Politik

Gestresst im Büro. Viele Menschen wollen weniger arbeiten – oder die gleiche Arbeit an vier Tagen leisten. (Foto: dpa/Frank Rumpenhorst)

14.04.2023

Mehr Work-Life-Balance

Immer mehr Unternehmen bieten ihren Beschäftigten eine Viertagewoche

Nur vier Tage arbeiten und dafür den Lohn für fünf Tage erhalten: Das ist in einigen Unternehmen bereits seit Längerem Realität. Derzeit fordert es die IG Metall für die nordwestdeutsche Stahlindustrie. Konkret soll die Wochenarbeitszeit von 35 auf 32 Stunden sinken. Durch Umstellung der Dienst- und Schichtpläne entsteht dann eine Viertagewoche. Der Arbeitgeberverband Stahl lehnt die Forderung ab, weil man aktuell eher mehr als weniger Arbeitszeit braucht.

In der Tat kann eine Viertagewoche gut sein für die Work-Life-Balance und somit für die Motivation der Beschäftigten,  was in eine höhere Produktivität oder stärkere Innovationskraft münden kann. Aber lässt sich das in jeder Branche umsetzen? Nein, denn in der energieintensiven Stahl- oder auch der Glasindustrie müssen die Öfen durchlaufen, um wirtschaftlich produzieren zu können. Und auch im Dienstleistungsbereich wird es schwierig. Man kann schließlich an vier Tagen nicht all die Busse und Bahnen fahren lassen, die man an fünf Tagen braucht. Gleiches gilt in der Pflege.

Im Handwerk dagegen lässt sich die Arbeit durchaus so organisieren, dass sie an vier statt an fünf Tagen erledigt wird. Das machen viele Betriebe so. Sichtbar wird es an den vielen Handwerkerfahrzeugen, die Montags sehr früh nach München kommen, um dort Aufträge zu erledigen. Donnerstags spät abends fahren die gleichen Autos dann zurück in ihre jeweilige Heimat nach Niederbayern, die Oberpfalz, Franken oder noch weiter weg. Freitags haben die Handwerker dann frei.

Fachkräfte gewinnen

Ein weiterer positiver Effekt der Viertagewoche im Handwerk ist die Gewinnung neuer Fachkräfte. So konnte zum Beispiel die Fensterbaufirma Scheiderer GmbH aus Wilhermsdorf (Landkreis Fürth) neues Personal rekrutieren. Auch bei der Schreinerei Mayr in Manching bei Ingolstadt oder der Sanitär- und Heizungsfirma Schmauser in Hilpoltstein hat das funktioniert.

Und auch Großkonzerne locken so Personal an. „Die Viertagewoche kann eine Möglichkeit sein, die Arbeitswelt für Beschäftigte besonders attraktiv zu gestalten“, bestätigt eine Sprecherin von Audi. Beim Automobilhersteller aus Ingolstadt setzt man vor allem auf die Flexibilisierung von Arbeit. Dazu zählen verschiedene Arbeitszeitmodelle sowohl in den Verwaltungs- als auch in den Produktionsbereichen. Mobiles Arbeit, Auszeiten im Rahmen eines Sabbaticals oder Jobsharing – auch für Führungskräfte –gehören zu den Angeboten.

Beim Technologieriesen Siemens richtet man sich nach den Tarifverträgen der Metall- und Elektroindustrie. Diese sehen eine 35-Stunden-Woche und eine Verteilung dieses Stundenkontingents auf bis zu fünf Tage pro Woche vor. Die Mitarbeitenden bei Siemens haben vielfältige Alternativen: „Sowohl das Arbeitszeitvolumen kann im vorhandenen Regelwerk unterhalb von 35 Stunden festgelegt werden – auch 40 Stunden sind möglich“, erklärt ein Konzernsprecher.

Mobiles Arbeiten dauerhaft etabliert

Darüber hinaus hat Siemens als eines der ersten großen Unternehmen das mobile Arbeiten dauerhaft als Standard etabliert. Ziel ist es, dass alle Beschäftigten weltweit im Schnitt stets zwei bis drei Tage pro Woche mobil, also im Homeoffice, arbeiten können, und zwar immer dann, wenn es sinnvoll und machbar ist. Weltweite Umfragen unter den Siemens-Beschäftigten hatten den Wunsch nach mehr Flexibilität und individuellen Lösungen beim Arbeitsort bestätigt. Damit verbunden ist auch ein anderer Führungsstil, der sich an Ergebnissen orientiert, nicht an der Präsenz im Büro.

„Mit der neuen Arbeitsweise motivieren wir unsere Beschäftigten, erhöhen zugleich die Leistungsfähigkeit des Unternehmens und stärken das Profil von Siemens als flexiblen und attraktiven Arbeitgeber“, so der Sprecher.

Flexibilität ermöglichen

Möglichst viel Flexibilität ist das Erfolgskonzept, dem sich Unternehmen und Politik verschreiben sollten. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ist da schon auf dem richtigen Weg. Er will bei den Arbeitszeitmodellen noch flexibler werden. „Mir geht es darum, dass die Arbeit an die Bedürfnisse der Menschen angepasst ist“, sagt Heil.

Schweden, Belgien und Island sind da schon weiter. Dort ist die Viertagewoche bereits Realität – ohne dass die Arbeitswelt zusammengebrochen ist.
(Ralph Schweinfurth)

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