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Eine Scheune in Tiefenhöchstadt im Landkreis Bamberg sticht mit ihrer farblichen Gestaltung des Kratzputzes durch eine Kalktünche hervor. Neben Punkten wurden Ornamente und Buchstaben akzentuiert. (Foto: Laura Deglmann)

07.05.2021

Raffiniert rausgeputzt

Wissenschaftler dokumentieren und analysieren Kratzputze, die man vor allem noch in Franken entdecken kann

Kratzputz, was ist das? Diese Frage ist ein ständiger Begleiter während der Erfassung dieser historischen Handwerkstechnik. Deshalb wurde 2008/2009 ein Projekt ins Leben gerufen, das eine erstmalige, umfassende Dokumentation von Kratzputz zum Ziel hat. Begonnen wurde mit Gebieten in Hessen. Darauf folgten weite Teile des östlichen Unterfrankens, des nordwestlichen Mittelfrankens und des Heldburger Landes (Südthüringen). Seit 2019 liegt der Fokus auf Oberfranken. Finanziert wird das Projekt durch das Kompetenzzentrum für Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien der Universität Bamberg und der Oberfrankenstiftung.

Trotz der überregionalen Verbreitung dieses Phänomens ist sich kaum einer dessen Bedeutung bewusst. Selbst die Eigentümer von Gebäuden mit Kratzputz wissen meist nicht, um welch historisch und handwerklich wertvollen Schatz es sich handelt. Nicht nur die großen und touristisch attraktiven Denkmale sind von Bedeutung. Auch ländliche, häufig nicht denkmalgeschützte historische Gebäude sind Teil der geschichtlichen Entwicklung und von enormem Wert. Kratzputz ist auch von wissenschaftlichem Interesse. Die Aufarbeitung dieses Themas wurde bisher nur angetastet. Eine Beantwortung von fundamentalen Fragen stand bis dato aus.

Beim Kratzputz handelt es sich – verkürzt definiert – um die (ornamentale) Gestaltung von Putzoberflächen, die hauptsächlich in den Zwischenfeldern des Fachwerks ausgeführt wurde. Kratzputz ist überwiegend im ländlichen Raum an Wirtschaftsgebäuden vorzufinden.

Da Gebäude mit Kratzputz in der Regel keinem Schutz seitens der Denkmalpflege unterstehen, sind zwei Aspekte wichtig. Erstens ist eine Ortschaft geprägt durch Veränderungen im Laufe der Zeit. Die bauliche Situation von heute entspricht nicht derjenigen von vor 100 oder 200 Jahren. Durch den Abriss der Gebäude oder die Erneuerung des Putzes schreitet der Verlust wertvoller Zeugnisse dieser Handwerkstradition voran. Zweitens unterstehen die Gebäude an sich einem ständigen Wandel. Mancher Kratzputz wurde durch einen neuen Kratzputz stellenweise oder vollständig ersetzt. Daraus ergibt sich, dass sich die Dokumentation von Kratzputz auf den Zeitpunkt der Erfassung beschränkt.

Jedes mit Kratzputz gestaltete Gebäude besitzt einen individuellen Charakter. Dennoch können Gemeinsamkeiten festgestellt werden. Das ermöglicht eine Kategorisierung und damit den Vergleich innerhalb des Bestands.

Vielfältige Gestaltung

Die Variationen und Ausprägungen der Gestaltung sind vielfältig: Ornamentale Muster wie auch flächige Bearbeitungen des Putzes wurden mal mehr und mal weniger geschickt ausgeführt. Auch ein Spiel mit Kombinationen von mehreren Techniken wurde gewagt. Typisch sind gekratzte Wellen. Die Frequenz, die Anzahl der Wellen innerhalb eines Gefachs, deren Ausrichtung wie auch die Addition weiterer gestalterischer Elemente lässt einen breiten Spielraum für den ausführenden Handwerker. Ebenfalls weit verbreitet sind gestupfte Flächen. Auch hier ist zu differenzieren zwischen einheitlich flächig gestupften Feldern und Reihen, die in ihrer Ausrichtung variieren können. Auch ornamental gestupfte Oberflächen kommen vor.

Geprägt ist das jeweilige Muster immer durch den Duktus des Handwerkers und dessen handwerkliches Geschick. Gleichzeitig können Vorlieben bestimmter Gestaltungen zu unterschiedlichen Zeiten und in bestimmten Gebieten nachvollzogen werden.

Die Gestaltungsmöglichkeiten leben vom Lichtund Schattenspiel der teils glatten, teils aufgerauten Oberfläche. Visuell abgeschlossene Einheiten werden häufig durch eine zusätzlich in den Putz eingearbeitete Rahmung betont. Mit geübtem Blick und der aufmerksamen Betrachtung der einzelnen Gefache können Besonderheiten der jeweiligen Gestaltung entdeckt werden.

In den frischen Mörtel eingeritzte Jahreszahlen ermöglichen es, den Putz und die Gebäude zu datieren. Letzten Endes können dadurch wichtige Informationen hinsichtlich der chronologisch-regionalen Verbreitung gewonnen werden.

Darstellungen wie Pflanzen, Landschaften, Menschen oder religiöse und politische Symbole sind selten. Jedoch kann sich der Betrachter in Sinnsprüche und Reime vertiefen.

Häufig wurden auch Namen von Bauherren und Handwerkern im Putz verewigt. Letztere geben wichtige Hinweise auf das regionale Handwerk der jeweiligen Zeit. Oft handelt es sich bei den Ausführenden der Kratzputze um Maler und Putzer. Partiell können Handwerksmeister beziehungsweise Familienbetriebe und deren Einflussgebiet nachvollzogen werden.

Basis des Kratzputzes bildet die sogenannte Ausfachung. Nach Errichtung des Holzgerüsts für das Gebäude werden die Zwischenfelder gefüllt: mit Naturstein, Ziegelstein oder Lehmstaken; zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam Porenbetonstein hinzu. Die Füllung der Gefache ist Träger für den Mörtel. Der Putz setzt sich zusammen aus Bindemittel, Zuschlag und gegebenenfalls weiteren Zusätzen. Das Bindemittel ist in der Regel Kalk. Kalkputze können der Witterung trotzen und Jahrhunderte überdauern. Die Verarbeitung ist für den Handwerker nicht ganz ungefährlich, weil Kalk als Bindemittel hoch alkalisch ist. Grundsätzlich handelt es sich aber um ein ideal zu verarbeitendes Material mit ausgezeichneten Eigenschaften.

Allein das Bindemittel reicht jedoch nicht aus, um einen Putz herzustellen. Sand als Zuschlagsstoff ist der zweite wesentliche Bestandteil eines jeden Putzes. Die Reinheit, die Zusammensetzung des Sandes sowie dessen realer Anteil im Bezug zum Bindemittel sind ausschlaggebend für die Qualität des Putzes. Bewusst zugegebene Komponenten wie Fasern und Holzspäne können sich positiv auf die Putzeigenschaften auswirken ... (Laura Deglmann)

Abbildungen:
Drei Beispiele für historische Kratzputze - unten eine neugestaltete Version. (Fotos: Laura Deglmann)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in UNSER BAYERN, Ausgabe Mai/Juni 2021 (BSZ Nr. 17 vom 7. Mai 2021)

 

 

 

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