Unser Bayern

Auf Nordheim am Main fälltder Blick über das herbstliche Weinlaub. Der Bogen des Flusses scheint die Rundungen eines Weinglases zu imitieren. (Foto: SZPHOTO/Andreas Vitting)

16.10.2020

Dem Himmel ein Stück näher

Genüsslich die Wahrheit vom ewigen Leben ergründen: Inspirationen dazu findet man in fränkischen Weingegenden

War die Erkenntnis der Wirklichkeit, die Suche nach Wahrheit das vorrangige Ziel der Philosophie seit ihrem Anfang im antiken Griechenland? Oder war es nicht eher die Eudämonie, die Lehre vom gelingenden Leben? Vielleicht sollte man beides gar nicht trennen. Zum einen trägt Erkenntnis zum gelingenden Leben bei, zum anderen vermischen sich im allgemeinen Denken und Fühlen sowieso die Sphären: Man empfindet die Einsicht in Wirklichkeit und Wahrheit als etwas Beglückendes, sie kann geradezu mit Lustgefühlen verbunden sein – und dadurch das Leben gelingen lassen.

Freilich kann die Einsicht in Wahrheit, was immer das sein mag, auch dunkle Gedanken heraufbeschwören, wie etwa bei Heinrich von Kleist: „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war“, schrieb er 1811 vor seinem Selbstmord in Berlin. Elf Jahre zuvor hatte er sich zu helfen versucht, indem er eine Herbstreise nach Würzburg unternahm und dort unter anderem das Juliusspital aufsuchte. Konnte er dort der frohen Atmosphäre der Weinernte entgehen, die überall in der Luft lag? Die damals wie heute Stadt und Land in eine gewisse heitere Aufregung versetzt, Männer und Frauen sich lachend auf der Alten Mainbrücke versammeln lässt, um Wein zu genießen, zu scherzen, zu träumen und – das Leben gelingen zu lassen? Wohl kaum.

Schon immer philosophierte man nicht nur im Würzburger Juliusspital, das auf die reichen Weingut-Stiftungen des Julius Echter von Mespelbrunn aus dem Jahre 1576 zurückgeht, über die heilende Wirkung des kühlen Weins, in dem man die Wahrheit vermutete, besonders an sonnigen Tagen. Auch in Aschaffenburg etwa ließ Bayerns König Ludwig I. über einem Weinberg am Main ein römisch-antikes Haus nachbauen, und die umgebenden Gärten mit ihren Wandelgängen laden noch die Besucher*innen der Gegenwart zum heiteren Philosophieren über die Wahrheit und eine ideale Welt ein. Denn um das Pompejanum genannte Haus „sollte eine mediterrane Ideallandschaft entstehen“, schreibt die heutige Eigentümerin, die Bayerische Schlösserverwaltung. „Wärmeliebende Gehölze wie Feigen, Araukarien, Mandelbäume, Wein, Säulenpappeln und Kiefern prägen zum Großteil noch heute das Bild dieses südländisch anmutenden Gartens.“ Ein Genuss und Erkenntnis förderndes Lehrbuch ist also dieser Park, der Räume und Zeiten verbindet.

Im Gottesgarten

Südländisch anmutende, inspirierende Weingärten legte man häufig entlang des Mains an. „Gottesgarten am Obermain“ nennt man die Kulturlandschaft zwischen Vierzehnheiligen und Schloss Banz. Am Südhang des nahen Staffelbergs gedeihen bis in unsere Tage Weinreben, und mit der Basilika von Vierzehnheiligen wuchs vor 250 Jahren dieses geradezu seligmachende fränkische Barock und Rokoko, das seinen zweiten Höhepunkt in der Würzburger Residenz findet. Beides sind die wohl bedeutendsten Schöpfungen von Balthasar Neumann um die Mitte des 18. Jahrhunderts.

Bevor wir nach Würzburg kommen, lassen wir uns in Bamberg inspirieren. Dort steht mitten in der Regnitz, einem Nebenfluss des Mains, das Alte Rathaus mit einem zentralen Bau im Rokoko- Schmuck. Nebenan, ein paar Schritte weiter, öffnet sich der Blick auf die Terrassengärten des Klosters Michaelsberg. Auf einem der drei Hänge der Abtei, der seit alter Zeit mit dem rätselhaften Namen „Kammerrathen“ bezeichnet wird, baut man den Wein an, der in den Stiftsläden der Stadt zu erwerben ist. Darüber erhebt sich eine Orangerie, hinter ihr folgen die schlossartigen Seitenflügel der Klosteranlage, die wiederum das prächtige Schiff der Klosterkirche überragt – ein Anblick von Weltmaßstab, ein wesentlicher Bestandteil des Unesco-Weltkulturerbes Bamberg. Die Michelsberger Terrassen mit ihren Pavillons laden zu Freude spendenden Spaziergängen ein, bis man unten in einer Gaststätte mit dem seltenen Namen „Pelikan“ endet, deren Innenhof ein einziger riesiger Weinstock beschirmt.

