Unser Bayern

Bildpostkarte von 1919: Ein als Sozialist gekleideter, schwer bepackter Coburger übergibt den Grenzpfahl an ein erwartungsfrohes Münchner Kindl. Die Tatsache, dass es gerade nicht die SPD gewesen ist, die sich für Bayern ausgesprochen hatte, sorgte für Unmut bei den bürgerlichen Kreisen Coburgs. (Foto: STACO)

06.03.2020

Coburgs Ja zu Bayern

Erste freie Volksabstimmung in Deutschland: Die Vereinigung des kleinen Freistaats mit Bayern 1920

Wenige Wochen, nachdem die Verhandlungen zwischen den Delegationen Bayerns und Coburgs über den Beitritt des kleinen Landes zum Freistaat zu einem glücklichen Abschluss gelangt waren, luden die bayerischen Gastgeber am 10. und 11. März 1920 ihre Coburger Gäste zu einem bunten Reigen von Veranstaltungen nach München ein. Am ersten Abend besuchte man im Nationaltheater eine Festvorstellung des Freischütz. Bereits am Mittag des folgenden Tages fanden sich die Gäste im Nobelhotel Bayerischer Hof zu einem opulenten Menü ein. Serviert wurden vier Gänge: Hühnerpüreesuppe, Isarhuchen in Sauce Béarnaise mit Salzkartoffeln, gedämpfter Rosenspitz mit Spinat und Kartoffeln, zum Nachtisch gab es Apfelstrudel. An Getränken bekam die Runde neben Kaffee auch Bier sowie edle Weine wie einen 1917er Burgunder und Gimmeldinger Biengarten, Jahrgang 1917, kredenzt. Zudem wurden Zigarren gereicht. Nach dem Essen folgten Besuche des Bayerischen Nationalmuseums und des Deutschen Museums. Den Höhepunkt bildete ein zünftiger Bierabend im Hofbräuhaus, wo die Anwesenden „teils in feierlicher, teils in humorvoller Form der Vereinigung Coburgs mit Bayern“ gedachten. Am letzten Tag durften sich die Coburger ins Goldene Buch der Stadt München eintragen und beschlossen ihre Fahrt mit Besuchen im Ratskeller und im „Wagner-Bräu“.

Den Coburgern wird bei so viel bayerischer Lebensart ein bisschen schummrig zu Mute gewesen sein. In den zähen Verhandlungen in den Wochen Coburgs Ja zu Bayern Erste freie Volksabstimmung in Deutschland: Die Vereinigung des kleinen Freistaats mit Bayern 1920 zuvor hatten sie alles dafür getan, die Coburger Eigenständigkeit auch nach dem Übertritt zu Bayern so gut wie möglich zu wahren. Nun musste es ihnen scheinen, als ob die Bajuwarisierung Coburgs bereits kurz nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags beginnen sollte.

Entscheidung in Bamberg

Wie anders waren die Rahmenbedingungen der ersten Sondierungsgespräche zwischen bayerischen und coburgischen Vertretern im Sommer 1919 gewesen! Damals hatte man sich in den Räumen der „Harmonie“ im fränkischen Bamberg getroffen, wohin die bayerische Regierung aufgrund der revolutionären Unruhen in München ausgewichen war. Beobachter bezeichneten die Tage des Bamberger Exils als eine sehr spannende und lehrreiche Zeit. Nach den anstrengenden Sitzungen, auf denen die neue bayerische Verfassung beraten wurde, folgten zwanglose Runden auf den Bamberger Bierkellern über alle Standes- und Parteigrenzen hinweg. Nichts weniger als eine „Vorschule der Demokratie“ seien die Bamberger Tage gewesen, so der damalige Justizminister Ernst Müller-Meiningen. In dieser Atmosphäre fühlten sich die Coburger Emissäre aufgehoben und geborgen – und dort fiel die Entscheidung, sich künftig Bayern, und nicht Thüringen, anzuschließen. Es ist nicht überliefert, ob den Coburgern nach dem bayerischen Abend vom 11. März 1920 in München noch einmal Zweifel an ihrer Entscheidung kamen, sich dem Freistaat anzuschließen. Es hätte wohl ohnehin kein Zurück gegeben.

Warum nicht Thüringen?

