Unser Bayern

Ein Ammonit (Pleuroceras spinatum) aus Johann Schoberts Sammlung im geheimnisvollen Durchlicht. (Foto: Johann Schobert)

09.02.2021

„Ufo“-Jäger in Frankens Jurassic Sea

Hotspot für Fossiliensammler und Forscher: Eine Tongrube bei Buttenheim birgt viel Unbekanntes aus dem Erdmittelalter

"Wo sin jetz die Freggerle?“, brummelt Johann Schobert vor sich hin – es ist eine rhetorische Frage an sich selbst. Denn obwohl Besucher in seinem Keller im fränkischen Hirschaid von einem schier unübersichtlich-üppig arrangierten Steinreich überrascht werden: Der Schneckenhannes kennt sich blindlings darin aus: Greift in das eine oder andere Regal, dreht sich blitzschnell herum, um eine Schublade aufzuziehen, einen Eierkarton hervorzuholen oder zielsicher unter den Tisch zu langen. Mal hält er einen etliche Kilogramm schweren Brocken in Händen, mal wickelt er aus einem Alufolienknäuel etwas, das zu zerbröseln droht oder zeigt auf Döschen, in denen mit bloßem Auge kaum Sichtbares sein soll.

Pleuroceraten, Pleurotomarien, Pseudokatosira, Ryderia doris, Harpax spinosus ... Die Fachtermini schwirren nur so durch den Raum – da freut man sich, als der Hausherr die liebevoll fränkisch titulierten Freggerle (Lausbuben) aus einem Regal fischt und sie unter seinem alten russischen Mikroskop wie auf einer sorgsam ausgeleuchteten Bühne präsentiert, damit der Laie ihre ganze Schönheit erkennen möge: Drei Mini-Seeigel in weichen Beige-, Braun- und sanften Rot-Orangetönen und mit unterschiedlich ausgeprägten detailreichen Gehäuseornamenten sieht man in 100-facher Vergrößerung. Diese Exemplare von Clypticus sulcatus messen gerade einmal zwischen sechs und zehn Millimeter und sind viele Millionen Jahre alt. Ihr Lebensraum war einst ein Schwammriff im heutigen fränkischen Wiesenttal. „Ihre Fundstellen sind alles andere als leicht zu entdecken. Man braucht jahrelange Erfahrung und gute Augen, um diese Tierchen im gepflügten, abgeregneten Boden zu erkennen“, sagt Johann Schobert. „Und dann heißt es: Runter auf die Knie und auf dem Feld umherkrabbeln!“

Winzlinge im Visier

Auf allen Vieren ist Johann Schobert auch tags zuvor in seinem Keller gegangen. Ein Kügelchen, nur ein Millimeter groß und eine mutmaßliche wissenschaftliche Sensation, sei ihm auf den Boden gefallen, klagt er, das habe er bislang noch nicht wiederentdeckt. Vielleicht wird er den Staubsauger mit einem neuen Beutel bestücken, den ganzen Kellerboden absaugen, und dann den Beutelinhalt aussieben, überlegt er. Während man noch argwöhnt, auf den Arm genommen zu werden, zieht er ein Teesieb hervor: Feinste Maschendichte, wissenschaftlichen Maßstäben genügend. „Darin bleibt so viel Spannendes hängen“, schwärmt Johann Schobert – nämlich das, was andere private Fossiliensammler in der Regel gar nicht beachten. Weil es eben so winzig oder mit bloßem Auge nicht schön anzuschauen ist, weil es sich in Vitrinen nicht spektakulär zur Schau stellen oder gut verkaufen lässt.

Aber Wissenschaftler sind gerade auch hinter solchen Mikrofossilien her – und Johann Schobert liefert sie ihnen. „Ein echtes Original der Sammlerszene, ihn kennt quasi jeder Fossiliensucher in Deutschland“, sagt Sönke Simonsen, der Herausgeber von Der Steinkern, einer einschlägigen Fachzeitschrift. „Was das Zuarbeiten zur Wissenschaft anbelangt, ist er wirklich ein Vorbild. Irgendwie“, vermutet Simonsen schmunzelnd, „muss der Schneckenhannes seinen Zweitwohnsitz in der Tongrube Buttenheim haben“, denn vor allem dort ist der passionierte Fossilienfreund seit Jahren unentwegt zugange. Schneckenhannes heißt Johann Schobert übrigens, seit er sich mit Fossilien beschäftigt. Die Passion nahm ihren Lauf 1994, als er einem Freund bei einer Notgrabung half: Im nahen Geisfeld wurde auf einem Acker der Panzer eines um die 180 Millionen Jahre alten Meereskrokodils geborgen. Seiner Frau brachte er abends als Ausbeute „so an Schnegg“ mit – „das ist keine Schnecke, sondern ein Ammonit“, war der Gattin gleich klar. Ihr Mann aber war fortan der Schneckenhannes.

