Politik

VIP-Gäste bei einem Formel1-Rennen in Monaco. (Symbolbild). Foto: dpa

27.06.2025

Reiche statt Fleissige besteuern: Arbeit muss sich wieder lohnen

Das große Versprechen der sozialen Marktwirtschaft, dass man es mit Fleiß nach oben schaffen kann, gilt nicht mehr. Die Mittelschicht kommt zunehmend unter die Räder. Schnell geht bei Facharbeitern bei einer Lohnerhöhung mehr als die Hälfte für Steuern und Sozialabgaben drauf. Rund 3900 Superreiche verfügen derweil über mehr als ein Viertel des gesamten deutschen Vermögens. Von Geburt an reich – das ist nicht das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft, sondern das des mittelalterlichen Feudalismus. Ein Kommentar von Tobias Lill

Es ist das große Versprechen der sozialen Marktwirtschaft. Jahrzehntelang galt in Deutschland: Wer sich ins Zeug legt, kann es durch seiner eigenen Hände Arbeit zu Wohlstand bringen. Ehemalige Kanzler und DAX-Chefs, die aus Arbeiterfamilien kamen, waren vielen Ansporn. Doch der Leitsatz von der Leistungsgesellschaft, in der Fleißige ein auskömmliches Leben haben, klingt für viele hierzulande längst wie Hohn. Das zeigen neue Zahlen: Mehr als jeder Fünfte lebt in einem Haushalt, der sich keine Urlaubsreise leisten kann. Vier von zehn Alleinerziehenden sind armutsgefährdet.

Auch die Mittelschicht kommt zunehmend unter die Räder. Der Traum von der eigenen Immobilie, das Wohlstandsversprechen des Kapitalismus rheinischer Prägung, bleibt selbst für Facharbeiter und Akademiker immer öfter unerfüllt – und das nicht mehr nur in teuren Regionen wie Oberbayern. Wer in Bildung investiert hat, viel arbeitet und entsprechend verdient, wird überproportional geschröpft – schnell geht bei einer Lohnerhöhung mehr als die Hälfte für Steuern und Sozialabgaben drauf. Der Staat langt bei Arbeitsleistungen kräftig zu, wer von Kapitalerträgen und Erbschaften lebt, kann sich dagegen ins Fäustchen lachen.

Von Geburt an reich – das ist nicht das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft, sondern das des mittelalterlichen Feudalismus

Rund 3900 Superreiche verfügen jeweils über ein Finanzvermögen von mehr als 100 Millionen Dollar. Mittlerweile gehört diesen Menschen mehr als ein Viertel des gesamten deutschen Vermögens. Die Privilegierten können wahlweise eine Flotte von Sportwagen oder Yachten kaufen, während immer mehr Menschen überlegen müssen, wie sie die Stromrechnung bezahlen.

Von Geburt an reich – das ist nicht das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft, sondern das des mittelalterlichen Feudalismus. Es kann nicht sein, dass Reiche mit geschicktem Steuerberater kaum Erbschaftsteuer zahlen. Die Sätze für zweistellige Millionenvermögen müssen kräftig erhöht, eine Vermögensteuer, wie sie selbst die Schweiz hat, sollte zumindest geprüft werden. Mit den Erlösen muss die Mittelschicht entlastet werden. Dort sind die wahren Leistungsträger – laut einer Studie hatte 2015 nur jeder vierte deutsche Milliardär sein Vermögen selbst erarbeitet. Die Zahl der Menschen ohne Schulabschluss ist unter Superreichen höher als bei den Durchschnittsdeutschen. Die Chancengleichheit in unserem Land ist im EU-Vergleich gering. Um Betriebsvermögen zu schonen, gibt es Möglichkeiten, wie nicht stimmberechtigte Anteile. Kapital ist scheu, doch ein Bürotower passt nicht in einen Aktenkoffer.

 

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