Politik

29.06.2023

Soll der Englischunterricht an bayerischen Grundschulen gestrichen werden?

Die Leseleistungen der Viertklässler in Deutschland haben weiter nachgelassen. Wäre es da nicht sinnvoll, den Deutschunterricht auszuweiten und dafür das Fach Englisch den weiterführenden Schulen zu überlassen? Michael Schwägerl, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands, wäre dafür. Mario Oesterreicher, Bundesvorsitzender des Verbands Englisch & Mehrsprachigkeit, ist dagegen.

JA

Michael Schwägerl, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands


2004 führte Bayern flächendeckend an den Grundschulen Englisch als Pflichtfach ein – in einer globalisierten und sich immer stärker vernetzenden Welt wollte man Kinder möglichst früh mit der Weltsprache schlechthin vertraut machen. Fast 20 Jahre später werden immer mehr Stimmen lauter, die dieses Konzept infrage stellen. Denn die Welt hat sich gewandelt – und mit ihr die Lebensumstände der Lernenden von heute. 

Der Englischunterricht in der Grundschule mag zu Beginn des 21. Jahrhunderts für viele Kinder tatsächlich der erste Kontakt mit dieser Sprache gewesen sein. In Zeiten der Allgegenwärtigkeit des Englischen und der leichten Verfügbarkeit von fremdsprachiger Unterhaltung und Information trifft dies heute wohl kaum mehr zu. Genau dieses „erste Gespür für die englische Sprache“ und eine „grundlegende kommunikative Handlungsfähigkeit“ sind laut LehrplanPLUS die obersten Ziele des Grundschul-Englisch. 

Was die zwei Stunden Englisch in der Woche nämlich in den seltensten Fällen leisten (können), ist eine wirkliche Vorentlastung des Fremdsprachenunterrichts an den weiterführenden Schulen. In einer aktuellen Umfrage des Bayerischen Philologenverbands geben rund 80 Prozent der befragten Englischlehrkräfte in der Unterstufe an, dass die Lernzeit statt für Englisch in den ersten Schuljahren sinnvoller verwendet werden sollte. 

Und nach einer sinnvolleren Verwendung muss man in Zeiten solcher IGLU-Ergebnisse zur Lesekompetenz nicht lange suchen: Sprachförderung muss an erster Stelle stehen!

Wenn die Grundlagen in der Unterrichtssprache Deutsch gefestigt sind, können darauf aufbauend Unterrichtsinhalte deutlich tiefgreifender und nachhaltiger vermittelt werden. Auch für das Fremdsprachenlernen ist die Beherrschung der Referenzsprache Deutsch dringende Voraussetzung, zum Beispiel beim Vokabellernen. Also: In den Grundschuljahren mehr Zeit für ein solides Deutschfundament nehmen – so klappt’s später auch besser mit der darauf aufbauenden Fremdsprache! 

NEIN

Mario Oesterreicher, Bundesvorsitzender des Verbands Englisch & Mehrsprachigkeit

Entgegen landläufiger Meinungen überfordert mehrsprachliches Lernen Schülerinnen und Schüler in der Grundschule nicht, sondern nutzt die in diesem Alter noch vorherrschende Plastizität des Gehirns optimal. Die Erweiterung der sprachlichen Gehirnareale mit einer Fremdsprache wirkt sich nicht schädigend auf den schriftsprachlichen Ausbau des Deutschen aus und hemmt auch nicht den Ausbau der Lesekompetenz, sondern erweitert die sprachlichen Netze um eine weitere Komponente, da die Schülerinnen und Schüler in diesem Alter bereits neuronal zwischen den Sprachen differenzieren.

Das Englischlernen in der Grundschule erfolgt bei den Schülerinnen und Schülern noch weitestgehend imitativ, sodass Aussprache und Strukturen nicht mühevoll gelernt werden müssen, sondern dem muttersprachlichen Erwerb folgend nachgeahmt werden. Eine Fähigkeit, die sich in der weiteren Entwicklung leider verliert.

Der Englischunterricht in der Grundschule ist neben dem imitativen Lernen auch stets handlungsorientiert und ganzheitlich, sodass die Einbeziehung der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler den Spracherwerbsprozess ebenfalls unterstützt, sie im wahrsten Sinne des Wortes sprachlich handeln lässt und darüber hinaus die Parallelität zur Muttersprache den Kompetenzausbau letzterer sogar stärkt.

Es darf auch nicht vergessen werden, dass der Englischerwerb in der Grundschule, zu einer Zeit, in der die kindliche Neugierde gegenüber dem Fremdsprachenerwerb noch stark motivierend wirkt, auch sehr früh ein Fenster zu einer positiv konnotierten Mehrsprachigkeit und Multikulturalität öffnet, was für unsere plurikulturelle Welt und die oftmals vorherrschenden Vorurteile, wie die aktuellen politischen Ereignisse zeigen, nur als vorteilhaft angesehen werden kann. Der Wegfall des Englischunterrichts würde unsere Kinder somit einer Chance berauben und sie sprachlich ärmer statt reicher machen.
 

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