Ammoniten, Leitfossilien für rund 350 Millionen Jahre der Erdgeschichte, sind in der Tat die bekanntesten und meisten Funde aus Johann Schoberts primärem „Jagdrevier“, der Tongrube Buttenheim. Die ausgestorbenen Kopffüßer, respektive ihre versteinerten Kalkschalen (wenn sich ihr natürliches „Baumaterial“ Aragonit in Kalzit umgewandelt hat), begeistern immer wieder: Mal sind ihre spiralförmigen – im Gegensatz zu den meisten Schnecken –, platten Gehäuseschalen kräftig gerippt, mal zeigen sie filigrane Muster, mal markiert ein Zopfkiel wie eine Ziernaht die Verbindung der beiden Schalenhälften. In Buttenheim lassen sich schon auch handtellergroße Exemplare nur durch Auflesen entdecken – „man muss auf die Knollen achten“, verrät Johann Schobert. Solche, aus der Wasserablaufrinne gleich links von der Grubeneinfahrt, hat er einmal genauer untersucht: Zum Vorschein kamen Bruchstücke eines Ammoniten, der gar 60 Zentimeter an seiner breitesten Stelle maß. Davon sind natürlich nicht alle Teile erhalten, aber der emsige Hobbyforscher hat anhand der Fragmente die ursprüngliche Form und Größe auf Pappe rekonstruiert.

Blick für Raritäten

Auf die Größe kommt es natürlich nicht unbedingt an, Johann Schobert ist eher stolz zum Beispiel auf Ammoniten mit kleinen Farbresten oder auf Exemplare mit Radulaspuren; Radulae sind die Zungen dieser Weichtiere, die eine Vielzahl nachwachsender Raspelzähnchen hatten. Dann zieht der Sammler ein Prachtstück hervor: Auf einem Ammoniten hatte sich einst ein Schlangenstern niedergelassen und ist mit ihm gemeinsam versteinert. „So etwas finden normale Sammler nicht“, sagt der Schneckenhannes und fügt an: „Wenn man mal 10 000 und mehr Fossilien in der Hand gehalten hat, schärft das den Blick und man weiß, wofür man sich bückt.“

Die Tongrube Buttenheim (korrekt lautet die Flurbezeichnung Holzbachacker/Altendorf) ist seit ihrer Erschließung durch die Firma Liapor im Jahr 1994 ein Hotspot für Fossiliensammler ebenso wie für die paläontologische Forschung zur Zeit vor rund 180 Millionen Jahren – und zwar nicht BSZ Unser Bayern 1,2 / 2021 5 nur was Ammoniten angeht, sondern auch Muscheln und Schnecken. Dass letztere Fossilien allerdings in der populären Aufmerksamkeit meist eine Nebenrolle spielen, erklärt sich Alexander Nützel unter anderem so: „Dinosaurier ebenso wie Ammoniten faszinieren Laien wohl auch deshalb, weil sie ausgestorben sind. Schnecken und Muscheln dagegen sind heute noch alltäglich, schauen doch gar nicht so anders aus als vor so vielen Millionen Jahren.“ Der Konservator an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie ist ein Schneckenexperte: Er hat geschätzt 200 Arten vom späten Paläozoikum (Erdaltertum) bis zur Jurazeit im Erdmittelalter beschrieben. Mit Begeisterung spricht er von seinem Spezialgebiet, das erst in jüngerer Zeit auch in der Fachwelt beachtet wird: von den „Babyschalen“, Fossilien von Schnecken in ihrer „Kinderstube“. Die Larven schlüpften aus den Gelegen und schwammen dann im Plankton, das später die „fertigen“ Schnecken wieder verließen, am Boden lebende Tiere herumzukriechen – wie es sich gehört. Die Schalen der Schwimmlarven (Protoconche) sind meist weniger als 1 Millimeter groß und können bei sehr gut erhaltenen Schneckenschalen an deren Spitze erhalten bleiben – dies ist bei den Schnecken aus Buttenheim oft der Fall.

Spannend sind Exemplare der Heterobranchia, die einen radikalen „Sinneswandel“ zwischen Jugend- und Erwachsenenstadium offenbaren: Plötzlich hat sich bei ihnen der Windungssinn von links auf rechts gedreht.

Was im großen Reich der Mollusken/Weichtiere die Gastropoden (Bauchfüßer im Gegensatz zu den Kopffüßern/Cephalopoda, zu letzteren gehören auch die „Donnerkeile“ oder „Teufelsfinger“, wie die Belemniten im Volksmund genannt werden) angeht, ist Buttenheim eine schier unerschöpfliche Fundgrube – unter dem einstigen Meeresgetier bildeten die Schnecken die arten- und individuenreichste Gruppe. Zur Königin der Buttenheimer Schnecken hat Sönke Simonsen die Pseudokatosira gekürt, eine schlank aufragende Turmschnecke. Auch bei Johann Schobert haben solche Exemplare besondere Plätze: Manche thronen erhöht in den Regalen, andere sind wie Schneewittchen in durchsichtigen Dosen weich gebettet. In den begleitenden knappen Notizen liest man zum Beispiel: „Pseudokatosira undulata, 77,5 mm lang, Pyriterzbank“ und neben dem Funddatum steht dick in Rot „TOP“ geschrieben. Mit Glück findet man auch fast doppelt so lange Exemplare.

