellt und die Antworten aufgezeichnet. Es ging ausschließlich darum, dass die Teilnehmer über ihre Berufswünsche sprechen. Das sind Dinge, die Absolventen des Sprachtests Level B1 beherrschen sollten.

BSZ: Erklären Sie bitte kurz, wie viele Sprachtest-Level es gibt und worin die sich unterscheiden.
Schöningh: Es gibt sechs unterschiedliche Niveaustufen: A1, A2, B1, B2, C1, C2. Dabei ist C2 das höchste Sprachniveau, es entspricht muttersprachlicher Kompetenz, A1 ist das unterste Level, da kann man ein paar Brocken Deutsch. Wer in Deutschland einen Integrationskurs besucht, von dem wird erwartet, dass er nach sechs Monaten auf dem Niveau B1 sprechen kann. Das heißt beispielsweise: Der Teilnehmer kann über seine beruflichen und andere Erfahrungen sprechen und seine Wünsche und Ziele bezüglich einer Ausbildung ausdrücken. Er kann also sagen, was er arbeiten möchte und warum. Das nächstniedrigere Level A2 umfasst im berufsbezogenen Zusammenhang etwa die Fähigkeit, einen Berufswunsch zu äußern und einfache Informationen über eine bestimmte Ausbildung erfragen zu können.

BSZ: Kommen wir zu den erschreckenden Ergebnissen Ihrer Studie. Nur 5,5 Prozent der Teilnehmer erreichten das Level B1. Es gibt hier eklatante Unterschiede zu den Erfolgszahlen des Bundesamts für Migration – das behauptet, 62 Prozent der Kursteilnehmer erreichen das B1-Niveau. Was ist da los?
Schöningh: Die 62 Prozent beziehen sich nur auf die, die den Test auch absolvieren. Zudem unterschied sich unsere Aufgabe vom offiziellen Deutschtest DTZ, dessen Bestehensquoten das Bundesamt zitiert. Aber ich kann nicht alles erklären. Wir waren selbst überrascht. Allerdings muss man festhalten: Von denen, die einen Integrationskurs besuchen, haben wir am Ende nur noch 50 Prozent in den Kursen wiedergefunden.

"Wir waren selbst überrascht von den Ergenissen"

BSZ: Wie unterscheidet sich der Test, den das Bamf durchführt, davon, was Sie geprüft haben?
Schöningh: Das Bundesamt führt den offiziellen Deutschtest für Zuwanderer (DTZ) durch; er besteht aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil. In der jetzigen Studie haben wir zusammen mit dem Leibniz-Institut für deutsche Sprache nur eine mündliche Aufgabe durchgeführt – und alle Leute in dem Integrationskurs haben daran teilgenommen, kurz vor Beendigung des Kurses. Sicher spielt auch eine Rolle, dass wir uns auf das Thema Beruf konzentriert haben. Was wir auch richtig finden, das ist ja wichtig. Und da waren die Teilnehmer überfordert. In den Kursen des Bamf geht es nicht nur um das Themenfeld Beruf, sondern vor allem um anderes: Wie verständige ich mich auf einem Amt, wie rede ich mit Freunden, solche Sachen.

BSZ: Welche Nationalitäten haben am besten abgeschnitten?
Schöningh: Das kann ich nicht sagen, das war für uns nicht so relevant. Wir haben im Lauf der Untersuchung gemerkt, dass das nicht entscheidend ist für den Spracherwerb. So wie auch der Aufenthaltsstatus nicht entscheidend ist. Das heißt, es spielt keine Rolle, ob jemand geflohen ist oder beispielsweise aus dem europäischen Ausland nach Deutschland gezogen ist, um hier eine Arbeit zu finden.

BSZ: Was ist dann entscheidend für den Spracherwerb?
Schöningh: Das Alter ist ein sehr wichtiger Faktor. Ebenfalls entscheidend ist der Bildungshintergrund sowie die Mehrsprachigkeit, also, ob die Person bereits eine Fremdsprache beherrscht.

