Unser Bayern

Im 19. Jahrhundert wütete die Cholera in München. Herr der Seuche wurde man erst, als 1883 die Kanalisation in Betrieb ging – hier ein Kanalabschnitt mit Schleuse und Spültüren. (Foto: dpa/Tobias Hase)

08.01.2021

Tödliche Plagen

Bayern hat viele Epidemien überlebt – mit Schrecklichkeiten und Gegenmaßnahmen, wie sie auch Corona mit sich bringt

Böse Zeichen ziehen am weiß-blauen Himmel auf. Nahe dem Kloster Fürstenfeld kommt der deutsche Kaiser Ludwig bei der Jagd ums Leben. Ludwig der Bayer, der Legendenumwobene, der „Große Adler“, der – so ein Hofschreiber – „mit abgebrannten Flügeln sich Aufschwingende und im Unglück Glückliche“. Drei Monate später, am 25. Januar 1348, einem Freitag, wird zur Vesperzeit ganz Süddeutschland von starken Erdbeben erschüttert. Sie halten 40 Tage an und begraben die Stadt Villach.

Noch in diesem unheilvollen Jahr kommt die bislang größte Pest – „et tunc venit maxima pestilencia“, notiert der Geschichtsschreiber Aventinus (Johannes Turmair) später in seiner Bairischen Chronik. Offenbar mit himmlischer Vorwarnung, die kaum einer verstehen mochte, überfällt die tödliche Krankheit das Land Bayern, das zu dieser Zeit seine – bis heute – größte Ausdehnung und Macht erlangt hat. Am schlimmsten wütet sie in den Flussstädten Landshut, Braunau und München.

Im Münchner Heiliggeistspital soll ein fahrender Schüler gestorben sein, heißt es. In den nächsten Tagen werden weitere Kranke eingeliefert. Die meisten schon ohne Bewusstsein. Sie atmen – keiner ahnt das – Gift aus. Sie leben nach der Infektion nur noch drei bis vier Tage. Ihre Körper sind mit schwarzen Beulen und Eiterblasen bedeckt, die Leichen aufgedunsen.

In der Stadt, flüstert man sich zu, geht der Schwarze Tod um. Händler hätten ihn eingeschleppt, durch Pelzkleider oder Flöhe wandere er von Mensch zu Mensch. Einige schieben auch den Juden, diesen „Unreinen“ und „Brunnenvergiftern“, die Schuld zu, obwohl deren Blutopfer noch größer ist als das der Christen. (Tatsächlich kommt es zu Pogromen im ganzen deutschen Land).

Bald ist München voller Leichen. Sie werden von mutigen Franziskanern auf Karren gehäuft und begraben. Die beiden Friedhöfe der Stadt sind bald überfüllt. So werden draußen vor den Mauern große Gruben auf eigenen Pestäckern ausgehoben. Die Stadttore bleiben sonst verschlossen. Jeglicher Warenhandel erstirbt. Die Versorgung und die öffentliche Ordnung brechen zusammen. Hunger droht. Angst und Schrecken beherrschen die halbtote Stadt. An den vielen „verpesteten“ Häusern in den verwaisten Gassen hängen giftgelbe Fahnen. Da die Gebäude längst verlassen sind, greifen Diebstahl, Plünderung und Leichenfledderei um sich. Wer kann, rettet sich aufs Land.

Nur wenige Leute wollen und können Hilfe leisten: Ärzte, Bader und Quacksalber, vor allem aber Mönche und Nonnen. Mit schwarzen Umhängen und schnabelförmigen Masken wagen sie sich hinaus. Sie bekämpfen den Schwarzen Tod mit Riechkräutern oder durch Aufschneiden der Beulen – was aber die Ansteckungsgefahr erhöht. Viele Helfer sterben selbst. Flagellanten schleppen sich murmelnd durch die leer gefegten Gassen und geißeln sich, um für alle anderen Buße zu tun.

Die Pestilenz bürgert sich ein: 1463 erwähnt sie erstmals ein erhalten gebliebenes Münchner Ratsprotokoll, 1494 – Amerika ist entdeckt und ein neues Zeitalter ist angebrochen – wird sie von über 100 Sturmwarnungen begleitet. Münchens Stadtschreiber verzeichnen ihren Auftritt in mindestens weiteren 30 Jahren. Sie verändert die Menschen. Sie macht sie fromm und verzweifelt, hilfsbereit und böse. Sie dezimiert die Bevölkerung nach jedem Wachstum. Ihr folgen oft andere apokalyptische Reiter: Teuerungen, Hungersnöte, Teufelsanbetung.

Es gibt keinerlei Vorbereitung, keine wirkliche ärztliche Hilfe und natürlich auch kein Gegenmittel, sondern allenfalls Ratschläge. Zum Beispiel die – das Stadtarchiv München hat solche Objekte vor einigen Jahren ausgestellt – recht ungenaue Warnung vor übermäßigem Genuss von „Speiß und Tranck, sonderlich weises Waizenbier“. Natürlich werden auch allerlei „pulver zu verhuten der pestelentz“ gemixt und ausprobiert; so eines besteht beispielsweise aus Blutwurz, Wacholder, Enzian, Schlangenwurzel und „welsch nuss“.

