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Das technisch komplexe Potenzial des Kupferstichs hat niemand so atemberaubend ausgeschöpft wie Albrecht Dürer – hier ein Ausschnitt aus seinem Hl. Antonius (1519). Die Gesamtansicht finden Sie im Artikel. Beachten Sie auch die Bildergalerie am Ende des Beitrags. (Foto: Staatliche Graphische Sammlung München, Inv.-Nr. 11180 D)

05.03.2021

Raffinierte Sticheleien

In Nürnberg und Augsburg, den Hochburgen des Kupferstichs in Süddeutschland, entstanden weltweit einmalige Drucke

Bayern war über Jahrhunderte Schauplatz bedeutender, mehr als einmal epochaler kultureller Ereignisse; nicht ohne Grund definiert sich der Freistaat in seiner Verfassung als Kulturstaat. Im Bereich der druckgrafischen Künste – sie erlauben seit dem späten 14. Jahrhundert erstmals in Europa das vervielfachende Reproduzieren von Kunstwerken – gelangen in diesem Teil Süddeutschlands entscheidende Entdeckungen. Es entstanden hier überragende Hauptwerke der grafischen Künste, die heute weltweit jede grafische Sammlung zu besitzen anstrebt. Unter den druckgrafischen Techniken ist der Kupferstich die komplexeste. Kursorisch einige Anmerkungen zum Kupferstich in Bayern, wobei zwei Kunstzentren im Fokus stehen: Nürnberg und Augsburg, Franken und Bayerisch-Schwaben.

Volkstümlicher Hochdruck

Die älteste druckgrafische Technik ist der Holzschnitt, ein Hochdruckverfahren, bei dem aus einem plan gehobelten Holzstock mit Messer und Hohleisen Grate, Stege und Inseln freigelegt werden, die einer Vorzeichnung auf dem Holzstock folgen. Ein Relief entsteht, das mit schwarzer Druckfarbe eingerieben wird; durch den Abdruck entsteht ein seitenverkehrter Schwarzliniendruck auf hellem Papier. Die Technik war etwa durch den Stoffdruck lange bekannt, bevor sie Ende des 14. Jahrhunderts auf dem nun auch in Deutschland erhältlichen Bildträger Papier zur Anwendung kam. (Die erste deutsche Papiermühle ging 1390 in Nürnberg in Betrieb.) Erstmals ist mit diesem Trägermaterial ein preiswertes Medium zur Hand, das unkomplizierte Reproduktionen in hoher Auflage ermöglicht. Seinen Ursprung als künstlerisches Medium hat der europäische Holzschnitt im Bayerisch-Salzburger Raum. Hier entstanden die ersten europäischen Holzschnitte – gleich in der Geburtsstunde des Mediums Werke von hoher technischer Meisterschaft und mit einem Figurenrepertoire in der unwiderstehlichen Eleganz des weichen Stils, außergewöhnliche Hauptwerke linearer Ausdruckskunst.

Freilich haftet dem Holzschnitt mit seinen breiten, bislang derben Lineaturen zumeist etwas Einfach-Volkstümliches an. Selbst die Werke des Holzschnittmeisters schlechthin, Albrecht Dürer, haben eine populäre Note, setzen auf ein erzählerisches Moment, das unmittelbar berührt, wie etwa die ungezwungenen Inventionen der 20 Blätter des Marienlebens (nach 1500 bis 1511), wohl immer noch Dürers populärster Zyklus.

Gestochen scharfer Tiefdruck

Ganz anders sind die Möglichkeiten des Kupferstichs, des historisch ältesten Tiefdruckverfahrens. In der Umgangssprache ist er noch unterschwellig präsent: wenn etwa von gestochen scharfen Fotos die Rede ist, eine Handschrift eben diese Qualität hat. Abkupfern bezeichnet illegales Kopieren von Gedankengut, und ein Gegenüber mit „Mein lieber Freund und Kupferstecher“ zu betiteln, charakterisiert den Angesprochenen augenzwinkernd als Filou.

Die Kupferstichtechnik dagegen hat nicht im Mindesten etwas Dubioses. Sie ist unter allen druckgrafischen Techniken die mit Abstand anspruchsvollste. Aus einer gleichmäßig dicken, gehämmerten, sorgsam homogen bearbeiteten, geschliffenen und polierten Kupferplatte werden mit einem Grabstichel – einem spitz zulaufenden zumeist dreikantigen Stahl – Späne ausgehoben. Diese Vertiefungen vermögen später die Druckfarbe aufzunehmen.

