Politik

Rudolf Augstein verteidigte noch Jahrzehnte später frühere Spiegel-Mitarbeiter mit NS-Belastung. (Foto: C.H. Beck)

10.10.2026

Neue Biografie: Mehr als 20 NS-belastete Mitarbeiter beim frühen Spiegel

Rudolf Augstein machte den Spiegel zu einem der einflussreichsten Nachrichtenmagazine der Bundesrepublik. Eine neue Biografie zeigt zugleich, wie pragmatisch er mit NS-belasteten Mitarbeitern umging

Rudolf Augstein gehört zu den prägenden Figuren der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er gründete den Spiegel, machte das Nachrichtenmagazin zu einer politischen Macht und praktizierte einen Journalismus, der sich nicht scheute, Regierungen und Institutionen herauszufordern.

Eine neue Biografie rückt dieses Bild nun zurecht, ohne es zu zerstören. Augstein. Ein deutsches Leben von Martin Doerry und Hauke Janssen basiert auf ungewöhnlich breiter Quellenbasis. Die Autoren, beide langjährige Mitarbeiter des Spiegel in Chefredaktion und Dokumentation, konnten den Augstein-Nachlass umfassend auswerten und greifen damit auf Material zurück, das für frühere Darstellungen nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung stand.

Augstein kam nicht erst nach 1945 mit Politik und Öffentlichkeit in Berührung. Als Jugendlicher schrieb er für die von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels herausgegebene Wochenzeitung Das Reich. Später wurde er Soldat.

Ehemalige SS-Offiziere in leitenden Funktionen

Augsteins Weg vom jungen Journalisten im nationalsozialistischen Deutschland zum Gründer eines der wichtigsten demokratischen Nachrichtenmagazine der Bundesrepublik war kein geradliniger. Doch die Vergangenheit verschwindet nicht, nur weil sich die politische Haltung ändert. Das wird deutlich durch Augsteins Umgang mit den Mitarbeitern des frühen Spiegel.

Der Medienhistoriker Lutz Hachmeister hatte bereits 1996 auf problematische NS-Kontinuitäten hingewiesen. Ehemalige SS-Offiziere wie Georg Wolff und Horst Mahnke übernahmen beim jungen Spiegel leitende journalistische Funktionen.

Als Rudolf Augstein 1997 damit konfrontiert wurde, sagte er über Wolff: „Der war nie Nationalsozialist.“ Er bezeichnete ihn als „großen Journalisten“ und erklärte, für ihn sei entscheidend gewesen, ob jemand „als Mensch und Journalist tüchtig genug“ sei.

Das Magazin hatte die NS-Vergangenheit von Politikern, Beamten und Institutionen immer wieder zum Gegenstand kritischer Recherche gemacht. Bei eigenen Mitarbeitern konnte dieselbe Vergangenheit jedoch gegenüber deren journalistischem Nutzen zurücktreten. Augstein entschied dann anders, als es der Anspruch des Spiegel nahelegte.

„Du brauchtest natürlich alte Nazis“

Als Franziska Augstein einmal ihren Vater fragte, warum er ehemalige Nazis im Spiegel akzeptiert habe, antwortete er: „Es hätte keinen Sinn gehabt, den Spiegel mit lauter Emigranten zu machen, die keine Ahnung davon gehabt hatten, was sich in den Vorjahren in Deutschland abgespielt hatte. Du brauchtest natürlich alte Nazis, (...) die Apparate, um die es ging, so gut kannten, dass sie in der Lage waren, darüber zu schreiben.“

Doerry und Janssen listen immerhin mehr als 20 Mitarbeiter mit NS-Belastung, darunter den ehemaligen Chefredakteur und Verlagsdirektor Hans Detlev Becker, Augsteins rechte Hand. Die Briten wollten ihn wegen seiner NS-Belastung rauswerfen, Augstein behielt ihn dennoch.

War der frühe Spiegel ein braunes Magazin? Hachmeister warnt vor einer solchen Vereinfachung. Augstein war kein geradliniger Demokrat und sein Magazin stand nicht außerhalb der Gesellschaft, die es beobachtete. Mitarbeiter waren durch Nationalsozialismus, Zusammenbruch und Neubeginn geprägt. Aus dieser Generation entstand ein Medium, das die Bundesrepublik immer wieder zwang, sich selbst zu betrachten. (Thomas Schuler)

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