Wirtschaft

Die in Deutschland verbauten Rohrleitungswerkstoffe für die Erdgasnetze sind bis auf wenige Ausnahmen grundsätzlich alle für den Betrieb mit Wasserstoff geeignet. (Foto: dpa/Stefan Sauer)

27.01.2023

"Eine nationale Wasserstoffgesellschaft ist ein Schmarrn"

Detlef Fischer, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft, über den Umbau der Erdgasnetze für den Wasserstofftransport

Um die Energiewende zu schaffen, ist Wasserstoff ein zentraler Baustein. Doch dieses Gas muss zu den Verbrauchenden transportiert werden. Erdgasleitungen sind prinzipiell dafür geeignet. Allein in Bayern ist das entsprechende Netz über 50.000 Kilometer lang.

BSZ: Herr Fischer, wie viel Kilometer Erdgasleitungen haben wir in Bayern?
Detlef Fischer: Das Erdgasnetz ist in Bayern sehr gut ausgebaut. Es teilt sich auf in das Verteilernetz und in das Fernleitungsnetz. Insgesamt beträgt es über 50.000 Kilometer.

BSZ: Kann man diese Leitungen umrüsten auf Wasserstofftransport?
Fischer: Die Umrüstung bestehender Erdgasnetze auf Wasserstoffbetrieb ist eine volkswirtschaftlich sinnvolle Möglichkeit, die Transformation zu einer klimaneutralen Gaswirtschaft zügig voranzutreiben. Die in Deutschland verbauten Rohrleitungswerkstoffe für die Erdgasnetze sind bis auf wenige Ausnahmen grundsätzlich alle für den Betrieb mit Wasserstoff geeignet.

BSZ: Was wäre technisch dafür nötig?
Fischer: Neben der Prüfung der Rohrleitungen auf Eignung müssen natürlich auch die weiteren für den Transport und die Verteilung benötigten Komponenten, wie Verdichter, Armaturen und Zähler, für den Wasserstoffbetrieb angepasst oder ausgetauscht werden. Der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) arbeitet intensiv daran, das Technische Regelwerk für die Umrüstung der bestehenden Erdgasinfrastruktur auf Wasserstoff zu erstellen. Diverse Regeln dafür liegen schon vor. Auf Fernleitungsebene ist mit dem Projekt „HyPipe Bavaria – The Hydrogen Hub“ der bayernets der Startschuss für die Umstellung in Bayern bereits gefallen. Auf Verteilernetzebene gibt es auch bereits erste Pilotprojekte. Energie Südbayern stellt beispielsweise in dem Forschungsprojekt H2Direkt ein bestehendes Erdgasnetz auf 100 Prozent Wasserstoff um.

Umrüstungskosten halten sich in Grenzen

BSZ: Was kostet diese Umrüstung?
Fischer: Die reinen Umrüstungskosten des bestehenden Gasnetzes halten sich in Grenzen. Man geht bei der Umwidmung von Kosten aus, die im Mittel etwa 20 Prozent der Neubaukosten einer Wasserstoffleitung betragen. Hinzu kommen die Kosten für die Umstellung der Endgeräte. Hier braucht es intelligente Planungen unter Berücksichtigung der technischen Lebensdauer der vorhandenen Endgeräte wie Heizungskessel. Sinn macht natürlich eine möglichst flächendeckende Umrüstung auf Wasserstoff. Im Gebäudebereich konkurriert der Wasserstoff dabei insbesondere mit der elektrischen Wärmepumpe.

BSZ: Wie bewerten Sie die Absichten des Bundes, eine staatliche Gesellschaft zum Betrieb der Wasserstoffnetze zu gründen? Angeblich soll die Finanzierung der Netze dann leichter werden.
Fischer: Klar ist, dass Staat und Energiewirtschaft in Zukunft enger zusammenarbeiten müssen als das in den letzten beiden Jahrzehnten der Fall war. Die Pläne aus dem Bundeswirtschaftsministerium für eine nationale Wasserstoffgesellschaft halten wir auf gut bayerisch aber für einen Schmarrn. Unsere Netzbetreiber sind ja schon losgelaufen, um die Wasserstoffinfrastruktur aufzubauen. Sie verfügen über das Know-how, das für Planung, Bau und Betrieb zum Transport und der Verteilung gasförmiger Energieträger notwendig ist. Eine staatliche Wasserstoffgesellschaft müsste sich das erst aufbauen. Also schneller gehen würde das auf alle Fälle nicht.

Staat muss Rahmenbedingungen schaffen

BSZ: Also ist der Staat ungeeignet?
Fischer: Ich kenne aus der jüngsten Vergangenheit kein Infrastrukturgroßprojekt, welches der Staat in einem vertretbaren Zeitrahmen durchgeführt hat. Der Staat hat die geeigneten Rahmenbedingungen für die Wirtschaft bereitzustellen. Zu welchen Leistungen die Gaswirtschaft dann in der Lage ist, hat sie doch durch die Errichtung der ersten LNG-Terminals hinreichend bewiesen. Da unser Wirtschaftszweig vor allem auf die Umwidmung von bestehenden Erdgasleitungen setzt, bleiben die durch die Gaswirtschaft zu leistenden Investitionskosten auch im Rahmen. Das schließt eine Anschubfinanzierung durch den Staat gar nicht aus. Der komplette Neuaufbau einer Wasserstoffinfrastruktur durch den Staat wäre in jedem Fall aber langsamer und auch viel teurer. Es wäre wohl auch ein einmaliger Vorgang in unserer Republik, dass der Staat einem Wirtschaftszweig ohne eigenes Verschulden seine Aufgabe wegnimmt.

BSZ: Ist Bayern beim Aufbau der Wasserstoffnetze benachteiligt, wie Ministerpräsident Markus Söder fürchtet? Er war vor Weihnachten in Kroatien, um gemeinsam mit Österreich den Bau einer H2-Pipeline anzuschieben.
Fischer: Bayern ist nicht (mehr) der Nabel der Welt. Aber wir sind sehr gut, auch ganz unabhängig von den Leitungen aus Russland, in die europäische Gasnetzinfrastruktur eingebunden. Da hat unser Wirtschaftszweig in den letzten Jahren viel geleistet und dadurch auch Schlimmeres in dieser Energiekrise verhindert. Dies gilt es jetzt auch für das Wasserstoffnetz sicherzustellen. In Bayern macht unser Wirtschaftszweig seine Hausaufgaben dazu bereits. Für den Import von Wasserstoff aus dem Ausland gibt es viele Optionen aus allen Himmelsrichtungen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es wichtig und richtig, alle Varianten auf ihre Realisierbarkeit abzuklopfen. Und sicher ist es auch gut, nicht alles auf eine Karte zu setzen. Die Folgen einer derartigen Strategie haben wir ja im letzten Jahr alle schmerzlich erfahren und vor allem auch teuer bezahlen müssen. Für Bayern ist Wasserstoff eine große Chance für die Energiewende.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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