Unser Bayern

„Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“ war die erste deutsche Science-Fiction-Fernsehserie. (Foto: Bavaria Film)

11.01.2019

Leinwandflimmern an der Isar

Kultstreifen, Serienrenner und Showknüller: Die Bavaria Film feiert ihr 100-jähriges Bestehen

Sein Deutsch klingt holprig, aber es ist gut zu verstehen. „Meine erste Film,“ sagt Alfred Hitchcock in die Kamera, „war gemacht in Geiselgasteig“. Es folgen Aufnahmen von Heinz Rühmann, Hans Albers, von den Filmen Das Boot und Die unendliche Geschichte. Filmhistorie im Sekundentakt – Filmhistorie vor Ort: Mit dieser Mini-Doku beginnt jede Führung auf dem Filmgelände Geiselgasteig. Dort, im Süden von München, wird im März ein rundes Jubiläum gefeiert: 100 Jahre Bavaria Film. Unterschiedlich sind die Namen der Firmen: Emelka, Bavaria Filmkunst, Bavaria Atelier oder Bavaria Film. All diesen Unternehmen gemeinsam ist: Sie schreiben in Geiselgasteig Film- und Fernsehgeschichte. Und mit Alfred Hitchcock fängt es (fast) an.

So groß wie der Vatikan

Moritz heißt der junge Guide von diesem Nachmittag, er stellt sich einer Schulklasse mit 20 Schweizer Jugendlichen vor und führt durch die Bavaria Filmstadt. Vor einem riesigen Foto bleibt er stehen und zeigt auf das dort abgebildete, 30 Hektar umfassende Areal. „So groß wie der Kirchenstaat“, versichert Moritz und startet die Kurz-Doku mit Hitchcock und anderen Stars. Die Leinwand, auf der der Streifen läuft, steht in einer Kulisse: Es ist ein prächtiger Raum aus der Münchner Residenz – eigens nachgebaut für Ludwig II. mit künstlich zerkratztem Parkett. In den Fensternischen sind Originalkostüme zu entdecken: von Commander McLane aus der TV-Serie Raumpatrouille Orion und von Leutnant Werner aus Das Boot. Getragen haben diese Kostüme Dietmar Schönherr und Herbert Grönemeyer – Stars in Meilensteinen des deutschen Fernsehens und Films, produziert in Geiselgasteig.

Für die Schweizer Jugendlichen sind das alles unbekannte Größen – sie sind zu jung für diese Historie. Begonnen hat die am 1. Januar 1919, als Filmpionier Peter Ostermayer die „Münchner Lichtspielkunst“ (MLK) schafft und im Sommer 1919 ein riesiges Areal gleich an der Stadtgrenze erwirbt. Die Emelka entwickelt sich nach der Berliner Ufa zum zweitgrößten deutschen Filmkonzern. 1920 beginnen die ersten Aufnahmen für Der Ochsenkrieg und Der Klosterjäger nach Romanen von Ludwig Ganghofer – gedreht wird im Glashaus, zu dem sich bald Filmkopierwerke, Studios, Hallen und Tonateliers gesellen. In den frühen 20er-Jahren werden in Geiselgasteig jährlich circa sieben Filme geschaffen, darunter zwei Werke von Alfred Hitchcock. 1925 dreht er in München seinen ersten vollendeten Stummfilm The Pleasures Garden (Irrgarten der Leidenschaft), ein Jahr später The Mountains Eagle (Der Bergadler). Über seinen zweiten Film sagt Hitchcock 40 Jahre später zu seinem Kollegen François Truffaut: „Ein schlechter Film.“

1930 entstehen mit dem nachträglich vertonten Stummfilm In einer kleinen Konditorei Münchens erster Tonfilm und die Tönende Emelka Wochenschau. Die Weltwirtschaftskrise und die Umstellung auf den Tonfilm vernichten Existenzen: Die Emelka meldet im November 1932 Konkurs an.

Bavaria setzt auf den Tonfilm

Noch im gleichen Jahr wird die Bavaria Film AG gegründet, die Umstellung auf den Tonfilm vorangetrieben und das Gelände ausgebaut (unter anderem. entsteht ein künstlicher See). Im Mai 1933, also kurz nach der Machtergreifung der Nazis, fangen in Geiselgasteig die Dreharbeiten für den SA-Mann Brand an. Die Machart des Films ist derart schlicht, dass ihn sogar Reichspropagandaminister Joseph Goebbels als „nationalen Kitsch“ abkanzelt. Neben SA-Mann Brand entstanden andere Propagandafilme wie Carl Peters und Der Flüchtling aus Chicago. Wegen antisemitischer Anfeindungen müssen langjährige Mitarbeiter wie der Regisseur Max Ophüls (er dreht in Geiselgasteig mit Karl Valentin, Liesl Karlstadt und „echten“ Jahrmarktleuten) sowie die Schauspieler Therese Giehse und Fritz Kortner das Land verlassen.

In Geiselgasteig entstehen bis zum Kriegsende vorwiegend unpolitische, leichte Unterhaltungsfilme, zum Beispiel Hauptsache glücklich mit Heinz Rühmann und Kohlhiesels Töchter von Kurt Hoffmann, aber auch Der Feuerteufel mit Luis Trenker, der bei Goebbels auf heftige Kritik stößt.

1937 gerät die Bavaria Film AG in finanzielle Schwierigkeiten, es wird die Bavaria Filmkunst GmbH gegründet, die sich 1942 der staatseigene Monopol-Konzern Ufa-Film einverleibt.

Nach der deutschen Befreiung übernimmt die US-Militärregierung die Regie in Geiselgasteig, das den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden hat. Der Bavaria Filmkunst GmbH ist zunächst jede eigene Aktivität verboten. Lediglich Fremdproduktionen sind erlaubt, Nachsynchronisationen boomen. Unter Mitwirkung der Bavaria entstehen nach 1949 Filme wie Zwischen Gestern und Morgen oder Das doppelte Lottchen. Es folgen Kurt Hoffmanns Ich denke oft an Piroschka mit Lieselotte Pulver, Feuerwerk mit der 16jährigen Romy Schneider, Ludwig II. mit O.W. Fischer und Klaus Kinski sowie das Wirtshaus im Spessart.

US-Regisseure drehen dort, so Stanley Kubrick Paths of Glory („Wege zum Ruhm“) mit Kirk Douglas. Orson Welles lässt eine Sequenz seines Films Mr. Arcadine in München spielen, und John Sturges inszeniert The Great Escape mit Steve McQueen, James Garner Richard Attenborough und James Garner.

Filmproduktionen fürs Fernsehen

1956 gründet sich die Bavaria Filmkunst AG, drei Jahre später entsteht die Bavaria Atelier GmbH, deren neue Chefs vor allem vom SWR und vom WDR (Günter Rohrbach) kommen. Es beginnt der Einstieg in die Produktion von Fernsehfilmen, die Bavaria wird über Jahre der größte deutsche TV-Lieferant. Damit werden Jobs von rund 1000 festen Mitarbeitern der Bavaria gerettet, die die schwächelnde deutsche Filmindustrie ansonsten hätte entlassen müssen.

Bis 1970 entstehen mehr als 1000 Fernsehfilme, Musikrevuen und Opernproduktionen. Rund 80 Prozent des Umsatzes in der Produktion von sogenannten Bewegtbildinhalten entfallen auf die ARD, das ZDF und den ORF. Allein für das ZDF entsteht jede fünfte Produktion ... (Ina Kuegler)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Januar/Februar-Ausgabe von UNSER BAYERN (BSZ Nr. 2 vom 11. Februar 2019)

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