Politik

01.02.2024

Sollen alle Suchtmittel generell erst ab 18 Jahren freigegeben werden?

Mit 14 Jahren dürfen Jugendliche in Deutschland in Begleitung ihrer Eltern Bier, Wein oder Sekt trinken. Burkhart Blienert (SPD), Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung, möchte das verbieten – und setzt sich sogar für ein generelles Verbot des Konsums von Suchtmitteln für Menschen unter 18 ein. Susann Enders, gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion der Freien Wähler im Landtag, ist dagegen. Aus ihrer Sicht wirken Verbote auf Jugendliche eher anziehend

JA

Burkhard Blienert (SPD), Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung

Fakt ist: Drogen gehören nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen. Darum ein klares Ja, Alkohol generell erst ab 18 Jahren zu erlauben. Ebenso Fakt ist: Je früher Kinder und Jugendliche Alkohol trinken, desto höher ist das Suchtrisiko. Und es entwickeln sich frühzeitig Trinkgewohnheiten.

Fakt ist auch: Drogen können die Gesundheit und das Wachstum von Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden irreversibel stören und schädigen. Das kann bis zu schwerwiegenden Nerven- und Hirnschäden führen. Bei jungen Menschen können durch Alkoholvergiftungen Nervenzellen und damit auch Gehirnzellen absterben. Die wachsen nicht nach, das ist anders als zum Beispiel bei Hautzellen.

Umso unverständlicher ist für mich die in Westeuropa einmalige Regelung, dass Jugendliche schon ab 14 Jahren in Begleitung ihrer Eltern Alkohol trinken dürfen. Ansonsten ist der Konsum von Bier, Wein und Sekt in Deutschland ab 16 Jahren erlaubt.
Für mich belegt das: Alkohol gehört viel zu selbstverständlich zum Alltag. Das fängt beim Feierabendbier an, geht über den Wein bei Freunden bis hin zum Sekt zum Anstoßen bei der Beförderung oder beim Geburtstag im Büro. Alkohol ist gesellschaftlich sehr akzeptiert. Und wir haben ein dickes Problem im Umgang mit Alkohol. Deutschland ist ein Hochkonsumland. Das betrifft auch sehr junge Menschen.

Allein darauf zu verweisen, dass die rein statistischen Konsumzahlen bei Jugendlichen gesunken sind, macht das Problem nicht kleiner. Rauschtrinken ist dennoch weitverbreitet. Rein statistisch hatte fast jeder vierte 16- und 17-Jährige einen Alkoholrausch, und pro Tag kommen 31 Jugendliche von 12 bis 17 Jahren mit Alkoholvergiftung in die Kliniken. Es ist Zeit, generell und einheitlich die Altersgrenze auf 18 Jahre zu setzen.

Das begleitete Trinken gehört abgeschafft. Alkohol ist ein sehr starkes Zellgift, auch wenn Eltern daneben sitzen. Für Veränderungen brauchen wir jetzt politischen Willen bei allen.

NEIN

Susann Enders, gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion der Freien Wähler im Landtag

Es steht außer Frage, dass Alkohol gesundheitsschädlich ist und insbesondere bei missbräuchlichem Konsum eine Fülle von Krankheiten und körperlichen sowie psychischen Problemen verursachen kann. Fakt ist aber auch: Die überwiegende Verbrauchermehrheit – rund 90 Prozent – geht verantwortungsbewusst und kompetent mit alkoholhaltigen Getränken um.
Gerade weil wir auf Eigenverantwortung und Selbstbestimmung der Bürgerinnen und Bürger setzen, lehnen wir ein grundsätzliches Abgabeverbot von Alkohol für Jugendliche unter 18 Jahren ab – ausgenommen hochprozentige Alkoholika.

Stattdessen setzen wir auf aktive Gesundheitsförderung und gezielte Prävention – durch Förderung von Eigenverantwortlichkeit, Stärkung der individuellen Risikokompetenz und Erlernen effektiver Selbstregulierung. Gerade deshalb sollte es Teil des Erwachsenwerdens sein, maßvollen Konsum zu erlernen – und das geht nicht mit pauschalen Verboten.