Poesie der Verwilderung

Zur Wahrheit gehört allerdings, dass das mehr oder weniger zusammenhängende fränkische Weinanbaugebiet erst weiter westlich bei Unterhaid beginnt. Was gilt jedoch eine solche Wahrheit? Viel inspirierender ist die Poesie der aufgelassenen und verwilderten Weinberge bei Oberhaid, die unter besonderem Naturschutz stehen und die altgriechische Lyrikerin Sappho zu Reimen wunderbarer Schönheit verlockt hätten: „Göttin der Liebe … mische mit Nektar den Wein und schenke uns himmlische Freude ein.“ Was ist Schönheit? Vielleicht, wenn etwas altert und nicht an Ausdruck verliert, so wie manche Verse und Weine.

Größere Weinberge breiten sich zwischen Steinbach und Zeil am Main aus, Flächen fast schon fürstbischöflich-würzburgischen Ausmaßes. Man besuche die Gegend an einem frühen Sommersonntagmorgen, wenn die Autobahn noch nicht rauscht. Eine steinerne Winzertreppe führt von den oberen, in Mauern gefassten Weingärten herab. Das fischgrätig angelegte Gemäuer steht unter Denkmalschutz. An den Kreuzungen der hangparallelen Weinbergwege mit der Winzertreppe bewegt man sich mehr zwischen Steinwänden als zwischen Erde und Reben. Es ist wie in Südfrankreich oder Griechenland, es duftet nach Nadelholz, die Vögel sind gerade erwacht, Grillen stimmen ihr Konzert an, Eidechsen flitzen weg – alles träumt in einem „Jetzt“ des Abenteuers mit der Phantasie, wie Karl Heinz Bohrer sagen würde.

Das ganze System von Winzertreppen und Weinbergwegen hat man „Abt-Degen-Steig“ genannt, nach dem berühmten Zisterzienserabt Alberich Degen, der im 17. Jahrhundert die heute als typisch fränkisch empfundene Silvanerrebe aus Österreich in Franken eingeführt haben soll. Sein Grab befindet sich in der Ebracher Klosterkirche. Auch am Genfer See, zwischen Lausanne und Vevey, haben Zisterzienser am Weinbau mitgewirkt. Die dortigen Weinberg-Terrassen zählen seit 2007 zum Unesco-Weltkulturerbe.

Ein Theologe vermutete einmal, dass sich das ewige Leben in einem ganz kurzen Moment vollziehen könne. Wer daran nicht glaubt, der trinke einen „Randersackerer Ewig Leben“ aus den Weinbergen südlich von Würzburg oder gehe ins „Bullenheimer Paradies“ bei Ochsenfurt und genieße die zeitlosen, oft großartigen Kunstdenkmäler, welche die fränkischen Main- und Weinlande außergewöhnlich oft begleiten. Da kann sich einem die Wahrheit vom ewigen Leben in einem kurzen Moment erweisen.

Gerade von der erwähnten Winzertreppe aus erkennen wir auf der gegenüberliegenden Mainseite erneut ein Werk Balthasar Neumanns: die Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung von Limbach. Sie ist außen eher einfach gegliedert, an den Altären aber mit berauschendem Rokoko umkleidet. Ein Bildstock, ein Gnadenbrünnlein, eine Zisterne und eine alte Linde assistieren dieser weiß strahlenden „Himmelspforte“.

Auch abseits des Mains gibt es in Franken jene inspirierenden Kombinationen von Baudenkmälern mit Weinbergen: Bei Burg Hoheneck im Aischgrund und Schloss Saaleck bei Hammelburg spielt das Grün der Weinblätter mit dem Braun mittelalterlicher Mauern unter weißblauem Himmelslicht. Im Herbst kommen die Facetten von Rot, Orange und Gelb hinzu, die selbst bei grauem Himmel zu strahlen scheinen. Dann halte man einen klassischen fränkischen Römer, ein Weinglas mit Ringen am Griff, ins Licht, stoße in fröhlicher Runde an, vielleicht auf der Burg Saaleck – und die Augen der Freundinnen und Freunde beginnen selig zu glänzen. Die Weinberge bei Saaleck und Hammelburg sind womöglich ... (Andreas Reuß)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in der Ausgabe September/Oktober von UNSER BAYERN, die der BSZ Nr 37 vom 11. September 2020 beiliegt.

Abbildungen:

Der Weinkeller im Staatlichen Hofkeller Würzburg, eines der ältesten Weingüter der
Welt. (Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand)

Seit einigen Jahren wird der historische Weinberg unterhalb des Klosters Michaelsberg in Bamberg wieder bewirtschaftet. (Foto: Andreas Reuß)

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