Unser Bayern

Morgenstimmung an einem der Teiche bei Neustadt an der Aisch – eine Landschaft, die jenen in der Mark Brandenburg ähnelt, die Fontane so begeistert beschrieb. (Foto: SZPHOTO)

13.09.2019

Wege zur eigenen Glückseligkeit

Fortsetzung der Wanderungen Theodor Fontanes durch die Mark Brandenburg in Franken

Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen. Das hab’ ich an mir selber erfahren und die ersten Anregungen zu diesen ,Wanderungen durch die Mark‘ sind mir auf Streifereien in der Fremde gekommen.“ So beginnt Theodor Fontanes Vorwort zu seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg, die ein Teil seiner großartigen Weltliteratur werden sollten. Die bedeutendsten Romane in deutscher Sprache wurden von ihnen inspiriert. Vor allem Der Stechlin und Effi Briest – eine der herausragenden Frauengestalten der Literaturgeschichte – gehen unter anderem auf seine Wanderimpressionen zurück.

Was macht den Reiz seiner „Wanderungen“ heute noch aus? Während die Romane Fontanes doch sehr von den modernen „Irrungen und Wirrungen“ (ebenfalls ein Fontane-Roman) des Menschen und seinem oft tragischen Scheitern auf der Suche nach sich selbst geprägt sind, liegt über den Wanderungen immer wieder die ruhigere Ausstrahlung des Ankommens und einer mild beurteilten Vergangenheit.

Aus jeder Zeile spricht die Liebe des 1819 geborenen Dichters zu seiner märkischen Heimat, gerade wenn er manchmal preußisch-knapp feststellt: „Alles still hier“. Andere Reisebeschreibungen des Schriftstellers und Journalisten, etwa durch „die Fremde“ Englands und Schottlands, erscheinen nicht von der gleichen Zuneigung durchwärmt, wie er sie für seine unmittelbare Heimat – er wurde in Neuruppin geboren – empfindet.

Da er sich mit der Mark Brandenburg so verbunden fühlte, hätte er seine Wanderungen eigentlich mit weiteren „Streifereien“ fortsetzen können – in den Herkunftsländern der Markgrafen von Brandenburg nämlich, die in Franken liegen, genauer in der zu Zeiten des Alten Reiches so genannten Mark Brandenburg-Ansbach und der Mark Brandenburg-Bayreuth. Fontane bereiste diese Gebiete sogar in Teilen, machte sich Notizen und schrieb Briefe von dort. Aber ein solch wunderbares Gemisch aus Plaudereien, Erzählungen, Exkursen, Causerien oder Schilderungen, wie sie seine nördlichen Brandenburger Wanderungen ausmachen, entstand hier nicht.

Großes im Kleinen

Dabei hätten die fränkischbrandenburgischen Markgrafschaften durchaus Fontanes Ansatz entsprochen: Er suchte mit Vorliebe jenseits der Berliner Residenzhauptstadt an kleinen, scheinbar unbedeutenden Orten nach den ganz großen Zusammenhängen mit der Geschichte. Ähnlich verfuhr er in der Fremde. In Schottland etwa fand er den einsamen See, über den Maria Stuart einst floh und fragte sich: „So schön dies Bild war, das der Levensee mit seiner Insel und seinem Douglasschloß vor dir entrollte, war jener Tag minder schön, als du im Flachboot über den Rheinsberger See fuhrst, die Schöpfungen und die Erinnerungen einer großen Zeit um dich her?“

An Schlössern mit Seen und dazugehöriger großer Geschichte mangelt es bekanntlich weder Franken noch Bayern insgesamt, man denke nur an Mespelbrunn im Norden oder Neuschwanstein im Süden. Auch von bedeutenden Frauengestalten an abgelegeneren Orten ist zu erzählen. Direkt über einer Quelle erhebt sich beispielsweise in Heilsbronn südwestlich von Nürnberg, wo sich Fontane einmal kurz aufgehalten hat, der steinerne Sarkophag einer echten Prinzessin: Anna von Sachsen. Durch ihre wohl politisch arrangierte Heirat 1458 wurde sie später Kurfürstin von Brandenburg – ein nicht unbedeutender Rang in Geschichte und Gesellschaft also. Noch bedeutendere Frauen und Männer werden hinzukommen, wenn man die fränkischen Markgrafschaften bereist oder auf Fontanes Spuren wandelt.

Wie kam es zu der Verbindung zwischen der fränkischen Mark Brandenburg und derjenigen um Berlin, der Heimat Fontanes? Dazu muss man sich vergegenwärtigen, dass das Geschlecht der Zollern, das in und um Nürnberg ansässig geworden war, 1417 mit der Kurwürde der Mark Brandenburg, also Fontanes „Mark“, belehnt wurde. Von da an nannten sich auch die fränkischen Zollern Markgrafen von Brandenburg mit entsprechendem Zusatz, also Ansbach oder Bayreuth. Ihre Besitztümer waren später allerdings meist aufgeteilt, etwa in die Markgrafschaften Brandenburg-Ansbach oder Brandenburg-Bayreuth, auch Kulmbach wurde zwischenzeitlich im Namen geführt.

Albrecht, der Gemahl der erwähnten Kurfürstin Anna, regierte aber in Personalunion die fränkische und die kurfürstliche Mark Brandenburg, und zwar von Franken aus. Allgemein kann man also sagen, Berlin und Umgebung wurden im Spätmittelalter einige Jahre lang von den Brandenburgern in Cadolzburg beziehungweise Ansbach regiert. Nach Albrechts Tod 1486 beherrschten verschiedene Brandenburger Markgrafen beziehungsweise Kurfürsten aus dem Geschlecht der Zollern jeweils ihre Gebiete, sie nannten diese aber weiterhin Mark Brandenburg.

