Wirtschaft

Die Automatisierung macht immer mehr Jobs überflüssig. (Foto: dpa)

14.02.2018

Arbeit und Zukunft 4.0 ohne Arbeiter

Eine Diskussion zur Zukunft der Arbeitswelt in Nürnberg

„Es wird noch weitere geben.“ Nürnbergs Kulturreferentin Julia Lehner (CSU) verwies bei der Frage „Wo sind hier die Arbeiter vertreten?“ auf kommende Veranstaltungen im Vorfeld der Nürnberger Kulturhauptstadt-Bewerbung für das Jahr 2025. Die erste zu „Arbeiten 4.0 und der Wandel unserer Arbeitswelt“ blickte allein aus der Sicht von Wissenschaft und Wirtschaftsführern auf das Thema. Arbeitnehmer diskutierten nicht mit.

Am Tag als der GroKo-Vertrag kam, lang ersehnt, traf es sich gut, dass in der Nürnberger Akademie Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie BDI, Prof. Kathrin M. Möslein, Forschungs-Vizepräsidentin der Universität Erlangen-Nürnberg FAU und Dirk von Vopelius, Präsident der Industrie und Handelskammer IHK Nürnberg für Mittelfranken aufeinander trafen.

Eigentlich sollte es ein „Podiumsgespräch über den Wandel unserer Arbeitswelt“ werden. Doch klar, der Moderator, der in New York lebende Nürnberger Journalist Felix Zeltner, nützte die Gelegenheit: Er fragte zuerst nach dem Befindlichkeiten zum eben in Berlin verkündeten Koalitions-Vertragsentwurf.

"Das erfreut nicht mein Herz", sagt der BDI-Chef


„Der erfreut nicht mein Herz“, gab BDI-Chef Kempf unumwunden zu. Alleine sein früherer Arbeitgeber, die DATEV Nürnberg, werde beispielsweise durch die Wiedereinführung der paritätisch bezahlten Krankenversicherung jährlich mit 2,3 Mio. Euro belastet, rechnete er vor. Aber wirklich „schwierige Entscheidungen trifft unsere repräsentative Demokratie eh nicht. Dabei hat Deutschland das größte Parlament nach China“, betrieb er Pauschalkritik am Bundestag.

Professorin Möslein dagegen ist „gar nicht so traurig über den Koalitionsvertrag, da steht eine ganze Menge Forschung drin.“ Außerdem sei „gut, dass die Zukunft der Arbeit jetzt wieder positiv diskutiert wird.“

IHK-Präsident von Vopelius wiederum merkte augenzwinkernd an: „In der regierungslosen Zeit hatten wir absolute Hochkonjunktur. Was kann man daraus schließen?“

Dass die Digitalisierung gerade in Deutschland schneller vorangeht als sonstwo in der Welt, da waren sich die Drei völlig einig. Genauso, dass es falsch wäre, die Umstellung von Analog auf Digital nicht mitzumachen: „Dann verlieren wir alle Arbeitsplätze, zum Beispiel nach Indien. Aber wenn wir das Richtige tun, werden viele eigentlich überflüssige Tätigkeiten wegfallen. Für diese Menschen müssen wir uns clevere Dinge überlegen“, meinte Dieter Kempf.

Was aber genau „clever“ ist, darüber schieden sich die Geister. Für Kempf jedenfalls ist das „nicht das Bedingungslose Grundeinkommen“ (BGE). Das sahen Möslein und Vopelius anders, wenn auch nicht in dieser Pauschalität. Der IHK-Präsident zum Beispiel sprach das Thema Landwirtschaft an als einen Sektor, in dem ein Grundeinkommen gut die jetzigen Subventionen ersetzen könnte. Oder: „Wenn 60 Prozent des Geldes im Jobcenter für die Verwaltung draufgeht: Warum den Betroffenen nicht gleich BGE geben? Denn die Umverteilungsmaschinerie verursacht immer mehr Verwaltungskosten.“ Jedoch sollte man „BGE nicht im Zusammenhang mit der Veränderung der Arbeitswelt sehen“, schränkte Vopelius ein. So tut es gerade der hiesige Haupt-Protegierer und DM-Markt-Gründer Götz Werner.

 

"Aus wissenschaftlicher Sicht ganz spannend"

Professorin Moeslein wiederum findet BGE „aus wissenschaftlicher Sicht ganz spannend. Viele Mitmachmöglichkeiten funktionieren nur, wenn man Zeit hat. Wenn man ein BGE hat, kann man vieles Ehrenamtliche tun.“ Doch für Dieter Kempf zählt das offenbar nicht: „Es stimmt, wir haben den Sozialaufwand für 1000 Euro pro Person. Aber darin sind Rente und Krankheitskosten enthalten. Stellen Sie sich vor, ein Krebskranker muss seine Behandlung, ein Rentner muss seine neue Hüfte vom BGE bezahlen“, begründete er seine Ablehnung. Nur bei der Landwirtschaft gab er zu: Hier könnte BGE funktionieren.

Auf die Frage, was die Menschen tun sollten, wenn die Arbeit auf „4.0“ umgestellt, also großteils von Robotern erledigt wird, hatten alle drei Diskutanten keine klare Antwort. Nur so viel steht für Dieter Kempf fest: „Dass 3,8 Mio. in der IT-Branche ihren Job verlieren, ist einfach Unsinn.“ Hier hätten Medien eine Studie auf der Branchenverbands-Webseite schlichtweg falsch interpretiert. Ein solcher Wegfall passiere „nur, wenn Unternehmen sich nicht fortentwickeln“, sprang ihm Kathrin Möslein zur Seite.

Vorbild Estland


Fortentwickeln, das müsse im Übrigen auch in der Verwaltung passieren. Dieter Kempf führte hier Estland an, wo man dank „E-Identity“ innerhalb weniger Stunden eine Firma gründen könne. Solch Grundvertrauen in die Digitalisierung gebe es in Deutschland nicht, gab Vopelius zu. „Vielleicht wollen wir überperfekt sein? Oft tun wir so, als wären wir der Nabel der Welt“, würden also nur das akzeptieren, was auch hier entwickelt worden sei, gab er zu bedenken.

Und schon war man wieder bei der Politik angekommen. „Die muss sich einfach mehr trauen. Wir haben den elektronischen Personalausweis mit viel Ballihoo eingeführt. Aber dass man ihm die E-Identity-Funktion grundsätzlich mitgegeben hätte, dazu war man zu feige“, kritisierte Dieter Kempf die Regierenden.

Wohl, weil die Menschen neuen Entwicklungen oft kritisch gegenüberstehen, geht die politische Führung meist den vermeintlich leichteren Weg, statt die Bevölkerung vernünftig über die Chancen und Risiken aufzuklären. Das ist auch bei der Arbeit 4.0 bislang nicht passiert. Doch wie das gehen könnte, dafür hatte die Veranstaltung keine endgültige Antwort parat. Nur die Franken hätten es gut, meinte Professorin Möslein: Im offenen Zukunftslabor „Josephs“, unter anderem von ihrer Uni und der Fraunhofer-Gesellschaft betrieben, könnten solche Themen von allen diskutiert werden.  (Heinz Wraneschitz)

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