Unser Bayern

05.07.2026

Unser noch unerforschtes Bayern: Ist der Fußball tot?

Es ist wieder so weit: Alle sind im Fußballfieber aufgrund der WM in Amerika, Kanada und Mexiko. Anlass für Bernhard Setzwein, sich seiner Anfänge beim Verein Rot-Weiß Seebach zu erinnern

Fußball war einmal mein Leben. Freilich war ich da auch noch jung und kannte nicht so sehr viel anderes. Aber dass die Erde ein Ball ist, das wusste ich bereits. Und dass alles, was kugelrund ist, rollt, wenn man dagegentritt, auch. Das bereitete mir unfassbare Freude und war ein unausstaunbares Wunder, vor allem weil man nie vorhersagen konnte, wohin genau der Ball rollt oder fliegt. Ob in den Winkel des Torgehäuses oder ins namenlose Aus jenseits der Spielfeldlinien, die meine damalige Welt eingrenzten. Oder um es in den Worten des Tübinger Literaturpapstes und Rhetorikprofessors Walter Jens auszudrücken, der später für mich ähnliche Bedeutung gewann wie so mancher Fußballstar: „Wie Macbeth von Shakespeare ausgeht, das weiß ich, wie das nächste Auswärtsspiel vom SC Freiburg dagegen nicht.“ Recht viel mehr ist eigentlich nicht zu sagen.

Vielleicht dies noch: Ich war also sechs oder sieben Jahre alt, als ich Teil der Knirpsemannschaft von Rot-Weiß Seebach wurde. Das war ein winziger Dorfverein am Rande des pfälzischen Weinstädtchens, in dem ich aufwuchs. Das Vereinsgelände bestand aus einem einzigen Spielfeld, damals noch ein roter Ascheplatz, und einem winzigen Vereinsheim. Das alles lag halb schon in einem dunklen Wald. Meisterwasental hieß die Adresse, was nichts anderes verriet, als dass dort einmal der Abdecker zu Hause gewesen war, am Rand des Dorfes. Dass uns der Ruf vorauseilte, bei uns bekämen alle Auswärtsmannschaften regelmäßig das Fell über die Ohren gezogen, ist dennoch übertrieben. Selbst bei uns im Meisterwasental waren die Zeiten, da man vom Fußball als einer „knochenbrecherischen Fußlümmelei“ sprach, vorbei. Dafür sorgte allein schon unser gleichermaßen gerechter wie gestrenger Trainer, alle nannten ihn nur bei seinem Spitznamen, nämlich „Knacker“.

Im normalen Leben war er Arbeiter am Städtischen Bauhof und fuhr einen Magirus Rundhauber spazieren. Das quasi aber nur aus Versehen. Für uns Kinder war er der Trainer, verheiratet mit einem großen Netz, in dem er die Fußbälle zum Training auf den Platz trug, und ansonsten in der Hierarchie gleich unterhalb von Gottvater himself aufgestellt.

Freilich hatten wir auch noch andere Väter, sogenannte leibliche, aber die spielten keine Rolle mehr, zumindest für die Zeitspanne, während der wir auf dem Fußballplatz herumliefen. Das war ja gerade das Kerker- und Kettensprengende dieser kindlichen Fußballwelt: In ihr hatten keine Eltern und keine Lehrer auch nur das Geringste zu sagen. Sie tauchten auch niemals am Spielfeldrand auf wie heutige Helikoptereltern. Sie waren froh, uns aus dem Haus und den Augen zu haben, das war alles. Am Fußballplatz trafen sich nur die, die besessen waren von diesem Spiel. Und mit diesen Erfahrungen und diesen Prägungen schaue ich nun auf die kommenden Wochen. Und wissen Sie was? Ich hab kein gutes Gefühl, gar kein gutes.

Der Fußball ist nämlich längst in die Klauen von Menschen geraten, die in ihrem Leben noch kein einziges Mal mit irgendeiner Art von Rot-Weiß Seebach in Kontakt geraten sind. Sie waren auch in keinem Meisterwasental, sind aber trotzdem im monetären Fellabziehen unschlagbare Profis. Das, was man hört über die Abzocke beim diesjährigen Edelkickertreffen in Amerika, Mexiko und Kanada, ist von einer solch gigantischen Gier zerfressen, dass man schier abfallen möchte vom Glauben an die allein selig machenden 90 Minuten, plus Nachspielzeit, plus Verlängerung und Elfmeterschießen, die es in der Lebenszeit von unsereinem überhaupt gibt.

Gianni Infantino und sein orangefarbener Buddy aus dem Weißen Haus sind, wenn auch nur ein Bruchteil gelingt von dem, was sie sich in ihren Allmachtsfantasien ausgedacht haben, die wahren Religionsvernichter. Bei ihnen heißt es ähnlich wie bei Nietzsche zwar nicht „Gott ist tot“, sondern – viel schlimmer – „Fußball ist tot“. Aber auch hier sollte der Satz weiter zitiert werden: „Und wir haben ihn getötet. Wie haben wir das gemacht?“ Indem wir nachts um 3 Uhr aufgestanden sind und diesem Fifa-Wahnsinn zugeschaut haben. Aber wahrscheinlich komme ich mit dieser Erkenntnis wie schon Nietzsches „toller Mensch“ einfach zu früh.
 

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