Politik

Leere Züge, leere U-Bahnen: Die Corona-Krise ließ und lässt Menschen daheimbleiben. Für die Verkehrsunternehmen bedeutet das Verluste. (Foto: dpa/Sven Hoppe)

22.05.2020

Sparkurs stoppt die Verkehrswende

Mehr Bahnverbindungen, mehr Personal, besserer Service – Corona wird auch bei Bussen und Bahnen Spuren hinterlassen

Eigentlich wollte die Bundesregierung als Reaktion auf die Fridays-for-Future-Proteste neben der Energie- auch eine Verkehrswende einleiten. Im vergangenen September kündigte sie Milliardensummen für die Schiene an. Das marode Streckennetz sollte saniert, Bahnfahren attraktiver werden. Auch aufgrund der Mehrwertsteuersenkung legte die Zahl der Fahrgäste im Fernverkehr noch im Januar massiv zu.

Dann kam Corona. Aus Angst vor dem Virus und wegen der massiven Beschränkungen der Bewegungsfreiheit fuhren zuletzt weit weniger Menschen mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Fahrgastzahlen brachen bei den städtischen Verkehrsgesellschaften um 50 bis 80 Prozent, im Fernverkehr der Deutschen Bahn sogar um bis zu 90 Prozent ein.

Um eine Grundversorgung zu gewährleisten und enge Abstände in den Zügen und Bussen zu vermeiden, hielten viele kommunale Verkehrsgesellschaften und die Bahn jedoch den größten Teil des Fahrplans aufrecht. Im Fernverkehr fuhren im Schnitt drei von vier Zügen. Doch dieser Gemeinsinn kommt die Bahn ebenso wie zahlreiche städtische Verkehrsbetriebe nun womöglich teuer zu stehen. Denn als Folge der Fahrgastflaute brachen weite Teile der Ticketeinnahmen weg. Und bevor es einen Impfstoff oder ein Medikament gibt, dürften wohl auch weiterhin viele Kunden aus Angst vor dem Virus die Bahn meiden. Andere wiederum könnte die Aussicht abschrecken, stundenlang mit Maske im Zug zu sitzen. Immerhin: Sollten Urlaubsflüge nach Südeuropa oder Fernreisen weiterhin untersagt bleiben, könnten Menschen, die sonst mit dem Flieger abheben, per Bahn in die Ferien fahren.

Eigentlich wollte die Ban 25 000 neue Mitarbeiter*innen einstellen

Doch an dem historischen Einnahmeminus der Bahn wird das nicht viel ändern. Die Bundesregierung rechnet für die Deutsche Bahn jedenfalls aus heutiger Sicht mit einem Corona-Schaden von elf bis 13,5 Milliarden Euro. Einen großen Teil der Verluste übernimmt zwar der Bund. Doch einem Regierungspapier zufolge soll die DB selbst bis zu fünf Milliarden Euro einsparen. Die Bahngewerkschaft EVG warnt, es könnten mehr als 10 000 Arbeitsplätze wegfallen.

Dabei sollten dieses Jahr eigentlich 25 000 neue Mitarbeiter*innen eingestellt werden. Schließlich will die Bahn im Kampf gegen den Klimawandel in den kommenden Jahren deutlich mehr Züge fahren lassen. „Doch wenn jetzt nicht eingestellt wird, wird die Bahn den Fahrgastansturm, der nach dem Ende der Corona-Pandemie kommen wird, nicht bewältigen können“, sagt Lukas Iffländer, stellvertretender Bundesvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn. Zudem sollen Investitionen in die Infrastruktur der Bahn den Plänen des Bundes zufolge zumindest nach hinten geschoben werden. Die Verkehrswende sei bedroht, so Iffländer.

Auch der renommierte Mobilitätsforscher Heiner Monheim fürchtet, dass die Corona-Krise und die damit einhergehenden Einsparungen bei Bahn und ÖPNV „eine mögliche Verkehrswende um Jahre zurückwerfen könnten“.

Experten fürchten vor allem bei den kommunalen Verkehrsbetrieben einen Kahlschlag. Denn während Bund und Freistaat derzeit über Wirtschaftsbereichen mit starken Lobbygruppen das Füllhorn ausgießen, ist von einem Rettungsschirm für die Nahverkehrsunternehmen bislang keine Rede. Und so bleiben die massiven Verluste wohl bei den Kommunen hängen. Doch viele von ihnen dürften angesichts einbrechender Steuereinnahmen und wohl bald explodierender Sozialkosten demnächst mit dem Rücken zur Wand stehen.

SPD-Vorschläge für einen Rettungsschirm für klamme Kommunen schmetterte die Union gerade erst ab. Viele Städte und Landkreise werden jedoch ohne frisches Geld gar nicht anders können, als das Angebot an Straßenbahnen, Bussen und U-Bahnen massiv auszudünnen, wenn die Politik nicht gegensteuert. „Die Kommunen brauchen dringend Unterstützung“, fordert Monheim. Zudem müsse der ÖPNV zur kommunalen Pflichtleistung werden; bislang ist das etwa der Straßenbau.

Monheim warnt vor einem „verkehrspolitischen Rollback“. Die angedachte Abwrackprämie für Autos sei „das Gegenteil einer Verkehrswende“. Stattdessen müssten nun das Fahrradnetz sowie der ÖPNV massiv ausgebaut werden. (Tobias Lill)

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