Die erwähnte Quelle unter dem Grabmal Annas entspringt im Münster von Heilsbronn, mitten in der fränkischen Mark Brandenburg, aber ein wenig abseits vom nordöstlich gelegenen Nürnberg. Die Symbolik eines Grabmals mit Quelle darunter kann kunstsinnige Menschen zu den umfassendsten Inspirationen anregen. Sie müssen nur das Münster in Heilsbronn betreten und werden zuerst von einer ihm innewohnenden klösterlichmeditativen Stille umfangen. Im Mittelschiff können sie leicht jenes zentrale Hochgrab finden, neben dem auf beiden Seiten Treppen hinabführen. Darunter, genau in der Mitte, sprudelt das Quellwasser – in solch geschichtsträchtiger Umgebung ein Quell der Weisheit und der „Erinnerungen einer großen Zeit um uns her“, wie Fontane sagte. Prinzessin Anna hat auf diese Weise am Ende ihres Lebens zu einem Anfang höherer Art gefunden. Vielleicht symbolisieren die beiden Treppen die Linien der Brandenburger, die sich zum Ursprung, dem Geschlecht der Zollern, vereinigen.

Fränkisches in Brandenburg

Da Albrecht von Brandenburg – wegen seiner militärischen Erfolge auch Albrecht Achilles genannt – in der nördlichen Mark Brandenburg fränkische Gefolgsleute eingesetzt hatte, blieben die fränkischen Spuren dort noch lange erhalten. Theodor Fontane erwähnt Albrecht Achilles in seinen Wanderungen häufig, seine Informationen bezog er nach eigenen Angaben aus dem Aufsatz eines Baron von Aufseß, Herr über ein kleines Gebiet nur wenige Kilometer westlich der Markgrafschaft Brandenburg- Bayreuth.

Albrecht Achilles wurde ebenfalls in der Klosterkirche von Heilsbronn, die viele weitere Grabmäler und großartige Kunstschätze aufbewahrt, beigesetzt. Das Kloster hatte 1132 Bischof Otto von Bamberg (1189 heiliggesprochen) als Zisterzienser- Abtei nahe an Gewässern, wie immer bei diesem Orden, gegründet. Es war eine Abzweigung des Klosters Ebrach im fränkischen Steigerwald, dem ersten rechtsrheinischen Zisterzienserkloster überhaupt. Die Zisterzienser-Bewegung spielt auch für die nördliche Mark Brandenburg eine bedeutende Rolle, so dass Heilsbronn bei Fontane Erwähnung findet. Allerdings ist das bei ihm ausführlich behandelte Zisterzienserkloster Chorin – im Gegensatz zu Ebrach und Heilsbronn – nur noch Ruine, aber weiterhin eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der nördlichen Mark Brandenburg. Bezüglich der Geschichte des Ordenswesens finden sich also ebenfalls erstaunliche Parallelen zwischen den brandenburgischen Ländern, und Reisende aus Nordbayern, die Kloster Chorin besuchen, erfahren in dieser „Fremde“, wenn man so will, was sie an ihrer Heimat in Ebrach oder Heilsbronn haben.

In Schottland beschrieb Fontane die Ruine des Zisterzienserklosters Melrose Abbey als eine der schönsten, die er je kennengelernt habe. Die malerische Kirchenruine von Aura bei Bad Kissingen in Unterfranken hat Fontane wohl nicht besucht, obwohl er sich um 1890 mehrmals in dem berühmten Kurort aufgehalten hat. Der große Preuße schritt nachdenklich über den Kissinger Kapellenfriedhof, auf dem 1866 die blutige Schlacht zwischen preußischen und bayerischen Truppen während des Deutschen Krieges stattgefunden hatte. Wie Melrose Abbey besteht Aura aus rotgrauem Sandstein und wurde sogar vom Berliner Maler Adolph von Menzel, einem Zeitgenossen Fontanes, auf einem Bild dargestellt. Menzels Kunst kann wohl nicht hoch genug eingeschätzt werden, darf er doch als Markstein in der Kunstgeschichte zwischen William Turner und Max Liebermann, der 1884 in Bad Kissingen weilte, gelten. Menzels Bilder aus dem Bad Kissinger Kurpark sind Operetten des Lichts, geschmückt mit besonders liebevollen Frauenstudien. Sein Gemälde Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci versinnbildlicht auf klassische Weise die große Zeit Preußens, auf die Fontane so gern anspielt. Eine weitere große Frauengestalt, die Lieblingsschwester Friedrichs des Großen, Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, wurde auf dem Gemälde verewigt.

Die Erwähnung der Markgräfin führt zurück in die fränkischen Markgrafschaften, deren Herrscher sich aus Familienstolz mit dem Namenszusatz Brandenburg versahen ... (Andreas Reuß)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in der Ausgabe September/Oktober von UNSER BAYERN (BSZ Nr. 37 vom 13. September 2019)

 

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Kommentare (2)

  1. (St)Effi am 22.09.2019
    Korrektur: Es sollte natürlich “lebenslustigen Markgrafen“ heißen, in Anklang an die letzten Sätze des Artikels in der Gesamtfassung.
  2. (St)Effi am 22.09.2019
    Ich würde auch gerne einen lebenslustigen fränkischen Markgrafschafen heiraten! Anfragen willkommen :-)

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