Wirtschaft

Michael Kelbel sieht keine Fortschritte in Richtung faire Krankenhausfinanzierung. (Foto: Krankenhaus Agatharied GmbH)

25.12.2020

"Am Limit"

Ein Einblick in die Herausforderungen durch Corona an das Krankenhaus Agatharied

Die zweite Corona-Welle fordert die Krankenhäuser. Wir sprachen mit Michael Kelbel, dem Geschäftsführer der Krankenhaus Agatharied GmbH und Mitglied des Hauptausschusses der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, über die Situation in seiner Klinik und über Finanzierungsfragen im Gesundheitswesen.

BSZ: Herr Kelbel, wie ist die Lage derzeit im Krankenhaus Agatharied?
Kelbel: Wir sind ziemlich am Limit, kapazitätsmäßig und psychisch.

BSZ: Das heißt konkret?
Kelbel: Wir leben von der Hand in den Mund. Wird ein Intensivbett frei, können wir es wieder belegen. Jeden Tag am Limit. Das zeigen die veröffentlichten Zahlen leider nicht. Die geben ja nur eine Momentaufnahme wieder. Wir verschieben Operationen, die man aus medizinischer Sicht verschieben kann. Auf diese Weise können wir sicherstellen, dass die Patienten, die dringend versorgt werden müssen, auch versorgt werden können und ein wenig die Personalengpässe abfedern.

BSZ: Sind so viele infiziert?
Kelbel: Nein. Zum Glück haben wir derzeit nur 18 Mitarbeiter von über 1000 Mitarbeitern in Quarantäne. Aber es wird schon eng beim Aufstellen der Dienstpläne.

BSZ: Hilft es denn, Patienten in andere Einrichtungen zu verlegen, um Platz für Covid-19-Patienten zu bekommen?
Kelbel: Auch nur teilweise. Wenn jemand wegen eines Bauchspeicheldrüsenkarzinoms operiert wurde, muss dieser Patient intensiv nachbetreut werden. Das kann man nicht in einer Reha-Einrichtung machen.

BSZ: Wie schützen Sie Ärzte, Patienten und Besucher?
Kelbel: Wir haben ein sehr ausgefeiltes Sicherheitskonzept. Wir testen jeden Patienten und entscheiden dann, ob er in den roten oder in den grünen Bereich kommt. In den roten Stationen, also dort, wo Covid-Patienten und solche Patienten liegen, von denen wir noch nicht wissen, ob sie infiziert sind oder nicht, arbeiten unsere Mitarbeiter in sogenanntem Vollschutz. Das ist anstrengend, aber notwendig. Außerdem haben wir aus den Vier-Bett-Zimmern Zwei-Bett-Zimmer gemacht. Also zwei Betten werden nicht belegt. Das reduziert aber insgesamt unsere Kapazität. Wie auch die Aufnahmestopps, die wir für grüne Stationen immer dann verhängen, wenn dort doch eine Corona-Infektion aufgetreten ist.

Kontakte reduzieren

BSZ: Und wie sieht es mit dem Personal und den Besuchern aus?
Kelbel: Unser Personal ist beim Kontakt mit den Patienten durch die persönliche Schutzausrüstung geschützt. Und darüber hinaus versuchen wir, die sonstigen Kontakte auf das notwendige Minimum zu beschränken. Wer im Home-Office arbeiten kann, tut das. Größere Besprechungen finden überwiegend via Videokonferenz statt. Die Sitzplätze im Restaurant oder in den Aufenthaltsräumen sind begrenzt und es gibt auch sonst noch eine Vielzahl von Regelungen und Maßnahmen, um unsere Mitarbeiter zu schützen. Bis hin zu unserer recht restriktiven Besuchsregelung.

BSZ: Reicht das?
Kelbel: Das Virus ist ja salopp gesagt hundsgemein. Es kann sich am Anfang gut verstecken. Somit ist ein Test immer nur eine Momentaufnahme. Nach einer Stunde könnte eine Person plötzlich positiv sein, obwohl sie vorher negativ getestet wurde. Um eine 100-prozentige Sicherheit zu haben, müssten wir quasi kontinuierlich testen. Aber das ist völlig utopisch. Dazu kommt, dass die Infektion in vielen Fällen auch ohne Symptome ablaufen kann. Deshalb spricht ja das RKI auch von einer um den Faktor 4 bis 6 höheren Dunkelziffer.

