Politik

27.06.2024

Sollen Stromtrassen jetzt vermehrt oberirdisch gebaut werden?

Große Stromtrassen werden derzeit als Erdkabel gebaut – doch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verkündete in seiner Regierungserklärung, dass man jetzt wieder auf Freileitungen setzt. Bei Tim Meyerjürgens, dem Geschäftsführer des Stromnetzbetreibers Tennet, rennt er damit offene Türen ein.

JA

Tim Meyerjürgens, Geschäftsführer des Stromnetzbetreibers Tennet

Der Erfolg der Energiewende ist maßgeblich abhängig von einer schnellen und kosteneffizienten Umsetzung, damit Energie für Verbraucher langfristig bezahlbar und die Wirtschaft im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig bleibt. Der damit einhergehende Investitionsbedarf für die Infrastruktur ist enorm: Bis 2030 müssen rund 130 Milliarden Euro nur für den Aus- und Umbau der Übertragungsnetze investiert werden.

Ein Vorschlag, die Infrastrukturkosten zu senken, ist, den Ausbau des Übertragungsnetzes an Land grundsätzlich in Freileitungen auszuführen. Ein Umstieg auf Freileitungen allein bei den drei neuen Gleichstromvorhaben OstWestLink, NordWestLink und SuedWestLink würde Einsparungen von rund 20 Milliarden Euro bedeuten. Nach aktuellem Stand könnte das die Netzentgelte jährlich um circa 5 Prozent (1 Milliarde Euro) reduzieren. Dies wäre eine wirkungsvolle Maßnahme, die allerdings eine breite politische Rückendeckung und gesellschaftlichen Konsens erfordert und durchaus kontrovers diskutiert wird.

Da die betreffenden Gleichstromleitungen in der Planung und Genehmigung mit großen Schritten vorangehen und in naher Zukunft konkret Gestalt annehmen, muss die politische Entscheidung nun schnell erfolgen und dann auch langfristig bestehen, damit wir unsere Projekte in der mehrheitlich gewünschten Technologie zuverlässig und schnellstmöglich umsetzen können.

Unabhängig von dieser Einzelentscheidung bleibt die Kosteneffizienz beim Netzausbau ein wichtiges Thema: Weitere Einsparpotenziale sehen wir beispielsweise bei der Optimierung der Ausbauplanung für Offshore-Windenergie. Ein Wechsel in der Zielsetzung, weg von den installierten Leistungen in Gigawatt hin zu den tatsächlichen Stromerträgen in Terawattstunden, könnte den Investitionsbedarf um mehrere Milliarden Euro senken, ohne dabei die Energiewendeziele infrage zu stellen. So oder so, Versorgungssicherheit und die Wahrung der Wirtschaftlichkeit sind das Gebot der Stunde.
 

NEIN

Maria Quanz, Sprecherin des Bundesverbands der Bürgerinitiativen gegen SuedLink

„Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ scheint zunehmend der Leitsatz für politisches Handeln zu werden. Keine Ausrede ist zu schade, kein Argument zu weit hergeholt, um Entscheidungen zu revidieren, mit denen man den massiven Widerstand gegen den Übertragungsnetzausbau abschwächen wollte. Es ist keine neue Erkenntnis, dass Erdkabel Mehrkosten verursachen. Das war der erhoffte Deal für mehr Akzeptanz.

Inzwischen wird das Geld für die gigantischen Netzausbaupläne der Übertragungsnetzbetreiber knapp. Die Netzentgelte steigen unaufhaltsam und belasten die Stromkunden. Tennet ist bereits überfordert und will seine Übertragungsnetzanteile verkaufen. Umso armseliger der Versuch, durch Freileitungen das Ruder noch herumzureißen. Die Netzplanungen haben bereits begonnen, eine Umplanung zu Freileitungen würde neue Kosten verursachen.

Die reinen Investitionskosten für den Übertragungsnetzausbau liegen bei 320 Milliarden Euro. Einsparpotenzial ergibt sich somit in erster Linie dann, wenn die Dimensionierung des Netzausbaus auf den Prüfstand gestellt wird, und nicht, indem man auf Erdkabel verzichtet. Studien zu Gesundheitsgefährdungen durch Freileitungen werden ignoriert, mögliche Probleme kleingeredet. So auch die negativen Auswirkungen ionisierter Raumladungswolken, die verstärkt an Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Freileitungen vorkommen. Es passt ins Bild, dass neuerdings Betriebsgeräusche einer Höchstspannungsleitung (je nach Wetterlage äußerst unangenehm) per Gesetz keinen Lärm mehr darstellen. Verbindliche Abstandsregelungen zur Bebauung existieren nicht.

