Bayerns Arbeits- und Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) hat vor Kurzem einen Scheck in Höhe von knapp 2,4 Millionen Euro an die Boxdorfer Werkstatt in Nürnberg übergeben. Die über 50 Jahre alten Räume müssen dringend modernisiert werden.
„Im Sommer ist es sehr heiß und im Winter relativ kalt“, sagt Geschäftsführer Thomas Wedel der Staatszeitung. Zudem regne es teils durch das Dach. Die Boxdorfer Werkstatt bietet 165 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung.
Für die Modernisierung der Räume veranschlagen Wedel und sein Co-Geschäftsführer Michael Förtsch rund drei Jahre. In dieser Zeit wird nicht nur eine Wärmedämmung eingebaut, das Dach saniert und ein Starkregenschutz installiert, sondern auch ein Bestandsbau auf den neuesten Stand gebracht. „In diesem Gebäudeteil werden dann auch Schulungen stattfinden, die die Menschen mit Behinderung brauchen, um bei uns gut zurechtzukommen und sich auch auf dem ersten Arbeitsmarkt erproben zu können“, erklärt Förtsch.
An Ausschreibungen teilnehmen
Während die meisten Werkstätten Menschen mit einer geistigen Behinderung einen Werkstattplatz bieten, ist man in Boxdorf auf Menschen mit körperlicher Behinderung spezialisiert. „Hier bei uns haben diese Menschen die Möglichkeit, sich auszuprobieren. Was kann ich noch, oder auch wieder Lernen steht bei uns im Fokus. Denn rund 25 Prozent dieser Menschen haben eine körperliche Behinderung durch einen Autounfall, einen Schlaganfall oder auch infolge eines Zeckenbisses“, erläutert Wedel.
Konfektioniert werden in der Werkstatt unter anderem spezielle Mischdüsen für Zwei-Komponenten-Kleber oder Schläuche für Heizungen. „Aber auch die Digitalisierung von Tonbändern, Kassetten oder gedruckten Dokumenten bis zu Bauplänen im DIN A0 Format gehören zu den Aufgaben, die unsere Beschäftigten erledigen“, sagt Förtsch. So ist zum Beispiel die Otto Haas KG aus Nürnberg seit über 50 Jahren Kunde der Boxdorfer Werkstatt. Der Spezialist für Sanitärtechnik lässt regional in Boxdorf Schläuche fertigen. „Das sind oft spezielle Schläuche, für die es sich wirtschaftlich aufgrund der Stückzahl nicht rechnet, sie automatisiert herstellen zu lassen“, erläutert Wedel. Denn eine Fertigungsstraße sei ein riesiges Investment, das genau kalkuliert werden muss. „Standardprodukte lassen sich so kostengünstig fertigen, aber keine Spezialprodukte. Die machen wir“, betont Wedel.
Das funktioniert hervorragend, denn die Menschen mit körperlicher Behinderung würden beste Qualität liefern. „Da muss alles stimmen. Wir können keine Schläuche mit Löchern ausliefern“, so Wedel.
Große Unternehmen bestellen Büromaterial
Neben der Schlauchherstellung ist die Kommissionierung auch ein großer Teil der Arbeit in der Boxdorfer Werkstatt. Große Unternehmen wie etwa Siemens bestellen Büromaterialien. Diese würden nach Boxdorf geliefert und anschließend von den Menschen in der Werkstatt zusammengestellt, damit sie dann beim jeweiligen Besteller ankommen – spätestens nach 48 Stunden. Damit spart sich der Auftraggeber eine gigantische Lagerhaltung und seine Mitarbeiter erhalten die individuell benötigten Waren wie Stifte, Büroklammern, Druckerpapier oder auch Kaffee und Spülmittel.
Die Aufträge erhält die Boxdorfer Werkstatt zum Teil über Ausschreibungen von Unternehmen oder der öffentlichen Hand. „Letztlich zählt wie überall der Preis“, unterstreicht Förtsch. Somit konkurrieren die Werkstätten wie jedes andere Unternehmen auch um Aufträge. Allerdings seien viele Firmen, die im Ausland wegen der dort niedrigeren Arbeitskosten fertigen ließen, froh, dass sie in der Boxdorfer Werkstatt ihre Sonderaufträge bearbeiten lassen können. Denn die Produktqualität in China oder Osteuropa sei eben oftmals nicht zufriedenstellend und die Wege weit. Zum Kundenkreis der Boxdorfer Werkstatt gehört auch die in Nürnberg beheimatete Feser-Graf Gruppe. Das über 2700 Beschäftigte zählende Automobilhandelsunternehmen betreibt über 60 Autohäuser und zwei Motorradbetriebe an insgesamt über 70 Standorten in der Metropolregion Nürnberg und in Sachsen-Anhalt. Auch die Hellma Gastronomie-Service GmbH aus Nürnberg, der Sportartikelhersteller Uvex aus Fürth, das Möbelhaus Ikea, das Stadtarchiv Nürnberg, die VR Bank Nürnberg, die Stadtentwässerung und Umweltanalytik Nürnberg oder das Nürnberger Beratungsunternehmen Rödl & Partner gehören zu den Kunden der Boxdorfer Werkstatt.
Alles im Wettbewerb erwirtschaften
Mit den erwirtschafteten Erlösen müssen dann alle produktionsbedingten Kosten der Boxdorfer Werkstatt gedeckt werden, zum Teil auch die Modernisierung der Räume. Denn die Gesamtsumme der Maßnahme in fünf Bauabschnitten beträgt rund 3,5 Millionen Euro. Der Bezirk Mittelfranken steuert noch 5 Prozent der Investitionssumme bei. Aber auch die Werkstatt selbst muss einen Anteil in Höhe von rund einer Million Euro stemmen.
