Politik

Kinder leiden besonders unter Corona. Gut, dass es hier Lockerungen gibt – konsistent sind sie nicht. (Foto: Getty Images, mikimad)

15.05.2020

Was besser laufen kann

Corona-Proteste: Nicht jede Kritik lässt sich einfach als Spinnerei abtun

Die Wut über die Corona-Beschränkungen wächst. Es wäre aber fatal, die Proteste nur rechten Verschwörungstheoretikern zuzuordnen. Fakt ist: Es wurden Fehler gemacht. Und die sollte man zugeben. Wir haben sechs Bereiche unter die Lupe genommen.


Masken
Anfangs war es in Bayern nur ein Gebot: das Tragen von Masken in Geschäften und dem ÖPNV. Doch dann kippte Ministerpräsident Markus Söder um, die Stofffetzen vor Mund und Nase wurden Pflicht. Obwohl selbst das Gros der Wissenschaftler*innen vom Nutzen einer Maskenpflicht ohne echte Masken nicht überzeugt ist. Im Gegenteil: Einigkeit herrscht darüber, dass sich bei falscher Handhabung das Ansteckungsrisiko sogar erhöht. Denn wird ein virenverseuchter Mund-Nasen-Schutz munter betatscht beim Auf- und Absetzen, verteilt man die Erreger. Trägt man ihn aber zu lange, durchfeuchtet der Stoff. Wer aber hat immer eine Zweit- oder Drittmaske dabei? Wer wäscht und desinfiziert seine Maske nach jedem Tragen? Die Maskenpflicht ist ein Placeboschutz. Selbst das Robert Koch-Institut erklärt, eine Schutzwirkung sei nicht belegt. Das rechtfertigt keinen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Menschen.

Kinder
Die Erkenntnisse über das Ansteckungsrisiko von Kindern und deren Bedeutung bei der Verbreitung des Virus sind höchst widersprüchlich. Das zaghafte Vorgehen bei der schrittweisen Öffnung von Schulen und Kitas ist deshalb verständlich. Dass Kinder, vor allem die kleineren, Abstand zueinander halten, ist utopisch. Höchst unlogisch ist dann aber, die Spielplätze von einem auf den anderen Tag zu öffnen. Klar, Kinder müssen raus. Und sie brauchen andere Kinder zum Spielen. Doch welchen Sinn ergibt es, Kitas dann noch geschlossen zu halten? Was sollen da noch Distanz- und Hygieneregeln an Schulen? Vormittags werden die Kinder in geteilten Klassen aufwendig voneinander getrennt, damit sie nachmittags zusammen toben.

Gastronomie
Nach welchem System die Staatsregierung Entscheidungen für die Gastronomie trifft, ist ebenfalls nicht nachvollziehbar. Am 18. Mai dürfen Biergärten und Außenbereiche von Restaurants und Cafés wieder öffnen. Aber nur bis 20 Uhr. In den Speisegaststätten, die ab dem 25. Mai wieder aufsperren dürfen, darf man hingegen bis 22 Uhr sitzen. Seltsam, denn weder ist das Coronavirus nachtaktiv noch ist das Ansteckungsrisiko im Freien höher als in geschlossenen Räumen – das Gegenteil ist der Fall.

Sport
Wochenlang war Sport fast komplett verboten. Ausnahme: joggen, wandern, radeln oder heimisches Turnen. Erst ab 11. Mai erlaubte Bayern kontaktlose Sportarten wie Tennis oder Golf. Der Frust vieler Menschen darüber, dass sie nicht schon früher auf einem 24 mal acht Meter großen Outdoor-Tennisplatz Bälle schlagen oder zu zweit auf einem zehn Meter langen Segelboot sein durften, ist berechtigt. Das Verbot wirkte nicht durchdacht. Ebenso unverständlich ist, warum Bundesliga-Fußballvereine bereits ab 6. April trainieren durften, andere Profisportler wie Turner, die ebenfalls in der Bundesliga sind, hingegen bis 11. Mai Trainingsverbot hatten.

Sozialkontakte
Gewiss: Je weniger Leute sich nah kommen, desto geringer das Ansteckungsrisiko. Die aktuellen Kontaktregeln werfen allerdings Fragen auf. So dürfen sich nun Angehörige zweier Hausstände treffen – was im Fall von zwei größeren Familien oder Wohngemeinschaften auch mal 15 Personen sein können. Drei allein lebende Freundinnen jedoch dürfen offiziell nicht zusammenkommen. Klar, dass so etwas für Unmut sorgt.

Corona-Kritik
Gelegentlich gewinnt man den Eindruck: Nur Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Staatsbürger*innen, die Corona-Gefahren so dramatisch wie möglich darstellen, gelten als verantwortungsbewusst und vernünftig. Das nervt viele Leute zunehmend, und zwar nicht nur die Dummen und Sorglosen. Es wäre schön gewesen, wenn es von Regierungsseite auch mal die Aussage gegeben hätte, dass man Dinge gelegentlich falsch eingeschätzt hat. Oder dass das Robert Koch-Institut sich wiederholt kolossal geirrt hat – sowohl bei der vermeintlichen Harmlosigkeit von Covid-19 als auch bei der prognostizierten Dramatik des Infektionsgeschehens. Doch darauf fußend gab es immense und in der bundesdeutschen Geschichte beispiellose Eingriffe in unsere Grundrechte. Das muss man thematisieren und dagegen muss man auch demonstrieren dürfen. Dass Rechtsextreme und andere Chaoten sich ebenfalls empören, darf weitere Kritiker keinesfalls entehren.
(Angelika Kahl, Waltraud Taschner)


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