Politik

Ein Set des sogenannten „Lolli“-Tests (PCR-Pooltest) im Klassenzimmer einer Münchner Grundschule. (Foto: dpa/Peter Kneffel)

22.10.2021

Wer sich nicht testet, wird bestraft

Das bayerische Kultusministerium erhöht den Druck: Lehrkräfte begrüßen die harte Linie, da sie Klarheit für die Schulen schaffe – doch auch die Kritik ist groß

In Bayern gilt: Nur Getestete, Genesene und Geimpfte dürfen die Schulen betreten. Einige Eltern lehnen es aber ab, ihre Kinder testen zu lassen. Nach den Herbstferien droht ihnen ein Bußgeld – von bis zu 1000 Euro. Dass es auch anders geht, zeigen Bundesländer wie Rheinland-Pfalz, wo Eltern ihre Kinder zu Hause testen können. Für Verweigerer gibt es Distanzunterricht.

Wer Kinder erzieht, weiß: Strafen sind out, logische Konsequenzen in. Statt Fehlverhalten zu sanktionieren, wird an Einsicht appelliert. Man argumentiert, man überzeugt. Gelingt dies nicht, hat das, wie den Kindern voll Bedauern erklärt wird, unangenehme Folgen.

Dass Testverweigerer an bayerischen Schulen jetzt Schulschwänzern gleichgestellt werden, fällt ganz klar unter die Kategorie Strafen. Testverweigerer haben keinen Anspruch mehr auf Distanzunterricht. Auf Proben und Klausuren, an denen sie nicht teilnehmen, bekommen sie eine glatte Sechs. Und die Bußgelder, die aufs Schwänzen stehen und von den Kreisverwaltungsbehörden erhoben werden, können empfindlich hoch sein. In Bayern belaufen sie sich auf bis zu tausend Euro. Voraussetzung: Der Schüler oder die Schülerin hat zehn Tage unentschuldigt gefehlt.

Die Vorteile dieser Maßnahme sind klar. Die Fronten sind verhärtet. Mit einer ordentlichen Drohkulisse im Rücken können Schulleiter*innen besonders uneinsichtige Eltern wieder auf Kurs bringen. Mag sein, dass manche Eltern einknicken, wenn es an ihren Geldbeutel geht. Dabei bliebe ihnen der drohende Gesichtsverlust, der in einer polarisierten Debatte häufig von nötigen Kurskorrekturen abhält, erspart. Man beugt sich halt der Politik, die spätestens nach den Herbstferien einen härteren Kurs fährt.

Bayern ist nicht das einzige Bundesland, das jetzt auf Strenge setzt. Beispiel Sachsen: Weigern sich Kinder, eine Maske zu tragen oder an Tests teilzunehmen, ist die Schulpflicht verletzt, so eine Sprecherin des Kultusministeriums, was ein Ordnungswidrigkeitsverfahren nach sich ziehen könnte. Auch in Baden-Württemberg und Hamburg herrscht wieder uneingeschränkte Präsenzpflicht, weshalb auch die „Regularien zur Verhinderung von Schulabsentismus“, so eine Sprecherin der Hansestadt, in Kraft treten.

Eltern, die Angst vor Gift in den Stäbchen haben

In anderen Bundesländern bleibt das Entgegenkommen größer: So können Schülerinnen und Schüler in Hessen, die sich nicht testen lassen wollen, auch künftig von ihren Eltern vom Präsenzunterricht abgemeldet werden. „Die Schülerinnen und Schüler erhalten dann Materialien von den Schulen und werden – dort, wo es möglich ist (tendenziell eher die Ausnahme) – auch online zur Klasse zugeschaltet“, so ein Sprecher des Kultusministeriums. Insgesamt seien dem Ministerium 800 solcher Schüler*innen bekannt.

In Rheinland-Pfalz und in Schleswig-Holstein können Eltern ihre Kinder zu Hause testen und dem Kind eine „qualifizierte Selbstauskunft“ in die Hand geben. In beiden Bundesländern erhalten die Schülerinnen und Schüler, die sich nicht testen lassen, außerdem ein Angebot zum Distanzlernen.

Auch in Nordrhein-Westfalen, wo der Anteil der Testverweigerer zuletzt bei unter 0,1 Prozent lag, wie es aus dem Schulministerium heißt, wird auf Bußgelder und Strafen bislang verzichtet.

Es geht also auch anders. Ist der harte Kurs darum übertrieben? Könnte man nicht einfach auf Bußgelder pfeifen und das tun, was pädagogisch immer am sinnvollsten ist: miteinander reden? Und: Wie groß ist das Problem überhaupt?

0,26 Prozent der Schülerinnen und Schüler nehmen aufgrund eines ärztlichen Attests mit Corona-Bezug, wegen einer individuell empfundenen Gefährdungslage oder mangelnder Testbereitschaft nicht am Unterricht teil, heißt es aus dem bayerischen Kultusministerium. Testverweigegernde machen also einen Bruchteil davon aus. Genauer aufgeschlüsselt sind die Zahlen des Ministeriums nicht. Man weiß aber: Besonders viele Fehlende verzeichnen Grund- und Mittelschulen.