Unter diesen Voraussetzungen sind Freileitungen keine Option für mehr Akzeptanz. Neuer Protest ist vorprogrammiert. Freileitungen sind störanfällig, wie jüngste Beispiele eindrucksvoll belegen. Extreme Wettersituationen häufen sich, Sabotageakte lassen sich nicht vermeiden. Während die Politik blind den Lobbyverbänden folgt, gerät die Energiesicherheit weiter in Gefahr. 
 

Kommentare (3)

  1. Raimund Kamm vor 1 Woche
    Wer eine Energieversorgung ohne Atom, Kohle und Erdgas sondern mit Erneuerbaren Energien (EE) will, muss die EE-Kraftwerke möglichst weiträumig verteilen, um die Wetterunterschiede zu nutzen. Und dann mit modernen, verlustarmen HGÜ-Leitungen (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung) vernetzen.

    Für die Umwelt ist es meistens besser, alle 400 Meter einen Masten zu stellen und daran die HGÜ-Leitungen, die übrigens kleiner sind als entsprechende 380 kV-Leitungen, zu hängen. Erdkabel sollten nur dort genutzt werden, wo Siedlungen nicht überspannt werden sollen. HGÜ-Erdkabel durch Äcker oder gar Moore und Wälder sind viel schlechter als Freileitungen.

    Das erspart uns zudem Milliarden.

    Hingegen sollten 20 kV- und 110 kV-Leitungen vorrangig verkabelt werden. Das schont die Landschaft und die Vögel. Die Verkabelung von 20 kV-Leitungen ist meistens durch Einpflügen machbar. 500 kV-HGÜ-Leitungen zu verkabeln erfordert hingegen zig Meter breite Gräben.
  2. Wunni vor 2 Wochen
    Die Trassen sind weder über noch unter der Erde notwendig. Ich bin total dagegen, da ich nicht den europäischen Stromhandel finanzieren will. Dezentrale Energieversorgung muss das Ziel sein. Die Trassen zerstören Mensch und Natur zu einem irren Kostenaufwand und die Zeche würde wieder der Stromkunde zahlen - eindeutig NEIN zu den Trassen!
  3. Wea.Traum vor 2 Wochen
    Überdimensionierter Ausbau der Höchstspannungs-Übertragungsnetze hat nichts mit Energiewende zu regionalen, erneuerbaren Energien zu tun. Im Gegenteil: Diese Übertragungsnetze transportieren zu wesentlichen Teilen Atom- und Kohlestrom und blockieren, weil sie sich nicht so schnell abschalten lassen, die Einspeisung von Strom aus regionaeln Photovoltaik- und Windkraftanlagen.

    Der geplante Ausbau des Übertragungsnetzes kostet mindestens 320 Milliarden Euro plus Finanzierungskosten in fast der gleichen Höhe. Das soll kosteneffizient sein, Herr Meyerjürgens? Das ist nur ein Versuch mehr Gewinn für Ihr oligopolistisches Unternehmen zu erreichen. Rund 20 Milliarden Einsparung durch Frei- statt Erdleitungen ist dagegen lächerlich.

    § 1 Energiewirtschaftsgesetz beinhaltet: "Zweck des Gesetzes ist eine möglichst sichere, preisgünstige, verbraucherfreundliche, effiziente, umweltverträgliche und treibhausgasneutrale leitungsgebundene Versorgung der Allgemeinheit mit Elektrizität, Gas und Wasserstoff, die zunehmend auf erneuerbaren Energien beruht."

    Übertragungsnetze sind
    - nicht sicher, weil sie leicht angegriffen und ge- und zerstört werden können,
    - nicht preisgünstig, weil sie zig Mlliarden kosten,
    - nicht verbraucherfreundlich, weil sauteuer, und weil Großverbraucher bevorzugt werden,
    - nicht effizient, weil über die langen Strecken viel Energie verloren geht,
    - nicht umweltverträglich und nicht treibhausneutral, weil über Tausende von km's Natur zerstört wird und Menschen in ihrer Gesundheit gefährdet werden,
    - nicht zunehmende auf erneuerbaren Energien beruhend, weil über das europäische Stromnetz viel Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken eingespeist wird.

    Zusammenfassend: Der Ausbau der Übertragungsnetze widerspricht mehrfach § 1 Energiewirtschaftsgesetz! Wer trotzdem diese Netze ausbaut, handelt rechtswidrig!
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