Politik

Durch mehrere Bombenexplosionen in dem Hauptgebäude des Springerverlages wurden im Mai 1972 17 Mitarbeiter verletzt. (Foto: dpa/Werner Baum)

10.05.2022

Vor einem halben Jahrhundert erreichte der Terror der RAF Bayern

Als die RAF 1972 eine Bombenoffensive gegen den deutschen Staat startet, stehen Ziele in Bayern oben auf der Liste. Lange wurde der Freistaat den Terror von linken Extremisten danach nicht los. Auch heute noch sieht der Innenminister eine Bedrohung

Vor einem halben Jahrhundert erreichte der Bombenterror der Roten Armee Fraktion (RAF) Bayern. Im Frühjahr 1972 begann die erste Generation der linksextremistischen Gruppe damit, eine konzertierte Anschlagsserie in der Bundesrepublik zu begehen - der Freistaat zählte zu den ersten Zielen.

Einer der Auslöser der Anschläge ereignete sich am 2. März 1972 in der Mittagszeit im Zentrum von Augsburg: Bei einem Festnahmeversuch wurde der Verdächtige Thomas Weisbecker, 23 Jahre alter Sohn eines Kieler Medizinprofessors, von einem Polizisten erschossen. Die RAF, zunächst als "Baader-Meinhof-Bande" bekannt, reagierte zwei Monate später mit Vergeltungstaten. Am 12. Mai 1972 explodierten Bomben in der Augsburger Polizeidirektion, Stunden später detonierte eine Autobombe auf dem Parkplatz des Bayerischen Landeskriminalamtes in München. In beiden Städten gab es Verletzte.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) meint, dass auch heute noch die Polizei durch Extremismus gefährdet sei. "Auch 50 Jahre nach diesen bösartigen Anschlägen können wir nicht ausschließen, dass Polizistinnen und Polizisten attackiert werden", sagt er. Aktuell gebe es von der linksextremistischen Szene wieder militante Aktionen wie Brandanschläge auf Autos. "Zudem geraten polizeiliche Einsatzkräfte bundesweit in den Fokus gewaltbereiter Aktivisten, insbesondere bei Demonstrationen", sagt Herrmann.

Seit dem vergangenen Jahr nehme auch in der anarchistischen Szene die Hinwendung zu Gewalt zu. "Sowohl die Sicherungseinrichtungen der Polizeidienststellen als auch die persönliche Schutzausstattung der Beamtinnen und Beamten werden fortlaufend verbessert", betonte Herrmann deshalb.

Auch schon Anfang der 1970er Jahre vor der blutigen Eskalation durch die RAF hatte der Staat aufgerüstet, um die Köpfe der Untergrundgruppe zu fassen. Dies führte dazu, dass die Bundesländer einen Teil ihrer polizeilichen Kompetenz an das vom früheren Nürnberger Polizeipräsidenten Horst Herold geführte Bundeskriminalamt (BKA) abgaben. So entstanden in der Republik zehn sogenannte Regionale Sonderkommissionen, darunter in München.

Auf offener Straße erschossen

"Die Länder waren gut beraten, dem BKA die Führung zu überlassen, wie sich schnell zeigte", erinnerte sich später Günther Scheicher, Fahndungschef der damaligen BKA-Soko Baader-Meinhof. Denn die Regionaleinheiten konnten wenige Wochen nach ihrer Einsetzung Anfang 1972 Erfolge vorweisen, die ersten Zugriffe auf Mitglieder der Terrorgruppe fanden in Augsburg und kurz danach in Hamburg statt.

In Augsburg habe ein Immobilienmakler im Februar die Polizei informiert, dass sich ein verdächtiges Pärchen in einem Haus eingemietet habe, berichtet der Journalist Stefan Aust in dem Standardwerk "Der Baader Meinhof Komplex". Der Verdacht, es handele sich um Mitglieder der gesuchten Gruppe um Andreas Baader und Ulrike Meinhof, habe "ein polizeiliches Großunternehmen" ausgelöst. 13 Beamte hätten sich daraufhin in einem Augsburger Hotel eingemietet und die Wohnung observiert.

Am 2. März sollten Weisbecker und seine Freundin festgenommen werden. Auf offener Straße wurde der Gesuchte dabei erschossen. "Nach Angaben der Polizei hatte Weisbecker versucht, seine Pistole zu ziehen", erklärt Aust. Weisbeckers Begleiterin wurde festgenommen.