Weil alles im Wettbewerb erwirtschaftet werden muss, ärgert es Förtsch und Wedel auch, wenn in der Öffentlichkeit immer das Bild gezeichnet wird, die Werkstätten würden zu Dumpinglöhnen anbieten. „Klar können wir keinen Mindestlohn zahlen. Dann könnten wir keine Werkstattplätze mehr bieten. Wir kalkulieren Aufträge, indem wir die Zeitaufnahme oder Stückzahl mit Menschen ohne Einschränkung erproben. Dies ist der Maßstab für das Angebot. Im Arbeitsprozess in der Werkstatt übernehmen dann aber zum Beispiel zehn Menschen mit Körperbehinderungen die Tätigkeit, um die Stückzahlen zu erreichen. Zusätzlich müssen die Kosten, die für den Rahmen entstehen, um Arbeit für unsere Beschäftigten zu ermöglichen, ebenfalls erwirtschaftet werden.“, verdeutlicht Wedel.
Auch die speziell auf die jeweilige Körperbehinderung zugeschnittenen Arbeitsplätze kosten mehr. Teils müssen in Arbeitsplatten Aussparungen gesägt werden, damit die Menschen mit ihren Rollstühlen darunterfahren und arbeiten können. Auch höhenverstellbare Maschinen gehören dazu, damit sie dem Rollstuhl nicht im Weg sind. „Wenn bei einem Menschen etwa ein Arm gelähmt ist, müssen wir Wege finden, wie er via Hilfsmittel dennoch die geforderte Aufgabe erledigen kann“, sagt Förtsch. Das alles sind zusätzliche Kosten, die ein normaler Betrieb nicht hat.
Ein volkswirtschaftlicher Aspekt
Aber es kommt neben dem betriebswirtschaftlichen noch ein volkswirtschaftlicher Aspekt hinzu. Würden die Menschen mit Behinderung keiner Arbeit nachgehen, müssten sie von der Allgemeinheit alimentiert werden. Wie hoch diese Summe ohne materiellen Gegenwert angesichts der bundesweit rund 300.000 Arbeitsplätze in den Werkstätten pro Jahr wäre, hat noch niemand untersucht. Außerdem hätten die Menschen dann zu Recht das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, was zu Depression führen kann, aber sicher nicht zu mehr Inklusion.
„Ziel ist es, so vielen Menschen mit körperlicher Behinderung die Möglichkeit zu geben, sich auf dem ersten Arbeitsmarkt zu erproben und dann auch in einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsvertrag zu wechseln“, erläutert Wedel. Das sei schon mehrfach und vor allem dauerhaft gelungen. So würden einige „Ehemalige“ bei der Regionaldirektion der Agentur für Arbeit, REWE oder den Universa Versicherungen arbeiten. „Wir können zwar keine Fachkräfte bereitstellen, aber Menschen, die Fachkräfte unterstützen, damit diese sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können, sehr wohl“, betont Förtsch.
Weil das so gut funktioniert, finden Förtsch und Wedel die Statistik, mit der in der Öffentlichkeit operiert wird, unfair und mathematisch falsch. Denn der Faktor 0,14 als Übergangsquote entspreche nicht der Realität. „Denn die Statistik betrachtet nicht, wie viele Zugänge es in einem Jahr in eine Werkstatt gab und wie viele Vermittlungen in den ersten Arbeitsmarkt, also Abgänge, sondern die Gesamtheit der Personen in diesem System“, erläutert Wedel.
Die Werkstatt kümmert sich um den Papierkram
Aber es könnten noch viel mehr Unternehmen die Arbeitskraft von Menschen mit Behinderung nutzen. Interessierte Firmen sollten einfach auf die Boxdorfer Werkstatt zugehen. „Wir kümmern uns um ein optimales Kennenlernen und den gesamten Papierkram“, sagen Förtsch und Wedel. Damit müssten sich die Unternehmen nicht herumschlagen. Denn das sei oftmals ein Haupthindernis bei Betrieben, wenn es ums Einstellen von Menschen mit Behinderung geht. Damit „Barrieren im Kopf“ überwunden werden können bietet die Boxdorfer Werkstatt das Projekt „arbeit plus“ (siehe Infokasten). „arbeit plus“ nutzt auch die Bayerische Übergangsmaßnahme BÜWA (Begleiteter Übergang von der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt). Hier arbeiten alle Beteiligten am Inklusionsprozess von Beginn an Hand in Hand. Beteiligt sind das StMAS, die Agentur für Arbeit, die Inklusionsämter und die Bayerischen Bezirke, gemeinsam mit den Werkstätten und den Integrationsfachdiensten
Diskussion um Betreuungsschlüssel
Doch das ist nicht das einzige Thema, das die Boxdorfer umtreibt. So ist derzeit in der Diskussion, den Betreuungsschlüssel in den Werkstätten zu reduzieren. „Wir haben in der Assistenz einen Schlüssel von 1 zu 11, also ein Assistent kümmert sich um elf Menschen mit Behinderung“, so Förtsch. Doch jetzt sei ein Schlüssel von 1 zu 120 im Gespräch. „Dann könnten wir hier zusperren“, sagt Wedel. Denn die Menschen in Boxdorf seien auf Hilfe im Alltag angewiesen, etwa beim Essen oder beim Toilettengang, aber gerade auch in den Arbeitsabläufen.
Neben der Boxdorfer Werkstatt kümmern sich in Bayern noch mehrere Einrichtungen um Menschen mit körperlicher Behinderung. Das sind zum Beispiel die Münchner Stiftung Pfennigparade als größte Einrichtung im Freistaat, mit Abteilungen die KJF Regensburg, Altdorf und Kempten.
(Ralph Schweinfurth)
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