Politik

Die Schülerinnen und Schüler wollen weiterhin jeden Freitag streiken, bis das Klimaabkommen von Paris endlich umgesetzt wird. (Foto: dpa/Christoph Soeder)

12.04.2019

Politisch desinteressierte Jugendliche? Von wegen

Fridays for Future: Die Schülerstreiks für besseren Klimaschutz nehmen nicht ab – wie Schulen in Bayern damit umgehen und warum der Kultusminister nicht durchgreifen will

Freiheit ist ein schönes Gut, allerdings auch eine große Herausforderung. Dass der bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) den Schulen selbst überlässt, wie sie das Schwänzen der Freitagsdemonstranten ahnden, ist für Schulleiter alles anderes als bequem. Viele Lehrer und Eltern erliegen, wie auch Politiker, dem Charme der Bewegung. Und wollen das Engagement der Schülerinnen und Schüler keinesfalls schmälern. Lang genug hatte man sich über mangelndes politisches Engagement der Jugend ereifert. Und die Schüler streiken ja auch für die richtige Sache. Sie sind nicht einmal besonders radikal. Sie verlangen lediglich, die bereits vereinbarten Ziele des Pariser Klimaabkommens umzusetzen.

„Für die Teilnahme an einer Demonstration kann keine Unterrichtsbefreiung gewährt werden“, so ein Sprecher des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus. Man vertraue den Schulleitungen vor Ort bei ihren pädagogischen Ermessensentscheidungen.

Was soll man also tun, wenn man – einerseits – mit dem Anliegen der Schüler sympathisiert, andererseits aber nun mal Schulpflicht herrscht? Ein-, zweimal protestieren: Da könnte man vielleicht ein Auge zudrücken. Aber Woche für Woche, auf bislang unbegrenzte Zeit? Die Antworten sind unterschiedlich. Jede Schulfamilie ist nun mal anders. In Deggendorf etwa sah es am 30. Januar ganz so aus, als machten es die Schüler ihren Lehrern leicht. Die Schülermitverwaltung des Comenius-Gymnasiums organisierte stellvertretend für alle örtlichen Schulen eine Demo auf dem Stadtplatz. Nachmittags! Nicht während der Schulzeit.

Bußgelder für Streikende?

„Eine schöne Geste“, findet Schulleiter Markus Höß. Aber dann wurde trotzdem Freitag für Freitag demonstriert. Das Problem also blieb und bleibt bestehen. Wenn auch im kleinen Rahmen. Denn hier sind es nicht viele Schüler, die regelmäßig auf die Straße gehen.

Einheitlich, erzählt Höß, sprach sich die Direktorentagung der niederbayerischen Gymnasien dafür aus, die Schüler nicht zu befreien. Ob allerdings Verweise erteilt werden, variiere von Schule zu Schule. Höß verzichtet darauf; Verweise, sagt er, würden von den Schülern eher als Auszeichnungen verstanden. Von besonderer Relevanz sind für ihn Gespräche innerhalb der Schulfamilie. „Wichtig ist, dass die Eltern mit im Boot sind.“ Das hat auch einen praktischen Grund. Melden sich die Schüler vom Unterricht ab, liegt die Verantwortung bei den Eltern, nicht mehr bei der Schule.

Zugleich setzt Höß darauf, das Thema Klimawandel an seiner Schule zu stärken. „Es gibt immer Möglichkeiten, Umweltschutz zu thematisieren.“ Aus den Demos ist eine Umweltgruppe von 21 Schülern erwachsen, gerade waren sie bei der Lehrerkonferenz dabei. Gemeinsam möchte man ganz konkrete Maßnahmen ergreifen und die Klimabilanz der Schule selbst verbessern. Auch der Elternbeirat unterstützt das. Inzwischen wird Umweltschutzpapier zum Drucken verwendet. „Ich finde wichtig, dass wir lokal handeln und dabei das große Ziel im Blick haben.“ Angedacht ist vieles.

Anschlüsse für Elektroautos zum Beispiel. Photovoltaikanlagen auf allen Schuldächern, Wärmedämmung der Schulgebäude. Höß wünscht sich, die Sachaufwandsträger hierfür zu sensibilisieren.

Mit der Welle surfen statt gegen sie, den Umweltschutz im eigenen Haus stärken: Das ist die Praxis an vielen bayerischen Schulen. Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, weiß von Lehrern, die die Freitagsdemos zum Anlass nehmen, über Umweltschutz, aber auch über gesellschaftliches Engagement zu diskutieren und darüber, wie Bildung aussehen soll. Arbeitsgruppen werden gegründet, Projektwochen zum Thema Klimawandel durchgeführt. Es ist von Schulen zu hören, die klassenweise zur Demo gehen, um dort ein Stück gelebte Demokratie zu studieren. Andere mobilisieren alle Lehrer, die sie haben, um die streikenden Schüler nachmittags nachsitzen zu lassen – und regen zugleich an, Schulausflüge und Klassenreisen künftig auf den CO2-Abdruck hin zu überprüfen, den sie hinterlassen. Wieder andere Schulleiter verteilen einen Verweis nach dem anderen. Statistiken darüber, welche Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen die Schulleitungen veranlassen, hat das Kultusministerium nicht. „Es gibt Schulleiter, die rasant durchgreifen und solche, die das eher pädagogisch sehen“, sagt Fleischmann. Sie selbst hält die Demos für eine große Chance: „Das ist politische Bildung der besten Art.“