Noch am gleichen Tag kam es zu einem Schusswechsel in einer Hamburger Wohnung, die die Terroristen als Fälscherwerkstatt nutzten. Ein Polizist starb wenige Wochen später an seinen Verletzungen, ein getroffener Terrorist überlebte schwer verletzt. "Die Schüsse von Augsburg und Hamburg zeigten, dass inzwischen auf beiden Seiten die Finger schnell am Abzug waren", betont Aust.

Der Tod des Staatsfeindes in Augsburg führte dann zu einem Gegenschlag mit ganz anderen Waffen: Eine auf dem LKA-Parkplatz in München gezündete Bombe zerstörte 60 Autos. Wenige Tage später tauchte ein Bekennerschreiben des "Kommandos Thomas Weisbecker" auf: "Die Fahndungsbehörden haben nunmehr zur Kenntnis zu nehmen, dass sie keinen von uns liquidieren können, ohne damit rechnen zu müssen, dass wir zurückschlagen werden", hieß es in dem RAF-Papier.

Mehrere Menschen starben durch die "Mai-Offensive" der RAF

Die beiden Taten zählen zu der sogenannten "Mai-Offensive" der RAF, durch die mehrere Menschen starben und etliche teils schwer verletzt wurden. Einen Tag vor der Zündung der Bomben in Augsburg und München hatte die Serie mit einem Anschlag auf die US-Armee in Frankfurt am Main begonnen.

Nach sechs Anschlägen folgte die bis dahin größte Fahndungsaktion der Bundesrepublik, die dann auch zu Festnahmen von Baader und anderen führte. Die Radikalisierung der Gruppe sorgte damals für große Diskussionen in der Gesellschaft und brachte die RAF in Erklärungsnot. "Die Sprengstoffanschläge im Mai 1972 finden auch in sympathisierenden Kreisen keine ungeteilte Zustimmung", schreibt der Jurist Klaus Pflieger, ehemals bei der Bundesanwaltschaft mit der RAF befasst, in seinem Buch "Die Rote Armee Fraktion" über die damalige Stimmung. Daraufhin sei eine Tonbandaufnahme von Meinhof als Rechtfertigung veröffentlicht worden.

Doch auch in den Jahren danach wurde der Freistaat noch mehrfach Schauplatz von Verbrechen der RAF. So kam es 1985 und 1986 zu zwei blutigen Attentaten im Münchner Umland: Zunächst wurde der Vorstandsvorsitzende der Motoren- und Turbinen-Union (MTU), Ernst Zimmermann, in seinem Haus in Gauting bei München erschossen.
Danach kamen der Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und sein Chauffeur bei einem Attentat ums Leben. In Straßlach explodierte ein Sprengsatz der Terroristen, als der Wagen des Atomphysikers vorbeifuhr.

Auch nach dem Ende des Bombenterrors der RAF in den 1990er Jahren erlebte der frühere BKA-Chef Herold die Folgen noch lange in seiner bayerischen Heimat. Als der Top-Beamte, der mit computergesteuerter Rasterfahndung die Bundesbehörde modernisierte, in den Ruhestand ging, konnte er nicht dauerhaft in sein Nürnberger Haus zurückkehren.

Der Polizeichef musste in seiner aktiven Zeit im BKA in Wiesbaden leben, da er als extrem gefährdet galt. Als Pensionär musste er dann auf das Gelände einer Bundesgrenzschutz-Kaserne in Oberbayern ziehen. Der Staat sah sich nicht in der Lage, seinen prominentesten Terroristenjäger anders zu schützen. Herold starb im Dezember 2018 im Alter von 95 Jahren.

"Das Kapitel RAF ist eine Ausnahme in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gewesen", heißt es in einem Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung über die Terrorgruppe. "Weder davor noch danach hat es eine größere Herausforderung der politischen Ordnung gegeben."

Manche Taten wie die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer im Herbst 1977 haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Doch nicht nur an die Opfer der Anschläge wird erinnert, auch der in Augsburg erschossene Verdächtige ist nicht vergessen. An ihn erinnert in Berlin-Kreuzberg das "Tommy Weisbecker Haus", ein Wohnkollektiv für Jugendliche und junge Erwachsene.
(Ulf Vogler, dpa)

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