BSZ: Und welche Leute brechen die Sprachkurse ab?
Schöningh: Wir haben die Teilnehmer in der ersten Studie in fünf Gruppen unterteilt: Hoffnungsträger, Durchstarter, Langmigrierte, Spätausgewanderte, Unterprivilegierte. In allen Gruppen haben wir zahlreiche Kursabbrüche, aber besonders betroffen sind die sogenannten Durchstarter und die Unterprivilegierten. Es liegt nahe, dass diese einerseits unterfordert oder andererseits überfordert sind.

"Müssen wirklich alle gleich schnell lernen?"

BSZ: Was machen die Abbrecher dann eigentlich?
Schöningh: Viele werden umgezogen sein, da sie einer anderen Kommune zugeordnet wurden, und nun dort einen anderen Kurs besuchen. 2017 war natürlich aufgrund des großen Zuzugs eine herausfordernde Zeit. Aber genau wissen wir das nicht.

BSZ: Gibt es bayerische Besonderheiten mit Blick auf die Studienergebnisse?
Schöningh: Mir sind keine bekannt.

BSZ: Wie sind die Kurse zusammengesetzt? Wird nach Nationalitäten differenziert? Oder danach, wie gut die Personen bereits Deutsch sprechen?
Schöningh: Nach dem Sprachstand, also danach, wie gut die Teilnehmer bereits sprechen können. Wer bereits gut spricht, überspringt die ersten Monate. Grundsätzlich dauert ein Integrationskurs sechs Monate, pro Monat finden 100 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten statt. Die Teilnehmerzahl beträgt maximal 25.

BSZ: Sprechen die Lehrkräfte die Muttersprache all dieser Leute?
Schöningh:  Nein. Heutzutage wird nicht mehr in der Muttersprache unterrichtet. In den Klassen wird von Anfang an ausschließlich deutsch gesprochen, und das funktioniert auch. Man fängt halt mit ganz einfachen Sätzen an. Zum Beispiel: Man zeigt auf sich selbst, sagt: Ich. Dann: Ich heiße Ingo. Und so fort. Ich hab das selbst jahrelang gemacht, das ist überhaupt kein Problem.

BSZ: Selbst wenn man die offiziellen Bamf-Ergebnisse nimmt, bestehen ja, bezogen auf die Tests aller Sprachlevel, nur rund 50 Prozent der Teilnehmer. Tatsächlich ist das nur ein Viertel aller Kursteilnehmer, weil die Hälfte vorzeitig aufgibt. Was tun?
Schöningh: Vielleicht gibt es Teilnehmergruppen, von denen wir in zu kurzer Zeit zu viel erwarten – auch wenn das Zielniveau weiterhin mindestens B1 bleiben sollte; aber das schaffen offenbar viele nicht in der kurzen Zeit. Laut einer Studie im Auftrag des Europarats ist Deutschland neben Dänemark und Großbritannien eines von nur drei Ländern, die das B1-Niveau für einen permanenten Aufenthaltsstatus voraussetzen. Ursprünglich stammt das Zielniveau B1 innerhalb von sechs Monaten aus der Integration der Spätaussiedler. Aber das waren Leute, deren Großeltern und teilweise noch die Eltern deutsch gesprochen haben, die also einen ganz anderen Zugang zu unserer Kultur und Sprache hatten als etwa ein Geflüchteter aus Syrien. Ist es realistisch, zu verlangen, dass beide Gruppen in sechs Monaten die gleichen Fortschritte beim Spracherwerb erzielen? Oder reicht für einige auch das Level A2 nach sechs Monaten, und dann später mehr?

BSZ: Sie schlagen also vor, für einige Gruppen das Zielniveau zu senken und bestimmten Leuten mehr Zeit fürs Deutschlernen zu geben?
Schöningh: Ja. Sechs Monate sind für bestimmte Lernergruppen zu wenig, um vom Sprachniveau null dahin zu gelangen, über Lebensziele und Berufsperspektiven zu sprechen. Junge Menschen mit höherem Bildungshintergrund wiederum können dies schaffen, wenn sie in einer schnelleren Lernergruppe sind. (Interview: Waltraud Taschner)

Foto (GI): Ingo Schöningh (45), Leiter des Goethe-Instituts Mannheim. Sein Schwerpunkt ist der Bereich Migration und Integration.  

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