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Auf Thorvaldsens Adonis musste Ludwig I. lange warten. Er gab ihn 1808 in Auftrag – erst 1832 vollendete der Bildhauer sein Werk und es konnte in der Glyptothek ausgestellt werden. Heute steht der Adonis in der Alten Pinakothek. (Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

08.01.2021

Säumiges Genie

Der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen beflügelte maßgeblich die Antikenschwärmerei von Ludwig I.

"Wach ich, oder träum ich, Thorwaldsen in München!“, rief König Ludwig I. entzückt aus, als der von ihm über alle Maßen verehrte berühmte dänische Bildhauer 1830 an seinem Krankenbett in München stand. 25 Jahre zuvor stand Ludwig bewundernd vor den Erstlingswerken des Künstlers in dessen Atelier in Rom. Als Freund und Auftraggeber blieb er von da an mit dem Meister eng verbunden, dessen 250. Geburtstag im vergangenen Jahr in München groß gefeiert werden sollte – wenn die Corona-Pandemie nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte und alles zurückgefahren werden musste. Die Würdigung wurde verschoben – die Eröffnung der Ausstellung Bertel Thorvaldsen und Ludwig I. – Der dänische Bildhauer im bayerischen Auftrag fällt nun jedoch passenderweise zusammen mit der für Ende Januar geplanten Wiedereröffnung der Glyptothek am Münchner Königsplatz, die rund zweieinhalb Jahre wegen Sanierungsarbeiten geschlossen war.

Verzauberter Kurprinz

Als jugendlicher Erbprinz war Ludwig „keineswegs Kunstfreund“, wie er selbst später sagte, auch nicht als Kurprinz, der nach dem Umzug der inzwischen kurfürstlichen Familie 1799 nach München die Skulpturen im Nymphenburger Park als „scheußliche Gestalten“ bezeichnete. Diese Einstellung änderte sich schlagartig und mit weitreichender Konsequenz, als der 18-jährige Kurprinz 1804 seine erste Italienreise unternahm, wo es ihm in Venedig vor Canovas Hebe, der griechischen Göttin der Jugend, „wie Schuppen von den Augen fiel“. Seine Gefühle dabei hat er später dichterisch in einem Sonett zum Ausdruck gebracht: „Was für ein Zauber hält mich hier gefangen … Der Sinn für Kunst war in mir aufgegangen … Ich konnte mich der Stelle nicht entrücken, ich schwamm, dich Hebe! sehend, in Entzücken.“

Im Januar 1805 weilte der Kurprinz nur für ein paar Tage in Rom, quasi auf der Durchreise zum Hof von Neapel, wo ihn König Ferdinand für eine seiner Töchter zum Gemahl gewinnen wollte. Ludwig allerdings fand die beiden Töchter „nichts weniger als hübsch“ und kehrte Ende Februar für einen längeren, folgenreichen Aufenthalt nach Rom zurück.

Bertel Thorvaldsen war im Frühjahr 1797 als Stipendiat der Kopenhagener Akademie nach Rom gesandt worden, um dort seine Ausbildung zu vervollkommnen. Als der Kurprinz in die „Ewige Stadt“ kam, war der dänische Bildhauer nicht nur in Künstlerkreisen bereits eine Berühmtheit. Ein Besuch seines Ateliers und der Werkstatt wurde zum Muss für die meist adligen Touristen auf ihrer „Grand Tour“ – aus diesem Klientel rekrutierte sich bald auch der Großteil seiner Auftraggeber. Der Zeitpunkt seines aufgehenden Sterns ist festzumachen an seiner in den Jahren 1802/03 modellierten Skulptur des Anführers der Argonauten, Jason. Unter den ersten prominenten Bewunderern des Modells aus Ton war Ende 1802 die „Madame de Stael des Nordens“ genannte Schriftstellerin Friederike Brun, die bereits zwei Monate später erneut in Thorvaldsens Atelier erschien, dieses Mal in Begleitung von Caroline und Wilhelm von Humboldt. Der preußische Gelehrte schrieb von dort sogleich an Johann Wolfgang von Goethe, welch „überragenden Eindruck“ der Jason auf ihn gemacht hatte, und ließ eine Nachzeichnung der Statue folgen mit Carolines begleitender Würdigung: „... sie ist das Schönste, was neuerlich gemacht worden ist.“

Jason als Attraktion des Ateliers

Was die Besucher zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnten: Thorvaldsen war dabei, Rom wieder zu verlassen. Der Aufwand für die Wohnung, das Atelier und die Kosten für die Materialbeschaffung überstiegen bei Weitem seine bis dahin kärglichen Einnahmen. Doch dann tauchte im März 1803 der reiche englische Bankier Sir Thomas Hope auf, sah den Jason und wollte ihn sofort in Marmor ausgeführt kaufen. Ein Kaufvertrag wurde abgeschlossen. Er war die wirtschaftliche Grundlage für den Verbleib des Bildhauers in Rom. „Ende gut, alles gut“ hieß es aber nur für Thorvaldsen, denn Sir Thomas Hope musste noch 25 Jahre auf die Lieferung seines marmornen Jason warten ... Deshalb aber stand das Modell des Argonauten noch lange zur Besichtigung parat und hat das Atelier des Bildhauers zu einer Sehenswürdigkeit in Rom gemacht.