Zudem wirken Verbote auf Jugendliche teils nicht abschreckend, sondern eher noch anziehender. Die jungen Menschen suchen dann Umgehungs- und Ausweichkanäle im privaten Bereich – meist ohne jede Möglichkeit der sozialen Kontrolle durch Erziehungsberechtigte oder Veranstalter. Wer alkoholhaltige Getränke als Rausch- oder Suchtmittel missbrauchen will, wird immer Mittel und Wege finden, sich diese zu beschaffen. Eine Kontrolle hierüber halten wir für schwer umsetzbar. Zudem fehlt der Nachweis, dass Verkaufsbeschränkungen tatsächlich zu einer Missbrauchsreduzierung führen.

Statt Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen, sollte sich der Sucht- und Drogenbeauftragte lieber mit der geplanten Cannabis-Legalisierung seiner Bundesregierung beschäftigen. Problematisch ist nicht, wenn ein 15-Jähriger gemeinsam mit seinen Eltern ein Glas Bier trinkt, sondern wenn dieser Jugendliche mit seinen Freunden ein Rauschmittel, das potenziell Psychosen auslösen kann, legal konsumieren darf.
 

 

Kommentare (1)

  1. Konservativer_mit_Herz vor 2 Wochen
    Die Stellungnahme von Frau Enders trieft vor Doppelmoral. Ersetzt man in der Aussage Alkohol durch Cannabis und umgekehrt, ist die kognitive Dissonanz unerträglich.
    Hier mal zwei Sätze: "Die überwiegende Verbrauchermehrheit – rund 90 Prozent – geht verantwortungsbewusst und kompetent mit Cannabis um. ....
    Zudem wirken Verbote auf Jugendliche teils nicht abschreckend, sondern eher noch anziehender."

    Ein Satz, hinter dem ich nicht stehe, da ich jegliche Werbeverbote für Drogen und auch den Konsum unter 18 Jahren strikt ablehne, der aber die Doppelmoral entlarvt:

    "Problematisch ist nicht, wenn ein 15-Jähriger gemeinsam mit seinen Eltern einen Joint raucht,..."

    DOCH ist es schon, egal ob Cannabis oder Bier, kein Drogenkonsum unter 18. Die Gehirne unserer Kinder müssen uns mehr wert sein als Brauchtum oder betreutes Trinken, um neue Generationen von Alkoholikern heranzuziehen. Als Betroffener, in dessen Familie Alkoholmissbrauch vorkam, weiß ich, wovon ich spreche. Aber ich gebe Frau Endres auch Recht: "Verbote wirken auf Jugendliche nicht abschreckend, sondern eher noch anziehender." Dies gilt für legale und illegale Drogen.

    Unter Experten ist mittlerweile unstrittig, welche Droge gefährlicher ist. Auch wenn sie es aus ideologischen Gründen nicht wahrhaben wollen. Der Krieg gegen die Drogen ist ein Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Und wenn Alkohol verboten wäre, wären SIE die Verfolgten, die Stigmatisierten, die Kriminalisierten. Dies war bereits während der Alkoholprohibition in den USA der Fall, mit unerträglichem Leid für die Bevölkerung.

    Fakt ist:
    Wir müssen unsere Kinder vor allen Drogen schützen, auch vor Alkohol und Nikotin. Und gerade weil wir sie lieben, müssen wir sie, wenn sie sich für den Konsum entscheiden, vor den Gefahren des Schwarzmarktes schützen. Und auch vor demütigenden und ekelhafter Intimdurchsuchungen, die die Polizei bei Minderjährigen wegen Drogen durchführt, wie am Münchner Hauptbahnhof. DAS kann Gott so nicht gewollt haben, denn Gott ist ein verständnisvoller und verzeihender Vater.

    Denn auch ihre Kinder oder Enkel könnten betroffen sein. Die Durchsuchung könnte auch ihre Wohnung betreffen, ohne dass sie etwas dafür können, ein anonymer Hinweis kann schon ausreichen.

    Wollen sie das wirklich?

    Wenn schon nicht aus Herzensgüte und Nächstenliebe, dann wenigstens aus Ekel vor Intimdurchsuchungen oder aus Scham vor den Nachbarn bei der Hausdurchsuchung !!!
Die Frage der Woche
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2023

Nächster Erscheinungstermin:
29. November 2024

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 24.11.2023 (PDF, 19 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.