Andere sind weniger entspannt. Der jüngste Aufreger: Ein Münchner Gymnasium hatte in einem internen Brief an die Eltern Bußgelder für Streikende angekündigt. Bundesweit machte es damit Furore. Auf der Homepage von Fridays for Future kann man seither mit einem Klick Geld spenden. „Für den Widerspruch und einen erfolgreichen Prozess gegen die Strafgeldidee.“

Der Direktor des Münchner Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums, der die Bußgelder in einem Elternbrief angekündigt hat, wollte dazu nicht Stellung nehmen. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, spricht er von einem Missverständnis. Bußgelder seien nie für alle angekündigt worden, sondern nur für Eltern, die ihre Kinder eigenständig vom Unterricht befreien wollten. Das beruhigt die Gemüter ein wenig.

Harte Kritik am Schulschwänzen hier, viel Verständnis für die Streiks dort: Eine Weile lang sah es dennoch ganz danach aus, als gerate die Auseinandersetzung über den Kern der Sache, den Klimawandel, ins Hintertreffen.

Bis die Aktivisten Anfang dieser Woche erstmals konkrete Forderungen an die Politik präsentierten: Kohleausstieg bis 2030. Hundert Prozent erneuerbare Energieversorgung bis 2035. Sie fordern, die Treibhausgase bis 2035 zu begrenzen auf die sogenannte Netto-Null, also die Menge, die durch natürliche Prozesse wie das Pflanzenwachstum wieder aufgenommen wird. Bis Ende 2019 verlangen sie das Ende für fossile Energieträger. Ein Viertel der Kohlekraft müsse innerhalb diesen Jahres abgeschaltet, eine CO2-Steuer auf alle Treibhausgasemissionen erhoben werden.

Mit ihren Forderungen verbinden die jungen Leute die Hoffnung, dass sich die Diskussion wieder verschiebt. Von der Frage, wie Schulen mit Streiken und Schwänzen umgehen sollen, hin dazu, wie man die vereinbarten Klimaziele erreichen kann. Ein geschickter Schachzug, der zeigt: Diese Schülerinnen und Schüler haben eine ganze Menge Pfeile im Köcher. Streiken wollen sie übrigens, bis sie davon überzeugt sind: Das Klimaabkommen von Paris wird tatsächlich Schritt für Schritt umgesetzt. Ob sie das durchhalten? Man darf gespannt sein.
(Monika Goetsch)

"Fridays for Future"-Aktivisten und Politiker gründen Gremium
Die "Fridays for Future"-Bewegung und bayerische Politiker haben sich auf die Gründung eines Gremiums für mehr Klimaschutzmaßnahmen geeinigt. Dieses solle im Sommer eingesetzt werden. Welche Kompetenzen das Gremium haben und wie es konkret zusammengesetzt sein wird, sei noch unklar. Das Gremium soll helfen, ein bayerisches Klimaschutzgesetz noch bis zum Ende des Jahres auf den Weg zu bringen und deren Umsetzung zu gewährleisten.

Am 9. Mai soll es das nächste Treffen zwischen den Umweltaktivisten und Politikern aller Fraktionen im bayerischen Landtag geben. Das sei zwar später als von ihnen erhofft, dennoch gebe es weiterhin einen Dialog, hieß es vonseiten der Schüler. Bei ihrem Gespräch mit den Politikern habe es klare inhaltliche Differenzen gegeben. "Doch diese sind ausräumbar".

Auch die Politiker der sechs im Landtag vertretenen Parteien zeigten sich zufrieden. Martin Stümpfig von den Grünen schloss sich den Forderungen der Aktivisten weitgehend an und kritisierte die Regierung: "CSU und Freie Wähler handeln in Sachen Klimaschutz viel zu lasch." Benno Zierer von den Freien Wählern sieht seine Regierung auch nach dem Gespräch auf dem richtigen Weg. Er sei sich mit den Jugendlichen einig, dass es schnelle Ergebnisse brauche. Doch er sei auch ein Verfechter von kleinen Schritten, bei denen man Bürger und die Wirtschaft mitnehme.

Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) hatte vor wenigen Wochen als Reaktion auf die Demos zu zwei Jugendklimakonferenzen in Erlangen und München geladen. Dabei fassten die jungen Umweltaktivisten zahlreiche Beschlüsse. So sollen Plastiktüten verboten werden, Monatskarten für den öffentlichen Nahverkehr nur zehn Euro kosten und die Windkraft in Bayern wieder ausgebaut werden. Glauber zeigte sich offen und versprach, diese Themen in den Landtag einzubringen.
(dpa)

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