Und trotzdem stellt sich die Frage, was die Coburger dazu bewogen hatte, sich dem Freistaat Bayern anzuschließen, und die auf Grund der gemeinsamen geschichtlichen Herkunft naheliegende Verbindung nach Thüringen zurückzuweisen. Welche Rolle spielten landsmannschaftliche Gesichtspunkte oder Coburger Mentalitäten bei der Wahl des künftigen staatlichen Partners?

Das Coburger Land gehörte seit dem Jahr 1353 zum Machtbereich der Wettiner, und damit zum sächsischen Einflussbereich. Nach der Leipziger Teilung von 1485 der ernestinischen Linie zugeschlagen, gehörte Coburg zu dem Konglomerat kleiner Länder und Herzogtümer, für die sich im Laufe der Zeit der Begriff „thüringische Kleinstaaten“ einbürgern sollte. Als diese Zwergstaaten wie durch ein Wunder die napoleonische Ära überlebten, kam es im 19. Jahrhundert immer wieder zu Überlegungen, die Länder zu einem einzigen Thüringen zusammenzuschließen. Coburg wäre selbstverständlich ein Teil dieses Thüringen geworden, auch wenn damals schon warnende Stimmen mahnten, man dürfe niemals die Verbindung nach Bayern aufgeben, denn dies wäre das „Todesurteil“ für Coburg. Indes wurde nichts aus diesen Planspielen, und die thüringischen Kleinstaaten überlebten bis 1918.

Erst mit dem Ende der Monarchie im Jahr 1918 und der Abdankung des letzten Coburger Herzogs Carl Eduard schien das letzte Hindernis für einen Zusammenschluss Thüringens gefallen zu sein. Bereits während der Kriegszeit hatten sich zahlreiche Kriegsbehörden gebildet, die einen gesamtthüringischen Zuständigkeitsbereich aufwiesen. Sich nun Thüringen anzuschließen, mit dem man nicht nur geschichtlich, sondern auch rechtlich und nicht zuletzt verwaltungsmäßig auf das Engste verbunden war, unterlag einer nachvollziehbaren Folgerichtigkeit. Darüber hinaus sprachen konfessionelle Gründe und wirtschaftliche Interessen – Thüringen war ein sehr industrialisiertes Land – für einen Verbleib in der „Thüringer Heimat“.

Es gab auch Zweifler

Für eine Gruppe, als deren Exponent Staatsrat Hermann Quarck fungierte, war es nicht ausgemacht, dass Coburg seine staatliche Unabhängigkeit bedingungslos aufgeben müsse. Ungeachtet aller geschichtlichen Reminiszenzen und fränkischen Gefühle galt ihnen die Eigenständigkeit Coburgs als Wert an sich, den man nicht leichtfertig aufgeben sollte, zumal die Finanzlage Coburgs, wie man betonte, eine sehr gute war.

Franken von alters her

Eine andere Gruppe wiederum lehnte den Anschluss an Thüringen ab, weil Coburg seit jeher zu Franken gehöre. Der Neustadter Fabrikant und Präsident des Coburger Landtags Max Oskar Arnold schrieb bereits im November 1918 einen vertraulichen Brief an den bayerischen Minister Ernst Müller-Meiningen, in dem er die Zukunft Coburgs aus seiner Sicht darlegte. „Wir Coburger sind Franken von alters her. Der ganze Einschlag der Bevölkerung und das völkische Wesen ist [!] fränkisch. Die Coburger Feste war, ist und bleibt die Fränkische Krone und grüsst als solche hinüber in das benachbarte Frankenland.“ Ein Anschluss an Thüringen, so das leidenschaftliche Plädoyer Arnolds, komme für Coburg nicht in Frage. Ministerpräsident Kurt Eisner, der von den Coburger Avancen in Kenntnis gesetzt wurde, reagierte „wohlwollend“ und war bereit, eine Coburger Delegation zu empfangen.

Aber so einfach war die Sache nicht. Denn Franken war kein eigener Staat und jede Verbindung nach Franken konnte nur über den Anschluss an Bayern gehen. Für diesen Schritt waren nicht alle Politiker in Coburg zu haben... (Alexander Wolz)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Ausgabe März/April von UNSER BAYERN (BSZ Nr. 10 vom 6. März 2020)

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