Politik

(Foto: dpa)

15.10.2020

Wenn Politiker glauben, sie antworten Kindern

Kann auch ein Mann Bundeskanzler werden? Und warum ist Donald Trump so gemein? Der Münchner Autor Thomas Ganzhorn hat für sein Buch "Liebe Frau Merkel" Antworten von Politikern und Unternehmen auf angebliche Kinderfragen zusammengetragen.

Entwaffnende Fragen und zum Teil überraschende Antworten: Der Münchner Autor Thomas Ganzhorn hat für sein Buch "Liebe Frau Merkel" Briefe zusammengetragen, die Politiker und Unternehmen als Antworten auf angebliche Kinderfragen verfasst haben. Dafür hat er die neunjährige Marie und ihren zwölf Jahre alten Bruder Timo erfunden und in deren Namen Briefe an Angela Merkel und Friedrich Merz (beide CDU) geschrieben, an die Deutsche Bank, Google oder den früheren US-Botschafter Richard Grenell, bei dem Erkundigungen über Donald Trump eingeholt werden sollen.

"Ich wollte dich fragen, wieso der amerikanische Präsident so viele komische Sachen macht", steht in dem Brief an Grenell, der bis zum Sommer noch US-Botschafter in Berlin war. "Warum sagt Euer Präsident so schlimme Sachen über Frauen und nennt manche Länder Deckslochländer?" Trumps Vorgänger Barack Obama sei doch immer so nett gewesen. "Meine ganze Klasse hofft, dass es bald wieder einen netten amerikanischen Präsidenten gibt."

Die Antwort kommt vom US-Generalkonsulat in München, "da du in Bayern wohnst". Die Generalkonsulin Meghan Gregonis selbst lädt nicht nur den imaginären Timo, sondern gleich seine ganze Schule zu einem Treffen ein.

Kanzlerin Merkel wird gefragt, ob man auch als Mann Bundeskanzler werden kann und was man studieren muss, um ihr Nachfolger zu werden. Derjenige, der das werden will - Friedrich Merz - antwortet auf die Frage, wie er sich als Millionär auch um die Belange von armen Leuten und Flüchtlingen kümmern will, damit, dass er wisse, "dass unsere Gesellschaft nur dann zusammenhält, wenn auch "einfache Leute" das Gefühl haben, dass sie am Wohlstand unseres Landes teilnehmen und dass dies auch tatsächlich so ist".

Wieso bekommen Bank-Chefs so hohe Boni?

Und dann will "Marie" noch von der Deutschen Bank wissen, warum den Chefs dort so hohe Boni ausgezahlt werden. Darauf gibt es nicht nur eine ausführliche Antwort, sondern auch das Angebot eines Mitarbeiters, sie in München zu besuchen und das Thema mit ihr zu besprechen. Die Boni, so schreibt er, seien im Grunde damit zu vergleichen, wenn Eltern ihren Kindern (zusätzlich zum Taschengeld) "als Belohnung und Ansporn" für eine gute Schulnote ein paar Euro zusätzlich zustecken. Außerdem beruhigt er: "Unsere Mitarbeiter sind auch nicht alle reich."

"Insgesamt haben Marie und Timo 65 Briefe geschrieben und 40 Antworten bekommen", schreibt Ganzhorn im Vorwort. Zu den beiden Kunstfiguren sei er von seinen kleinen Nichten inspiriert worden. "So kann sich der Leser über viele Briefwechsel erfreuen, die tief blicken lassen", wirbt der Wiener Ueberreuter Verlag, der das Buch auf den Markt bringt. "In Zeiten von Hass und etlichen Projektionen auf Politik und Führungskräfte zeigt dieser Band vor allem die menschliche Seite, den einfachen Menschen hinter Amt und Funktion, mal mehr, mal weniger emphatisch, mal humorvoll oder gänzlich spaßbefreit, aber immer unterhaltsam."

Georg Prinz von Preußen verspricht "Marie" und ihren Eltern freien Eintritt in die Burg Hohenzollern. Rewe rechtfertigt sich dafür, dass auch Bio-Produkte in Plastik verpackt sind, Kik für günstige Kleidung - und dm verrät nicht, woher das Klopapier kommt. Dafür schickt Alfons Schuhbeck sein Rezept für Spaghetti Bolognese und Bundesbankpräsident Jens Weidmann erklärt, was Bitcoins sind. Ausgerechnet der Internetriese Amazon antwortet ganz klassisch und analog - auf fünf handgeschriebenen Seiten.

Ausgerechnet die Antwort auf den Brief allerdings, der dem Buch seinen Titel gab, ist darin nicht zu finden. "Leider hat das Bundeskanzleramt für den liebevoll formulierten Antwortbrief keine Abdruckgenehmigung gegeben", schreibt Ganzhorn in seinem Vorwort über den Brief an Merkel. "Ich kann jedoch verraten, dass die Bundeskanzlerin junge Leute mit politischen Ambitionen zu frühem Engagement für die Gesellschaft aufruft, zum Beispiel durch die Mitarbeit in einer demokratischen Partei."
(Britta Schultejans, dpa)

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