„Verschwindend wenige Schülerinnen und Schüler“, so Henrike Paede vom Bayerischen Elternverband, seien insgesamt betroffen. Bei ihr melden sich häufig Eltern, die Angst vor angeblichem Gift in den Teststäbchen hätten und fürchten, ihre Kinder würden „vergiftet“.

Die Redaktion der Zeitschrift Ökotest ist der Sache bereits im Mai nachgegangen, nachdem ein Video im Netz für Aufruhr gesorgt hatte. Sie stellt fest: „Richtig ist, dass die Wattetupfer von Corona-Tests mit Ethylenoxid sterilisiert werden. Richtig ist außerdem, dass Ethylenoxid giftig ist.“ Aber: Nach der Sterilisation werde das Ethylenoxid „sozusagen ausgelüftet, denn als Gas hat es die Eigenschaft, sich schnell zu verflüchtigen“. Testverweigerer scheint das nicht zu überzeugen. Sie kritisieren darüber hinaus, der Stäbchentest sei „zu invasiv“, erzählt Henrike Paede – obwohl die Kinder ihn selbst durchführen. Anfangs habe sie versucht, die Eltern zu beruhigen und aufzuklären. Aber irgendwann wurde ihr bewusst, dass gegen manche Ängste kein Kraut gewachsen ist. „Die Kinder, deren Eltern einen Sonderweg gehen, stecken dann in einer elenden Zwickmühle“, sagt Paede. „Das ist fatal und richtig schädlich!“

Fischbach (FDP): „Wir gefährden Bildungskarrieren“

Die Lehrerverbände begrüßen den Schritt der Staatsregierung. Er schaffe Klarheit für Schulleitungen und Lehrkräfte und wirke entlastend, so der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbands Michael Schwägerl. Es bleibe abzuwarten, wie sich die Familien nach der Bedenkzeit, die bis zu den Allerheiligenferien andauert, verhalten. „Wir hoffen, dass möglichst viele ihren Kindern den Weg zurück zu mehr Normalität ermöglichen“, erklärt eine Sprecherin des Verbands. „Nichtsdestotrotz werden die Schulen mit den Familien in Kontakt bleiben und die Kinder sicher nicht im Regen stehen lassen.“ Materialien zum Lernen daheim würden ab sofort freiwillig zur Verfügung gestellt. Ein Anrecht darauf haben Masken- und Testverweigerer allerdings nicht.

Auch Jürgen Böhm vom Bayerischen Realschullehrerverband heißt die Gleichstellung von Testverweigerern mit Schulschwänzern gut. „Ich bin für die harte Linie“, sagt er. Zwar sei es pädagogisch geboten, den Eltern ins Gewissen zu reden. „Aber die Kollegen haben genug zu tun, die können sich nicht teilen, dritteln oder vervierfachen.“ Und: „Es werden die Eltern bestraft, nicht die Kinder.“ Für letztere sei es allerdings „extrem schade, dass die Eltern ihnen den Zugang zu Bildung verwehren“.

Simone Fleischmann vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband hat ebenfalls viel übrig für klare Ansagen, betont aber auch, wie wichtig es ist, den pädagogischen Spielraum zu nutzen, den Schulleiter*innen und Lehrkräfte im Umgang mit Testverweigerern haben. Hier mal ein Anruf, dort ein klärendes Gespräch, Unterrichtsmaterialien zum Selbstdurcharbeiten: All das ist ja auch weiterhin möglich. „Ich wünsche mir Schulleiter, die mutig, standfest und kindorientiert Wege finden, um Kindern und Eltern in der Schulfamilie gerecht zu werden“, erklärt sie. Ihr Motto: „Maximal viel Eigenverantwortung bei maximal klaren Rahmenbedingungen.“

Wahrscheinlich ist: Einige Eltern werden versuchen, die Regelung auf juristischem Weg zu kippen. Für Matthias Fischbach, FDP, stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Sanktionen. „Wir schränken Bildungschancen ein und gefährden Bildungskarrieren“, erklärt er. Er bezweifelt, dass für den Schutz vor Infektionen jedes Mittel recht ist. Und befürchtet „drastische Druckmaßnahmen könnten drastischere Gegenmaßnahen anschieben. Wir sollten mehr als nur die Brechstange zu bieten haben.“
(Monika Goetsch)

Kommentare (1)

  1. Corona am 26.10.2021
    Wie die Regierung gegen Menschen vorgeht, vor allem gegen Kinder, ist wirklich beängstigend! Ich bin froh, dass meine Kinder bereits erwachsen sind und solche schlimmen Zustände nicht erleben mussten. Es ist unsäglich dass ein solcher Impfdruck sogar von Lehrern und Schulleitern unterstützt wird. Und das in einem freien Land wo es angeblich keine Impfpflicht gibt. Ein solch harter Kurs ist unmenschlich und unnötig. Sogar Herr Lauterbach ist zurückgerudert und gibt zu, dass von Kindern keine nennenswerte Gefahr ausgeht. Mich belasten die Maßnahmen so sehr, dass ich nicht mehr in meiner Heimat leben möchte.
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