In der Münchner Stadtchronik erscheinen die ersten Pestepidemien unter dem Stichwort „Sterbende Läufe“. Vor der Weihnacht von 1509 BSZ Unser Bayern 1,2 / 2021 23 verlegt Herzog Albrecht die Hofhaltung nach Landshut, „sterbender leut halben“. 1534 bestellt der Stadtrat den Doctor Steffan, der den Kranken zur Seite stehen soll. 1611 beklagt sich der Tafernwirt Thomas Premauer, dass er immer die aus infizierten Orten eintreffenden Fuhrleute beherbergen müsse. Wegen der „leidigen Seuche“ werden nach und nach viele Orte in Schwaben, Tirol und der Schweiz vom Herzog „auf das Täflein geschrieben und bandisiert“, das bedeutet, niemand darf dorthin und von dort nach München reisen.

Neue Triumphe feiert der Schwarze Tod im Dreißigjährigen Krieg. Am 10. Oktober 1634 ordnet die geistliche Obrigkeit an, dass „ein jeder insonderheit von Sünden abstehe, sich mit demütigem Hertzen und andächtigem Gebett zu Gott bekehre, sein Gewissen erforsche, die Sünd beicht und büsse“. Diese Pestwelle – der auch Oberammergau seine Passionsspiele „verdankt“ – dauert an bis zum Februar 1635. Mindestens ein Drittel der rund 22 000 Bürger Münchens sollen ihr zum Opfer gefallen sein. Von der aus Tölz angeforderten Schutztruppe, Italiener und Spanier, sterben 150.

Gelübde, Prozessionen, Passionsspiele, Pestkerzen und Pestsäulen gemahnen heute vielerorten an die Zeiten des Schwarzen Todes. Das bekannteste Mahnmal in München befindet sich an der Südwestecke des neuen Rathauses, hinter Taubennetzen ist der Gift sprühende Drache kaum erkennbar. Am Sockel der 1638 geweihten Mariensäule erinnert eine düstere Allegorie an vier große Plagen: Ein Löwe symbolisiert den Krieg, eine Schlange die Ketzerei, ein Drache den Hunger und die Pest erscheint in Gestalt eines mit Hahn und Schlange bestückten Basiliken.

Die Cholera - ein unheimliches Misma

Während die Münchner dem Oktoberfest entgegenfiebern, empfiehlt die königliche Lokal- Sanitätskommission am 10. September 1836 sanitätspolizeiliche Maßregeln gegen epidemische Krankheiten „und namentlich gegen die Brechruhr, nachdem sich einige Spuren derselben bereits bemerkbar gemacht haben“. Zwecks Vorbeugung wird die Einrichtung von unentgeltlichen Besuchsanstalten für die ärmere Bevölkerung, die von den Herren Ärzten ehrenamtlich betreut werden sollen, für „rätlich“ gehalten.

Doch Bayerns fortschrittliche Regierung erklärt, dass die Cholera, die aus Asien über Polen schon bis Preußen vorgedrungen ist, keine ansteckende Krankheit sei und man deshalb keine Einschränkungen des Waren- und Personenverkehrs vornehmen werde. Maßregeln würden durch Beunruhigung mehr schaden als nützen. (In Preußen, wo man dergleichen verfügt hat, war es tatsächlich zu Unruhen gekommen). Die Ministerial- Entschließung trägt ebenfalls das Datum vom 10. September 1836. Dabei hat die Seuche zwei Tage zuvor schon ihre tödlichen Keime in München ausgestreut.

„Am 8. September erkrankte in der Sendlingerstraße No 61 im Hackenviertel Herr Andreas Neuschmid, rechtskundiger Magistratsrat dahier, 58 Jahre alt, an der Brechruhr, nachdem er acht Tage lang an eine Diarrhö gelitten.“ So vermerkt der Arzt Dr. Franz Xaver Rapp später in einem „Generalbericht“. Als er gegen ein Uhr nachts bei dem Kranken eintrifft, wird dieser von Fieberfrost mit heftigen Krämpfen geschüttelt. Der Durchfall dauert bis abends an. Um 20.30 Uhr ist der erste Tote von drei Münchner Cholera-Zügen zu beklagen.

Gebete und Rauch

Die Obrigkeit ist längere Zeit hilflos. Am 13. November weiß die Stadtchronik nur zu vermelden: „S. kgl. Majestät haben auf Anregung S. Erzbischöflichen Exzellenz die Abhaltung öffentlicher Gebete zu genehmigen geruht, um die göttliche Gnade und Hilfe gegen die ausgebrochene epidemische Brechruhr anzuflehen ...“ Doktor Rapp empfiehlt bessere Rezepte: Die Nahrungspolizei solle unverzüglich die Beseitigung unreifen Obstes und unreifer Kartoffeln, geringhaltigen und verdorbenen Bieres anordnen. Andere wollen das unheimliche „Misma“, die vermeintlich über die Luft eindringende Unreinheit, durch Rauchtabak und Verhüllen der ansteckenden Haare oder einfach durch „Maß und Ordnung in öffentlichen Belustigungen“ vorbeugend bekämpfen.

Die Seuche nimmt in der fünften Woche an Intensität zu und verschwindet dann allmählich. Bis zum 18. Januar 1837 hat sie in 847 Häusern der Stadt 1761 Menschen befallen, 918 können nicht gerettet werden. Sie sterben qualvoll – trotz „unermüdlichem Fleiße und Hingebung bei Tag und Nacht“, wie Dr. Rapp seinen Ärzten und den Geistlichen attestiert... (Karl Stankiewitz)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in UNSER BAYERN, Ausgabe Januar Februar 2021 in der BSZ Nr. 1 vom 8. Januar 2021)

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