Anders als Holz, erlaubt das weiche Kupfer eine differenzierte und kleinteilige Bearbeitung.
Sanfte Rundungen, Spiralen, sublime Einzellinien, weiter auseinanderliegende oder dicht und haarfein übereinandergelegte Kreuzschraffuren sind ebenso möglich wie scharf gesetzte Punkte im Einzelakzent oder als flächendeckendes Muster. An- und abschwellende Linien („Taillen“), hervorgerufen durch den ins weiche Metall eindringenden und wieder herausfahrenden Stichel, sind charakteristisch für das Medium, dem ein Höchstmaß an Präzision und Schärfe der Linien eigen ist. Diese komplexe Technik erfordert eine geübte, professionell ausgebildete Hand, die den Stichel führt.

Entstanden ist diese raffinierte Drucktechnik im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts wohl am Oberrhein, wo insbesondere der „Meister der Spielkarten“ (tätig um 1425 bis 1450) mit ersten handwerklichen wie künstlerischen Meisterleistungen herausragt. Anfangs sind es namentlich nicht bekannte Kupferstecher, die, meist in Anlehnung an charakteristische Werke, mit Notnamen bezeichnet werden. Auch hinter dem „Meister E. S.“ (um 1420 bis um 1467), benannt nach wiederkehrenden Buchstaben im Spätwerk seiner über 300 vermuteten Druckgrafiken, wird sich kein Monogramm verbergen – sondern das Kloster Einsiedeln als Wirkungsstätte des Meisters in seiner Spätzeit. Als bedeutendster Stecher des 15. Jahrhunderts ist der in Colmar gebürtige Martin Schongauer (um 1445/1450 bis 1491) dann namentlich bekannt. Seine 116 allesamt monogrammierten Stiche vereinen technische Meisterschaft mit kühler Kompositionsklarheit, wohlüberlegter Natürlichkeit, bestrickender Eleganz und bis dahin unbekannter Finesse des Ausdrucks.

Der erste Kupferstecher aus Altbayern dürfte Hans (?) Mair „von Landshut“ gewesen sein, der wohl zwischen 1485 und 1504 in München, Freising und Landshut insbesondere als Tafelmaler gewirkt hat. Charakteristisch und einzigartig in Mairs OEuvre ist die phantastische architektonische Kulisse, vor der er historische Szenen aufführen ließ; Mair fertigte komplexe Bühnenbilder mit soghaft perspektivischem Tiefenzug. Alfred Stange (1894 bis 1968), Spezialist für deutsche Malerei der Gotik und eingeschworener Nazi, hielt Mairs Werke denn auch für „verschrobene Arbeiten eines Spinners“. Etliche der 22 fast ausnahmslos mit „MAIR“ bezeichneten, in nur wenigen Exemplaren überkommenen Kupferstiche wiederholten dieses hypertrophe Konzept. Waren Mairs Kupferstiche da noch Varianten seiner malerischen Visionen, nutzte er den Kupferstich erstmals zum aufwendigen Experiment, druckte auf eingefärbtes Papier, bearbeitete die Abzüge gar mit Deckweiß – möglicherweise der Versuch, selbst Kenner zu düpieren, indem er ihnen vermeintliche Helldunkel-Zeichnungen unterschob? Claire-obscure-Holzschnitte, die vergleichbare Effekte zeitigen, entstanden erst über 100 Jahre später in Augsburg, als sich Hans Burgkmair und Jost de Negker zusammentaten.

Ein intensives, kurzzeitiges Experiment war der Kupferstich auch für den großen Bildschnitzer Veit Stoß (um 1447 bis 1533). Stoß war, nachdem er 1477 sein Bürgerrecht in Nürnberg aufgegeben hatte, zwei Jahrzehnte in Krakau tätig. Dort entstand sein Hauptwerk, das magistrale, knapp 16 Meter hohe Hochaltarretabel der Marienkirche. Nach seiner Rückkehr war Stoß von 1496 bis zu seinem Tod 1533 in Nürnberg tätig. Seine Schnitzkunst zeigt das Aufregendste, Naturwahrste, auch Eigenwilligste, was die Zeit zu bieten hat, laut dem Künstler und Historiker Giorgio Vasari (1511 bis 1574) „che far stupire il mondo“ – einer, der die Welt einfach nur staunen macht ob seiner Kunst. Als Künstler höchst geschätzt, galt Stoß in Nürnberg als Querulant ... (Achim Riether)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in UNSER BAYERN, Ausgabe März/April 2021 (BSZ Nr 9 vom 5. März 2021)

 

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