Leben in Bayern

Die Situation für Sterbende ist „ausbaufähig“, meinen Experten. (Foto: dpa)

22.06.2018

Worüber man nicht gerne spricht

Immer mehr Pflegefälle: Eine Tagung in Augsburg befasste sich mit dem Thema würdevolles Sterben im Heim

In Pflegeheimen wird gelebt – und sehr häufig auch gestorben. Denn die meisten Menschen, die ins Heim kommen, sind hochbetagt. Sie verlassen ihr Zuhause erst, wenn die ambulante Versorgung nicht mehr möglich ist. In 80 Prozent der Fälle verschattet eine dementielle Erkrankung die letzte Lebensphase. Im Heim bleiben den Patienten häufig nur Monate zu leben. 20 Prozent der Bewohner sterben bereits innerhalb der ersten vier Wochen.

Dass im Heim nicht nur das Leben, sondern auch das Sterben in Würde geschehen kann, ist darum von großer Bedeutung. Eine Tagung der Universität Augsburg ging jetzt der Frage nach, wie gut das bislang gelingt – und was sich verbessern muss.

Klar ist: Die demografische Entwicklung wird das Problem noch verstärken. Immer mehr Hochbetagte werden in den Pflegeheimen versorgt werden müssen. Das Hospiz- und Palliativgesetz, das der Bund 2015 verabschiedet hat, schafft die Rahmenbedingungen dafür, den Menschen ein gutes Sterben zu ermöglichen, ob zu Hause, im Krankenhaus oder im Heim. Palliative Begleitung ist seither Bestandteil der Regelversorgung gesetzlicher Krankenversicherungen. Pflegeheime sind aufgefordert, mit ambulanten Hospizdiensten zusammenzuarbeiten. Hospizkultur soll in den Heimen gelebt werden, also eine vom Bewohner, seiner Biografie und seinen Bedürfnissen ausgehende, zugewandte Versorgung. Palliativkompetenz wird ebenfalls verlangt: die Fähigkeit, unheilbares Leiden medizinisch zu lindern.

Am Lebensende wandelt sich der Charakter der Pflege. Sie hat zwar zunächst immer noch eine aktivierende Rolle, soll aber irgendwann ein gutes, individuelles Sterben und Abschiednehmen möglich machen. Ein hoher Anspruch. Wird er auch umgesetzt?

Das Augsburger Zentrum für Interdisziplinäre Gesundheitsforschung (ZIG) schrieb für die Studie „Sterben zuhause im Heim – Hospizkultur und Palliativkompetenz in der stationären Langzeitpflege“ 10 500 Pflegeeinrichtungen in Deutschland an. Nur 15 Prozent antworteten. Repräsentativ kann die Studie nicht genannt werden, melden sich doch vor allem die Engagiertesten.

Was sich Pflegeheime wünschen: einen Heimarzt

Trotz dieser „positiven Selektivität“ konnte Professor Werner Schneider, der Leiter des ZIG, ein Fazit vorstellen, das nicht überrascht: Die Situation für Sterbende sei „ausbaufähig“. Kein Wunder, der skandalöse Personalmangel in deutschen Pflegeheimen ist ja allseits bekannt. „Die Heime müssen sich öffnen und eng vernetzen“, so Birgit Weihrauch, ehemalige Bremer Staatsrätin und in der Hospizbewegung seit Jahrzehnten aktiv. Auch die Kommunen seien hier gefragt. Weihrauch hob hervor, dass Politik und Gesellschaft inzwischen die Bedeutung der Hospize erkannt hätten. Er wies darauf hin, dass es in Deutschland nur 1500 Hospizdienste gibt, aber 13 000 Pflegeheime. Diese Zahlen verraten: Kooperationen sind nicht leicht.

Und selbst wenn sie stattfinden, entstehen Spannungsfelder. Die Münchner Gerontologin Gertrud Schwenk, Fachreferentin für Altenhilfe im Caritasverband, sieht auf Seiten der Pflegeheime Ängste, Misstrauen, Unverständnis. Die Furcht vor Kontrollverlust und Konkurrenz regiere. Pflegeheime seien häufig „kontrollmüde“ und fürchteten um ihr Image. „Es muss klar werden, dass es sich bei der Zusammenarbeit mit Hospizdiensten um eine Win-Win-Situation handelt“, sagte sie.

Für Brigitte Bührlen, Vorsitzende der Stiftung pflegender Angehöriger, WIR!, steht ein grundsätzliches Problem im Zentrum: „Das System wird immer schlimmer, die Heime verwalten den Mangel. Ökonomisch effizient arbeiten – und eine empathische Begleitung am Lebensende: Das geht nicht zusammen!“

Sorge bereitete den anwesenden Experten, dass noch immer viele Patienten nicht im Pflegeheim sterben können, weil sie als Notfälle ins Krankenhaus verschoben würden. Sie beklagten außerdem die sinkende Qualität der Pflege. Der Mangel an gut ausgebildeten Fachkraften führt nämlich immer häufiger dazu, dass Aufgaben von geringer qualifizierten Pflegeassistenten übernommen werden. Und was, wenn erst mal die Babyboomer in den Heimen liegen?

Im Publikum regte sich Unmut. Verständlich. Schließlich ist es trotz aller Bemühungen noch immer nicht gelungen, den Pflegenotstand in den Griff zu kriegen. Eine zornige junge Frau sah in der Debatte ihren gesamten Berufsstand angegriffen – und berichtete von der Erschöpfung, die sie nach einem langen Arbeitstag im Heim befalle. Der Ärger zeigte deutlich, wie massiv die Probleme in deutschen Heimen tatsächlich sind. Und dass es besonders wichtig ist, ein Anliegen der Tagungsorganisatoren umzusetzen: miteinander zu reden. Das Heim der Zukunft muss sich nun mal, so Projektleiter Schneider, „neu erfinden“. Die Heime bräuchten mehr Fachkräfte mit anderen Aufgaben- und Verantwortungsprofilen und einer anderen Haltung als bisher, müssten sich umfassend vernetzen.

Einen ganz konkreten Wunsch äußerte Eckhard Eichner, Geschäftsführer der Augsburger Palliativversorgung. „Das Heim der Zukunft braucht einen Heimarzt“, forderte er. Denn nicht nur die Kooperation mit Hospizdiensten ist schwierig. Häufig sind für das Pflegepersonal auch die Ärzte der Patienten nicht zu erreichen. Und auch hier herrscht nicht selten gegenseitiges Unverständnis. (Monika Goetsch)

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