Auch der bayerische Kurprinz gehörte zu seinen Bewunderern, als er 1805 Thorvaldsens Atelier aufsuchte. Den Schöpfer der Statue hat er allerdings damals noch nicht persönlich angetroffen, dafür die berühmte Malerin Angelika Kauffmann, die ihn gleich porträtierte und so sehr für klassische Meisterwerke begeisterte, dass sein Sammeltrieb auch in diese Richtung entflammte.

Die erste Italienfahrt löste also in Ludwig unmittelbar eine zunächst nahezu überbordende Kunstbegeisterung aus, die sich nicht nur auf die antike Bildhauerkunst beschränkte, sondern ihn auch zum „wildesten Liebhaber von Gemälden“ machte, wie sein Begleiter und Erzieher Franz Anton Kirschbaum klagend den Vater, Kurfürst Max, in München wissen ließ.

Schwärmerische Sehnsucht nach der Antike

Schon in seinen ersten Jahren als Kronprinz entwickelte Ludwig konkrete Pläne, wie er mit seiner neuen Leidenschaft München zur Kunststadt machen könnte. Die antike Kunst sollte dabei eine herausragende Rolle spielen. Dazu bedurfte es vorbildhafter antiker Originalwerke, von denen es allerdings im Münchner Antiquarium nur „mehrere Werke schlechter Plastik“ gab, wie Ludwig vermerkte. Da sein an Kunst kaum interessierter Vater Antiken abschätzig nur als „zerbrochene schmutzige Puppen“ bezeichnete, musste der Kronprinz nach einer ganz neuen Lösung suchen. Seine visionäre Idee: „Wir müssen auch zu München haben, was zu Rom museo heißt“. In diesem sollten sowohl originale antike Plastiken wie auch zeitgenössische, an der Antike ausgerichtete Bildhauerkunst ihren Platz finden, um so zu demonstrieren, dass München ein neues Athen, eine Stätte der Wiedergeburt der Antike sei. Der Kronprinz war regelrecht beseelt von der Vorstellung, wenigstens einen Abglanz der antiken kulturellen Blütezeit auf München fallen zu lassen, einer Zeit, der er sogar seine Thronfolge geopfert hätte, nur um in ihr leben zu können, wie er sehnsuchtsvoll in seiner Elegie auf Paestum bekannte: „Daß mir vergönnet nicht war, Griechen, zu leben bei Euch, lieber denn Erbe des Throns, wär‘ ich ein hellenischer Bürger.“

Mit der ihm eigenen Energie und Tatkraft begann Ludwig, vielfach aus seiner privaten Schatulle, Antiken zu kaufen: in Wien, Paris, Griechenland und Rom. Dort bestellte er 1808 bei Thorvaldsen das damals auch schon berühmte Tonmodell des Adonis, ausgeführt in Marmor. Und da seine eigene Fachkenntnis nicht ausreichte, bat er gleichzeitig den Künstler, ihm bei seinen laufenden Kaufintentionen mit eingehenden Expertisen beratend zur Seite zu stehen.

Sukzessive wurde Ludwig dabei um zwei Erfahrungen reicher: Die in Rom schon bekannte mangelnde Bildung des Thorvaldsens, selbst in seiner Muttersprache, drückte sich auch in seiner fehlenden Begabung und Lust für Lesen und Schreiben aus, und schon gar nicht konnte und wollte er die vom Kronprinz für jedes Objekt bis ins Detail gehenden Auskünfte liefern.

Die Lösung des Problems fand Ludwig bei dem Würzburger Künstler und Bildhauer Johann Martin von Wagner, den er im gleichen Jahr in Innsbruck kennen- und schätzengelernt hatte. Ihn sandte er 1810 nach Rom, wo Wagner bei Thorvaldsen zum Mittelsmann und „Dolmetscher“ der prinzlichen Beratungswünsche wurde, was vielfach nicht nur zum Ankauf von Antiken, sondern auch von Werken zeitgenössischer Bildhauer führte. Die intensive Korrespondenz zwischen den beiden umfasste schließlich 900 Schriftstücke von Wagner und über 500 von Ludwig. Der Kunstagent wurde in Rom zur treibenden Kraft für die Antikenkäufe des Prinzen.

Die zweite Erfahrung, die dieser Schriftverkehr enthüllt, war die permanente Unzuverlässigkeit des Dänen was seine Lieferverpflichtungen betraf. Noch im Dezember 1809 versicherte Thorvaldsen dem Kronprinzen, ... (Reiner Oelwein)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in UNSER BAYERN, Ausgabe Januar/Februar in der BSZ Nr. 1 vom 8. Januar 2021

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