Politik

Traumatisierte Menschen treffen in Deutschland auf Helfer, für die psychische Extremsituationen neu sind. Spezielle Seminare bieten deshalb Hilfe für die Helfer. (Foto: dpa)

16.03.2016

Seminare bereiten Helfer auf "Ausraster" der Flüchtlinge vor

Sie kommen aus zerbombten Städten und haben eine lebensgefährliche Flucht hinter sich

 Ja, Flüchtlinge können auch einmal "ausrasten". Im Seminar von Professorin Andrea Kerres wird Klartext geredet. Rund 40 Frauen und Männer sitzen in der Runde und wollen verstehen, was in Menschen vorgeht, die aus einem Kriegsgebiet kommen, unter Lebensgefahr geflohen und dann traumatisiert sind. Die Teilnehmer sind ehrenamtliche Helfer, die regelmäßig mit Asylbewerbern arbeiten.

Durch die große Zahl an Flüchtlingen und die vielen Helfer steigt auch der Bedarf an psychologischen Schulungen für die Ehrenamtlichen. In etlichen Städten Bayerns werden inzwischen entsprechende Kurse angeboten für diejenigen Menschen, die in ihrer Freizeit Deutschkurse leiten oder den Migranten Unterstützung bei Behördengängen geben.

Nicht mehr blauäugig unterwegs


In Augsburg organisiert das Traumahilfe Netzwerk seit etwa einem Jahr Tagesseminare für Ehrenamtliche. Die Stadtverwaltung hat den Bedarf erkannt und unterstützt das Projekt finanziell, so dass nun mehrere Kurse kostenlos stattfinden. Claudia Klüver gehörte zu den Ersten, die das Angebot angenommen haben. Die Hebamme kümmert sich seit zweieinhalb Jahren um Flüchtlingsfamilien und sagt, dass der erste Rausch bei den Ehrenamtlichen vorbei sei. Die Helfer gingen "nicht mehr so blauäugig" wie einst an die Sache heran.

Für Klüver ist es wichtig, dass es Schulungen für die Engagierten gibt. "Man muss sich auch selbst Hilfe holen und die Arbeit aufteilen", meint sie. Sie berichtet von Flüchtlingen, die plötzlich den Kontakt abbrechen oder deren Herkunftsbiografien sich als falsch herausstellen. "Das ist ein Vertrauensverlust, da muss man erst einmal mit zurechtkommen", meint Klüver.

Seminarleiterin Kerres macht klar, dass es den Ehrenamtlichen nicht darum gehen sollte, in solchen Fällen die traumatisierten Menschen zu therapieren. "Das ist nicht Ihre Baustelle", sagt die Traumatherapeutin, die eine Professur an der Katholischen Stiftungsfachhochschule in München innehat. Ziel des Seminars ist etwas anderes: "Die Situation, wenn jemand ausrastet, sollen Sie nicht auf sich selbst beziehen", erklärt Kerres den Teilnehmern.

Psychologische Abläufe verstehen


Damit die Helfer die psychologischen Abläufe verstehen, erläutert sie, wie Menschen ein schreckliches Ereignis verarbeiten. Es werde in kleine Teile zerlegt, um das Erlebte besser zu verkraften. Diese Fragmente könnten Geräusche, ein Geruch, der Bart oder die Glatze eines Peinigers sein. "Dieser Überlebensmechanismus ist super, aber er hat auch eine Kehrseite der Medaille", erklärt die Psychologin. Denn wenn vielleicht der Hausmeister des Flüchtlingsheimes auch zufällig ein Glatze hat, könne die Erinnerung an das traumatische Ereignis wieder hochkommen.

Ähnliche Seminare wie in Augsburg gibt es in vielen Städten, beispielsweise in Nürnberg, München oder Regensburg. Auch Petra Seifert aus Altdorf bei Landshut bietet solche Fortbildungen seit etwa drei Jahren landesweit an. "Die Nachfrage hat sich im letzten dreiviertel Jahr gesteigert", sagt sie. Derzeit hätten viele Helfer aber das Problem, dass sie zwar Interesse an einer Schulung hätten, aber nicht mehr ausreichend Zeit dafür.

Auch Seifert betont, dass Ehrenamtliche "auf gar keinen Fall selbst traumatherapeutisch aktiv werden" sollten. Die Helfer sollten lernen, mit irritierenden Verhaltensweisen umzugehen und sich ansonsten bewusst sein: "Ich kann in bestimmten Situationen nicht helfen, aber ich kann Stabilität geben."
(Ulf Vogler, dpa)

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