Abgebrochen oder zerdrückt

Sie ist zwar ein etwas plumper, gedrungener Typ (Basisdurchmesser bis 70 Millimeter), doch auch die Pleurotomaria amalthei hat ihre ganz eigene Eleganz – wenn man dieses Schneckenfossil überhaupt unbeschädigt entdeckt. Dass die fragilen Gehäuse, vor allem ihre feinen Spitzen, oft schon vor Jahrmillionen zer-, beziehungsweise abgebrochen sind, ist das eine. Hinzu kommt, dass Sedimentablagerungen die feinen Schneckengehäuse verdrückt haben. Bei Johann Schobert ist das Studiermaterial dazu in Fülle vorhanden.

Neue Muschelgattungen entdeckt

Das gilt auch für Muscheln, die einst ebenfalls sehr artenreich den Meeresboden bei Buttenheim besiedelten. „In keinem anderen Einzelaufschluss hat man so viele Muschelarten des unteren Jura gefunden wie in Buttenheim, auch nicht in England, wo es gleichaltrige Schichten gibt“, sagt Alexander Nützel. Erst jüngst haben Baran Karapunar (mittlerweile Doktorand an der Bayerischen Staatssammlung), Winfried Werner, Franz T. Fürsich (Universität Erlangen) und Alexander Nützel die zwei neuen Buttenheimer Gattungen Paracuspidaria und Eothyasira sowie die zwei neuen Arten Rollieria franconica sp. nov. und Nicaniella schoberti sp. nov. identifiziert – letztere Benennung ist eine Würdigung Johann Schoberts.

7 000 Muscheln aus der Tongrube Buttenheim hat ein Wissenschaftlerteam aus München und Erlangen das unter die Lupe genommen – „bestimmt 95 Prozent davon hat Johann Schobert gesammelt“, überschlägt Alexander Nützel. Es ist eine Partnerschaft im Sinne der „Citizen Science“, bestätigt der Paläontologe Winfried Werner; er war früher Sammlungsleiter an der Paläontologischen Staatssammlung und hat sich intensiv auch mit anderen Aufschlüssen in Franken beschäftigt. „Die Zahl paläontologischer Fundstellen ist riesig, die einschlägige Forschergemeinschaft aber nicht. Wir brauchen solche Partner wie Johann Schobert.“

Alexander Nützel pflichtet bei: „Die Tongrube Buttenheim ist einzigartig, was Fossilreichtum und -erhaltung in dieser stratigrafischen Position angeht. Und es ist ein Glücksfall, dass einerseits der Tonabbau über so lange Zeit geschieht, das Sammeln erlaubt ist, und dass andererseits Johann Schobert über die Jahre hinweg so kontinuierlich sammelt. Das ist eine wichtige Kombination. Je länger man sammelt, desto wahrscheinlicher wird es eben, dass man ein größeres Spektrum und auch seltenere Arten der damaligen Fauna findet. Letztlich wollen wir ja eine artenreiche Lebensgemeinschaft in Raum und Zeit beschreiben können.“

Die abervielen Stunden, die der Schneckenhannes in der Tongrube verbringt, könnten die Wissenschaftler dort gar nicht ableisten. „Freilich gehört Feldarbeit auch zu unserer Arbeit und ist Bestandteil des Studiums, aber primär ist es die Aufgabe der Wissenschaft, anhand der Fossilien oder Abbildungen davon Beschreibungen und Bestimmungen zu erstellen.“ Außergewöhnlich ist, dass der Hirschaider Privatsammler der Wissenschaft nicht nur seine Zeit schenkt, sondern auch gleich noch das (vorpräparierte und beschriftete) Fundmaterial.

In Bayern dürfen Sammler die Fossilien behalten. So liberal ist man in anderen Bundesländern oft nicht. Es ist eine Gratwanderung: Fossilien sind streng genommen keine Kulturgüter (Sammlungen können es freilich sein). Trotzdem will man einerseits ausufernde Raubgrabungen vermeiden, andererseits retten Sammler vieles, was sonst von Baggern zermalmt und letztlich zu Zement oder Pflanzkübelgranulat verarbeitet wird... (Karin Dütsch)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in UNSER BAYERN, Ausgabe Januar/Februar in der BSZ Nr. 1 vom 8. Januar 2021

Abbildungen (von oben):

Johann Schobert schenkt viele seiner Fundstücke wissenschaftlichen Einrichtungen und Museen, doch in seinem heimischen Keller hütet er noch Massen versteinerter Zeugen aus erdgeschichtlichen Zeiten. (Foto: Karin Dütsch)

Eine Besonderheit in der Sammlung des "Schneckenhannes" ist das Plattenstück mit einem Pleuroceras solare und einer kleinen Schnabelmuschel Ryderia doris. (Foto: Karin Dütsch)

Ein Prachtfund, den Johann Schobert der Paläontologischen Staatssammlung überließ, ist die Ryderia doris, die im Meeresboden lebte. In solchem Zustand gelingt das Bergen nur selten – die fragilen langen „Schnäbel“ sind meist zerbrochen. (Foto: Manuela Schellenberger)

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