Politik

Aktuell sind 30 Prozent der bayerischen Hausärzte über 60 Jahre alt. Wenn sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren keinen Nachfolger finden, steht ein Drittel der Hausarztpraxen leer – vor allem auf dem Land. (Foto: dpa)

07.10.2016

Zuckerl für Landärzte

In fünf Jahren könnte ein Drittel der Hausarztpraxen in Bayern leer stehen – was Experten jetzt raten

Für viele Experten ist der Hausärztemangel in den Randregionen Oberfrankens und entlang der tschechischen Grenze die Vorstufe einer schlimmen Entwicklung. Aktuell sind 30 Prozent der bayerischen Hausärzte über 60 Jahre alt. Wenn sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren keinen Nachfolger finden, steht ein Drittel der Hausarztpraxen leer – vor allem auf dem Land. Die Suche dürfte schwer werden, weil aktuell nur zehn Prozent der angehenden Mediziner eine Weiterbildung wählen, die in einer hausärztlichen Tätigkeit mündet. „Das reicht nicht aus, um jeden dritten Hausarzt zu ersetzen“, warnt Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU).

„Es ist einfach nicht attraktiv, eine 60-Stunden-Woche und hohen bürokratischen Aufwand zu haben und sich am Ende des Monats noch Sorgen um die finanzielle Existenz machen zu müssen“, begründet die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD) das geringe Interesse an einer Arbeit als Hausarzt. Zwar stieg 2015 die Zahl der Ärzte bundesweit um 1,7 Prozent auf 371 302 und in Bayern 2016 um 2,3 Prozent auf 79 115 leicht an. Allerdings erhöhte sich zwischen 2004 und 2014 auch die Zahl der ambulanten Behandlungen in Deutschland um 152 Millionen. Aufgrund der alternden Gesellschaft rechnet die Unternehmensberatung Deloitte bis zum Jahr 2030 mit einer Zunahme der Fallzahlen im stationären Bereich um mehr als zwölf Prozent.

„Die Zahl der Ärzte steigt, aber der Bedarf steigt schneller“, fasst Huml das Problem zusammen. Um die Niederlassung vor allem in ländlichen Gegenden zu fördern, setzt sie auf drei Säulen: Im Rahmen des Stipendiumsprogramms erhalten Medizinstudierende, die sich später auf dem Land niederlassen, für maximal vier Jahre 300 Euro pro Monat. Dadurch konnten laut Huml bisher 112 zukünftige Landärzte gewonnen werden. Die Niederlassungsförderung unterstützt als zweite Säule Ärzte, die sich in Städten mit maximal 20 000 Einwohnern niederlassen mit bis zu 60 000 Euro. Dadurch sei es bisher zu 279 Niederlassungen gekommen – darunter 232 Hausärzte. Die dritte Säule fördert innovative Projekte. Damit ist laut Huml die bezirksübergreifende Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Projektgruppen mit verschiedenen Berufsgruppen gemeint.

CSU: „Die anderen Bundesländer tun zu wenig“

Um die Zahl der Ärzte in Deutschland zu erhöhen, haben die Gesundheitsminister der Länder den „Masterplan Medizinstudium 2020“ beschlossen. Dieser sieht eine Reformierung der Studienzulassung vor: Statt des starren Numerus clausus sollen zum Beispiel soziale Kriterien stärker berücksichtigt werden. Zukünftig soll die Aufnahme des Medizinstudiums „nicht an Noten scheitern“, verspricht Huml. Das Wissenschaftsministerium erklärt: „Durch Vergabe nach Wartezeit und Auswahlkriterien ist der so verstandene ,NC’ längst aufgeweicht“, sagt eine Sprecherin von Ludwig Spaenle (CSU). Der Durchschnittsnote der Hochschulzugangsberechtigung müsse in Bayern aber nach wie vor eine überwiegende Bedeutung zugemessen werden.

Des Weiteren will Huml eine Landarztquote einführen, die einen Teil der Studienplätze für Bewerber vorsieht, die danach in unterversorgten Gebieten tätig werden. Darüber hinaus gibt es Vorschläge, im Studium mehr Praxisnähe zuzulassen und im Praktischen Jahr einen entsprechenden Pflichtzeitraum für die Allgemeinmedizin zu schaffen. Das Wichtigste sei jedoch die Schaffung von Studienplätzen.

Doch während Bayern laut Huml mit der neuen medizinischen Fakultät in Augsburg mit gutem Beispiel vorangehe, sei in anderen Ländern „keine Bereitschaft“ vorhanden, die Zahl der Studienplätze zu erhöhen. „Das muss man so deutlich sagen“, kritisiert die Gesundheitsministerin ihre Kollegen. So sei es nicht verwunderlich, wenn es in Deutschland 2000 Studienplätze in der Humanmedizin weniger gebe als im Jahr 1990. Die Geschäftsstelle der Gesundheitsministerkonferenz will sich zu den Vorwürfen nicht äußern: „Zu einzelnen Maßnahmen bedarf es der Koordination mit der Kultusministerkonferenz“, heißt es aus Schwerin. Über Ergebnisse könne zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts gesagt werden.

Max Kaplan, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, nennt den Erfolg der Politik im Bereich der Nachwuchsgewinnung „noch überschaubar“: Der Wunsch nach „Vereinbarkeit von Familie und Beruf, nach Teamarbeit, flachen Hierarchien und Flexibilität, die unsere ‚Generation Y’ auch erwartet, zeigt schon heute, dass ein Umdenken nötig ist“. Während Kaplan im Praktischen Jahr die Einführung eines Pflichtquartals in der ambulanten Medizin begrüßen würde, stößt die Einführung einer Landarztquote seiner Meinung nach größtenteils auf Ablehnung.

Um schneller einen Praxisnachfolger zu finden, fordert die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns, den ländlichen Raum mit Kitaplätzen, Schulen und Kulturangeboten wieder attraktiver zu gestalten. Sie selber unterstützt in Kooperation mit der BVMD die Famulatur finanziell, wenn sie auf dem bayerischen Land erfolgt. Außerdem wurde mit der AOK am Münchner Klinikum rechts der Isar ein Lehrstuhl für Allgemeinmedizin finanziert, der letztes Jahr in einen ordentlichen Lehrstuhl umgewandelt wurde. Darüber hinaus werden Kurse für Medizinstudenten angeboten, um ihnen die Vorteile einer Niederlassung in eigener Praxis aufzuzeigen.

Die Freien Wähler verlangen von der Staatsregierung mehr finanzielle Anreize für die ärztliche Versorgung auf dem Land. „Außerdem müssen wir an die Hochschulzulassungsvoraussetzungen ran“, erklärt der FW-Abgeordnete Peter Bauer. Nur so könnten neben der Abiturnote auch die fachspezifischen Neigungen berücksichtigt werden. Die Grünen fordern, stärker auf Telemedizin zu setzen. „Menschliche Zuwendung kann das zwar nicht ersetzen“, räumt der Landtagsabgeordnete Ulli Leiner ein. Aber nachdem sich selbst ältere Menschen der Digitalisierung annähmen, erwarte er von der Staatsregierung mehr Förderung. Die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Landtag, Kathrin Sonnenholzner (SPD), verlangt, neben den Hausärzten auch andere medizinische Bereiche in ländlichen Gebieten stärker zu unterstützen: „Wenn die Menschen Angst haben, nicht vernünftig behandelt zu werden, wird Landflucht weiter zunehmen.“ (David Lohmann)

Hinweis der Redaktion: Der Artikel wurde aktualisiert.

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