Politik

DNA-Labor des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA). (Foto: Sven Hoppe/dpa)

08.10.2019

Neue Wege in der Kriminaltechnik

Immer mehr Tatortspuren landen auf den Labortischen des Landeskriminalamts. Die aktuellen Herausforderungen? Gefährliche Szene-Drogen und ein umstrittenes DNA-Werkzeug

Die Kriminaltechnik geht in Bayern bei der Analyse von DNA-Spuren neue Wege. Seitdem der Landtag im Mai 2018 die umstrittene Novelle des Polizeiaufgabengesetzes (PAG) verabschiedete, können die Wissenschaftler des Bayerischen Landeskriminalamts (LKA) das Aussehen eines Täters rekonstruieren - ohne ihn jemals gesehen zu haben.

Sebastian Grün ist einer der DNA-Analytiker am Kriminaltechnischen Institut (KTI). Er steht in einem der Labore im Zentrum Münchens, um ihn herum Geräte so teuer wie mehrere Einfamilienhäuser. "Das ist wirklich Hightech vom Feinsten", schwärmt der promovierte Biologe. Er kniet sich vor einen der Schreibtische und deutet auf den Bildschirm. Was man dort sieht, bezeichnet Grün als "Quantensprung". Es geht um die sogenannte Phänotypisierung, die er sofort in einfachen Worten erklärt: "Wir haben eine Spur - und wir haben einen unbekannten Täter. Können wir etwas über dessen Eigenschaften lernen?" Mit einem Klick öffnet er einen Übungsfall. Das Ergebnis: Schwarze Haare. Braune Augen. Ostasiatische Abstammung. Was einfach klingt, ist für die Kriminaltechnik ein Meilenstein.

Bislang durften er und seine Kollegen nur den Teil der DNA auslesen, der keine Erbinformationen enthält - umgangssprachlich genetischer Fingerabdruck genannt. Die Idee dahinter ist, dass die DNA jedes Menschen einen individuellen Bauplan hat. Finden die Ermittler am Tatort eine Spur, wird diese mit einer bundesweiten Datenbank abgeglichen.

Die Technik schreitet rasant voran

Das neue Werkzeug der Phänotypisierung ist dagegen umstritten, denn die Bestimmung der geografischen Herkunft, Augen- und Haarfarbe fußt lediglich auf Wahrscheinlichkeiten und ist damit nicht absolut beweissicher. Ein weiteres Problem: Die Erbinformation eines Menschen spiegelt das Aussehen im späten Kindes- und Jugendalter. Doch Haare beispielsweise kann man färben, irgendwann werden sie grau. Das wird bei der Untersuchung nicht berücksichtigt. Auch das Alter kann noch nicht präzise ermittelt, bei der Herkunft kann die DNA nur grob einem Kontinent zugeordnet werden. "Da ist noch viel Luft nach oben", betont Grün. Aber die Technik schreite rasant voran.

Gleiches gilt auch für komplexe Mischspuren, bei denen die Zellen in einer Tatortprobe von mehreren Personen und aus verschiedenen Geweben - beispielsweise Speichel, Sperma, Blut oder Schweiß - stammen. Ein neues Gerät soll es dem KTI bald ermöglichen, die einzelnen Zellen zu sortieren, um so den Tathergang besser rekonstruieren zu können.

Vor neuen Herausforderungen stehen auch die Kollegen ein Stockwerk höher. Michael Uhl leitet dort das Sachgebiet "Chemie", in dem unter anderem Drogen, Gift und Sprengstoff untersucht werden. Gerade bei den Betäubungsmitteln hat das KTI über Jahrzehnte eine Routine entwickelt. Marihuana, Kokain, Ecstasy und Heroin: alles kein Problem. Mehr Kopfschmerzen bereitet Uhl die rasante Verbreitung der sogenannten neuen psychoaktiven Stoffe (NpS).

Der Markt wird mit Hunderten Stoffen geflutet

Dabei handelt es sich um rauschgiftartige Stoffe, die in Laboren in Asien chemisch hergestellt, in Europa auf harmlose Pflanzen aufgetragen und teilweise legal verkauft werden. Die Kräutermischungen dienen Jugendlichen als Joint-Ersatz, wirken aber wesentlich stärker. Die Konsumenten kennen weder Inhaltsstoffe noch Dosierung. Das sei, als wüsste man nicht, ob man Weißbier oder Schnaps trinkt, erklärt Uhl.

Seit 2007 wurde der Markt mit Hunderten Stoffen geflutet - eine Herausforderung für die Kriminaltechnik. Immer neue Moleküle müssen identifiziert und katalogisiert werden. Nur so können sie ins Betäubungsmittelgesetz aufgenommen und verboten werden. Und wenn die Hersteller die Zusammensetzung nur geringfügig ändern, beginnt die Arbeit von vorn. Vor drei Jahren brachte das Gesundheitsministerium deshalb ein Gesetz auf den Weg, um den Handel mit den neuen Szene-Drogen zu bekämpfen. Michael Uhl und seine Kollegen halfen dabei, seitdem stehen erstmals chemische Formeln in einem Gesetzblatt.

Über die Jahrzehnte ist die Kriminaltechnik in einen Teufelskreis geraten: Durch intensive Forschung wird die Analytik zwar immer genauer, die Untersuchungen aber auch aufwendiger. Heute kann eine winzige Hautschuppe den entscheidenden Hinweis liefern, was sich bei den Ermittlern im Freistaat herumgesprochen hat. Immer mehr Tatortspuren landen auf den Labortischen des Münchner Instituts. Allein nach dem Bombenanschlag in Ansbach vor drei Jahren mussten mehr als 700 Gegenstände auf DNA-Spuren untersucht werden - und das unter hohem Zeitdruck. Dazu kommen viele Altfälle, sogenannte "cold cases", die nach Jahrzehnten neu aufgerollt werden.

2014 gingen am KTI ganze 5800 DNA-Aufträge ein, der Fachbereich stieß an seine personellen Grenzen. Seitdem werden einfache Untersuchungen systematisch an externe Labore vergeben. So konnte der Bearbeitungsstau laut Institut weitgehend abgearbeitet werden. Genaue Zahlen kann das LKA allerdings nicht bereitstellen. Ob ein Auftrag, eine einzelne Spur oder - wie bei größeren Delikten - Hunderte enthält, wird nicht erfasst.
(Moritz Baumann, dpa)

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