Unser Bayern

15.01.2026

Unser noch unerforschtes Bayern: Mit dem Latein am Ende

Weitgehend unbeachtet blieb die Meldung, was gerade mit der lateinischen Sprache passiert. Zu ihrer Verteidigung erinnert Bernhard Setzwein unter anderem an Franz Josef Strauß.

Wir stehen am Beginn eines neuen Jahres und eigentlich sollte jetzt der Blick nach vorne gehen. Ich weiß schon, von wegen guter Vorsätze und so. Außerdem hat der Blick zurück noch selten etwas gebracht. Vergossene Milch kehrt nicht in den Krug zurück. Oder wie der Lateiner sagt: Lac effusum in urceum non redit. Aber sagt der Lateiner überhaupt so? Und vor allem in Zukunft noch? Weil – und da muss eben jetzt doch der Blick noch einmal zurückgehen: 2025 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem ganz wesentliche Dinge aufhörten zu sein, liebe Gewohnheiten verschwanden und auch dem Allerletzten bewusst werden hätte können, dass die alte Welt am Bröckeln ist und verschwinden wird.

Ich greife völlig wahllos in das Meer der Beispiele: 2025 wurde in der Oberpfälzer Kreisstadt Cham beschlossen, dass es keine zwei Volksfeste pro Jahr mehr geben wird. Sondern nur mehr eines. Grund? Die Leute saufen immer weniger. Wie vielen Brauereien hat das 2025 das Leben gekostet? Auch meiner geliebten Genossenschaftsbrauerei in Rötz. Bestes Bier von Welt! Jetzt insolvent. Es gilt eben kein nunc est bibendum mehr, was einmal ein nicht nur alter Burschenschaftlerspruch war. „Nun muss getrunken werden!“ Wer hält sich noch an diese die Traditionen erhaltende Aufforderung? Schlimmer noch, bald wird es niemanden mehr geben, der das überhaupt noch übersetzen kann. Denn: Auch die lateinische Sprache wird verschwinden.

Man muss dieser traurigen Wahrheit ins Auge schauen, jetzt, wo die letzte Bastion gefallen ist: der Vatikan. Auch das eine Meldung des vergangenen Jahres, freilich eine weitgehend unbeachtete. Unser noch relativ neuer Papst Leo XIV. hat im November in einem Erlass bekannt gegeben, dass Latein nicht mehr länger die erste verbindliche Amtssprache des Kirchenstaats sein soll. Bekanntmachungen des Vatikans können nun auch in anderen Spra-chen veröffentlicht werden, warum nicht auch auf Amerikanisch. Anything goes! Man weiß nicht, was für eine Überlegung dahintersteckt. Man weiß nur, dass der Amtskirche die Schäfchen in Scharen davonrennen. Vielleicht ist also auch diese Verzweiflungstat lediglich ein hoffnungsloser Versuch, dem Zeitgeist gerecht zu werden. Man will dem modernen Menschen gefallen. Welch ein Unfug! Führt in die Lächerlichkeit und ins Desaster. Hat schon der Franz Josef Strauß gewusst. Wie oft hat er uns in seinen Bierzeltreden diesen Merksatz, den sich offenbar doch keiner gemerkt hat, entgegen-geschleudert: Omnium carus omnium stultus est! 

Strauß – ein zweiter Cicero

Gut, ich geb zu, so hat er es nicht gesagt. Ich hab etwas geflunkert. Er hat gesagt: „Everybody’s darling is everybody’s Depp!“ Aber er hätte es auch anders sagen können, eben auf Lateinisch. Denn der Strauß war noch – als Einserschüler und Stipendiat des Maximilianeums – ein echter Lateiner. Wie hat der mit den Fügungen und Sentenzen als ein zweiter Cicero nur so um sich geschmissen, während Parlamentsdebatten und Bierzeltreden. Uns scheppert heute noch sein Pacta sunt servanda in den Ohren. Überhaupt diese Latinität unserer einstigen CSU-Granden – Senatoren sollte man wohl besser sagen. Die benahmen sich ja alle ständig, als stünden sie nirgendwo anders als auf dem Forum Romanum. Der ehemalige Kultusminister Hans Maier etwa hielt bei den „Ludi Latini“ 1986 auf dem Freisinger Domberg nicht nur eine klassikerreife Rede in reinstem Latein, er beantwortete sogar Interviewfragen der plebejischen Presse aus dem Stegreif ausnahmslos in der alten Sprache der Römer. Die Ludi Latini waren von dem Münchner Altphilologen Wilfried Stroh ins Leben gerufen worden und ein letztes Jubelfest der klassischen lateinischen Bildung.

Der letzte Nagel im Sargdeckel

Damit ist jetzt Schluss. Papst und Vatikan haben wohl – wissend oder nicht – mit dem letzten Nagel den Sargdeckel über der verblichenen lateinischen Sprache festgeklopft. Wiederauferstehung höchst zweifelhaft. Wer sollte sich dieses Wunders annehmen? Das müssten ja irgendwelche verschrobenen Leutchen sein, die sich in irgendwelchen schummrigen Katakomben und Felsenkellern heimlich versammeln, um sich uralte, schon zerfallende Lateingrammatiken und Wörterbücher gegenseitig unter die Nase zu halten. Den guten, alten Kleinen Stowasser, den wir als Schüler ungerechterweise immer so gehasst hatten. Requiescat in pace!
 

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