Politik

07.10.2022

Soll die Lehrkräfteausbildung vereinheitlicht werden?

Soll die Lehrkräfteausbildung vereinheitlicht werden? Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, befürwortet das. Michael Schwägerl, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands lehnt es ab.

JA

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV)

Der BLLV favorisiert das Modell der flexiblen Lehrerbildung. Das ist kein Modell der Vereinheitlichung, sondern einer Flexibilisierung! Die Spezialisierung auf eine bestimmte Schulart soll erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Ähnlich dem Medizinstudium, bei dem man sich ebenfalls erst später entscheidet, welche Facharzt-Laufbahn man einschlägt. Diese spätere Festlegung auf eine bestimmte Schulart ermöglicht die flexible Reaktion auf den Lehrerbedarf eben dieser Schularten und vermeidet, dass wertvolle Studienzeit verloren geht, wenn man sich später erst nachqualifizieren muss – so wie es aktuell der Fall ist.

Es gibt laut unserem Modell dann eine gemeinsame Eingangsphase bis zum dritten Semester. Diese prägt die pädagogische Haltung der Lehrkraft und eben nicht die Haltung einer Lehrkraft einer bestimmten Schulart. Zwischen dem vierten und dem sechsten Semester entscheiden die Studierenden, ob sie das Lehramt für Primar- oder Sekundarstufe wählen. Dann wird ab dem siebten Semester spezialisiert studiert, also für Mittelschule, Realschule, Gymnasium, Berufsschule oder Förderschule. Der gemeinsame Abschluss ist dann der Master of Education.

Lehrkräfte von morgen brauchen eine flexible Ausbildung, um auf die komplexen und umfassenden Herausforderungen des Schulalltags vorbereitet zu sein. Diese dafür notwendigen Kompetenzen müssen in der Lehrerbildung angelegt werden. Das BLLV-Modell sieht dazu unterschiedliche Module vor. Die Lehrkraft, die alles können soll, ohne entsprechend dafür ausgebildet worden zu sein, ist Vergangenheit. Es braucht also eine Spezialisierung und Fokussierung. So zum Beispiel Module zur Kompetenzsteigerung im Bereich der Integration, der Inklusion, der Digitalität, der Ganztags- oder der Demokratiepädagogik.

Mehr Flexibilität und eine Lehrerbildung, die die angehenden Lehrkräfte auf den Schulalltag passgenau vorbereitet, kommen insbesondere den Schülerinnen und Schülern und damit der ganzen Gesellschaft zugute. Dies bedeutet mehr Bildungsqualität für alle!

NEIN

Michael Schwägerl, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands (BPV)

Im Bildungswesen wünschen sich alle eine passgenaue Förderung, auf den Einzelnen zugeschnittene Lernwege, die Berücksichtigung persönlicher Gegebenheiten und die Stärkung der Individualität. Nur Lehrerinnen und Lehrer sollen nun einheitlich, am besten „wie am Fließband“, ausgebildet werden, damit man sie dann leichter „von der Stange“ einstellen und auf die Schularten verteilen kann. Wie passt das zusammen?

Der aktuelle Lehrermangel betrifft zudem alle Bundesländer gleichermaßen, unabhängig von ihrem System der Lehrerbildung. Eine Vereinheitlichung mit längerem, gemeinsamem Anteil am erziehungswissenschaftlichen Studium bedeutet ein Zurückdrängen der fachwissenschaftlichen Inhalte. Und weniger Fachlichkeit heißt für das Gymnasium ein Verlust an Durchdringung von Inhalten, ein Verlust an Anspruch und Qualität, ein Verlust an Anschlussfähigkeit an die Hochschulen, ein Verlust an Ansehen. Die „Einheitslehrkraft“ ist somit der Tod für die Wissenschaftspropädeutik am Gymnasium und damit auch der Tod des bisherigen Gymnasiums mit seiner hohen fachlichen Ausprägung.

In anderen Bundesländern wurde die Vereinheitlichung der Lehrerbildung – ideologisch geprägt – entweder parallel zur Vereinheitlichung der Schularten betrieben (zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen) oder als Einstieg in ebendiese gesehen. Wer den Weg der Vereinheitlichung der Lehrerbildung in Bayern gehen will, darf die Konsequenzen für das vielgliedrige Schulwesen nicht ausblenden! Bildungsexperten unterschiedlichster Couleur sind sich weitgehend einig, dass einer der Gründe für den Erfolg des bayerischen Bildungswesens darin liegt, in den letzten Jahrzehnten größtenteils resistent gegenüber der Vielzahl an Reformen (und „großen, gedrehten Rädern“) gewesen zu sein. Wir sperren uns nicht gegen Reformen, aber sie müssen einen echten Fortschritt bedeuten, sonst verliert man das bestehende Gute.

 

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