BSZ: Also ist der jetzige zweite Lockdown gerechtfertigt?
Kelbel: Ja sicher. Die Politik hätte nur viel früher so konsequent handeln müssen. Die Infektionszahlen sind viel zu hoch. Sie machen den Krankenhäusern heute schon große Probleme. Aber wegen des Nachlaufeffekts werden sie in den kommenden 14 Tagen weiter steigen. Den Mitarbeitern in den Krankenhäusern steht alles andere als eine stade Zeit ins Haus. Und leider kann ich bis heute nicht erkennen, wie die Politik eine dritte und vierte Welle verhindern will. Es fehlt eine Strategie für den Umgang mit dem Virus. Was soll denn nach dem 10. Januar anders sein als im Oktober und November?

Klare Strategie nötig

BSZ: Was schlagen Sie vor?
Kelbel: Wir brauchen eine klare Strategie, wie eine Normalität mit dem Virus aussehen soll. Wir dürfen nicht von einer Welle in die nächste und von einem Lockdown in den nächsten fallen. Ich frage mich, wieso einige ostasiatische Länder die Infektionszahlen offensichtlich besser im Griff haben. Reagieren diese Länder nur schneller, oder können sie mit ihren Warn-Apps ihre Bevölkerung wesentlich effektiver schützen, weil sie nicht so viele datenschutzrechtliche Vorbehalte haben wie wir?

BSZ: Ab Jahresende soll ja geimpft werden. Bringt das die Trendwende?
Kelbel: Das wird sicher nicht so schnell zu einer Herdenimmunität führen wie wir das bräuchten, um den Trend umzukehren. Wir werden wohl das ganze Jahr 2021 mit Impfen zubringen.

BSZ: Also ein dritter Lockdown?
Kelbel: Ja, ich rechne damit im März oder April.

BSZ: Und wie sieht es mit der Impfbereitschaft aus? Das ist ja ein sehr schnell entwickelter neuer Impfstoff, über den man nicht viel weiß.
Kelbel: Das ist genau das Problem. Es deutet Vieles darauf hin, dass er gut und sicher ist. Aber wer weiß das? Ich würde mir wünschen, dass der Staat hier viel mehr für die Aufklärung täte. Ich vermisse eine große Informationskampagne, in der die positiven wie die negativen Argumente dargelegt werden. Ich habe den Eindruck, dass die Politik die Deutungshoheit aus der Hand gegeben hat.

Der Staat unterstützt

BSZ: Wie sieht es denn finanziell für die Kliniken aus? Wegen Corona ist ja ein enormer Zusatzaufwand nötig.
Kelbel: Der Staat unterstützt uns. Das klappt im Moment relativ gut. Ob das aber auch dann noch gilt, wenn das Geld knapp wird, bleibt abzuwarten. Aber ich darf daran erinnern, dass die Krankenhäuser schon vor Corona ein massives Finanzierungsproblem hatten. Daran hat sich nichts geändert. Doch dieses Thema wird wohl frühestens in der neuen Legislaturperiode nach der Bundestagswahl im Herbst 2021 angegangen.

BSZ: Wird es dann besser?
Kelbel: Das glaube ich nicht. Denn unter dem Deckmantel, die ersten Lehren aus der Corona-Krise zu ziehen, werden die alten Forderungen nach Spezialisierung und Zentralisierung wieder laut – und damit nach einer neuen Rollenverteilung unter den Krankenhäusern.  Immer noch werden die falschen Schlüsse aus richtigen Daten gezogen und Deutschland 1:1 mit Dänemark verglichen. Die Folge wird ein dramatisches Ausbluten der ländlichen Regionen sein. Und auch bei der Novellierung der Notfallversorgung sieht es nur nach faulen Kompromissen aus. Deshalb erwarte ich auch in absehbarer Zeit keinen Fortschritt für eine faire Finanzierung der Krankenhäuser.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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