Wirtschaft

Dario Stieren, Braumeister und Geschäftsführer der Munich Brew Mafia, steht in Holzhauser Brauerei neben einem Lagertank und nimmt eine Probe von seinem Bier. (Foto: dpa/Sven Hoppe)

02.06.2021

Kleine Brauereien kämpfen sich kreativ durch die Krise

Der andauernde Lockdown der Gastronomie hat oft dazu geführt, dass größere Mengen an Fassbier kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum standen

Sie brauen Krisen-Bier, lassen Bier-Brot backen, laden zu Online-Verkostungen ein oder setzen auf Crowdfunding. Die Corona-Pandemie trifft wegen der über Monate geschlossenen Gastronomie und der abgesagten Volksfeste auch die Brauereien hart. Das gilt ganz besonders für die kleineren. Mit Kreativität versuchen sich einige, gegen die Krise zu stemmen - und weiter durchzuhalten. Denn die Öffnung der Biergärten ist zwar ein wichtiger Schritt, hilft ihnen nach Angaben des Verbandes der Privaten Brauereien Deutschland allein aber nicht aus der Misere.

Ein Beispiel ist die Nürnberger Brauerei Schanzenbräu. Normalweise sei von Ende Mai bis September jedes Wochenende ein Volksfest, für das die Brauerei Fassbier liefere, erläutert Geschäftsführer Stefan Stretz. Im vergangenen Jahr sei die Saison aber komplett ausgefallen, und in diesem sehe es auch nicht viel besser aus.

25 bis 30 Prozent des verkauften Bieres kommt bei Schanzenbräu aus dem Fass. Seit der Corona-Krise versucht Stretz wie alle anderen Brauereien mehr Flaschenbier im Handel zu verkaufen. "Das ist jetzt purer Verdrängungswettbewerb", sagt Stretz.

Flexibler auf die Krise reagieren

Dadurch kam der Braumeister auf das "Zusammen Halbe" - quasi ein Krisen-Bier, das neun Nürnberger Brauereien zusammen entwickelt und gebraut haben. "Die Idee dabei war, in der Krise zusammenzustehen", sagt Stretz. 40 000 Flaschen füllten er und seine Kollegen ab. Innerhalb kurzer Zeit waren diese größtenteils verkauft.

Seine Umsatzausfälle - deren Höhe Stretz nicht nennen will - habe das natürlich nicht ausgleichen können, sagt er. Das Bier habe aber für Aufmerksamkeit gesorgt, was angesichts der großen Biervielfalt in den Supermarktregalen gerade jetzt wichtig sei.

Wie viele andere Brauer stand Christoph Kumpf noch vor einem anderen Problem: "Der andauernde Lockdown der Gastronomie hat bei uns dazu geführt, dass größere Mengen an Fassbier kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum standen", sagt der Geschäftsführer der Kaiser Brauerei im baden-württembergischen Geislingen. Um es nicht wegschütten zu müssen, stellte er daraus Gin her, veranstaltete vor der Brauerei einen Bier-Drive-In und verkaufte es schließlich an Bäcker.

Sechs Bäckereien aus der Region fertigen nun das "Bierretterbrot", bei dem sie statt Wasser eben Bier verwenden. 1500 Liter Fassbier sind nach Angaben von Kumpf schon für mehr als 3000 Laib Brot verwendet worden. Dadurch bekommt die Brauerei für ihr Fassbier zumindest die Herstellungskosten wieder rein. Auch andere Brauereien in Deutschland sind auf ähnliche Ideen gekommen. So entstand in Düsseldorf zum Beispiel Altbierbrot.

Kumpf freut sich über den Erfolg der Aktion, sagt aber auch ganz klar, dass seine Brauerei ohne den Verkauf in der Gastronomie und auf Vereinsfesten nicht überleben kann. "Die Staatshilfen sind eine echte Unterstützung, keine Frage, aber die Krise geht inzwischen einfach zu lange", betont er.

Problematisch ist auch, dass den Brauereien wegen der Krise das Geld fehlt, um in ihre Zukunft zu investieren. Die Gesellschaftsbrauerei Viechtach im bayerischen Wald hat deshalb eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. 500 000 Euro seien innerhalb von einer Woche zusammengekommen, sagt Geschäftsführer Markus Grüsser.

Der 56-Jährige aus der Nähe von Köln hatte die Bauerei Ende 2018 übernommen - mit einem Investitionsrückstand von 15 Jahren, wie er sagt. Mit dem Geld will er nun unter anderem neue Kälteanlagen anschaffen und die Brauerei in den sozialen Medien präsenter machen.

Solche medienwirksame Aktionen wie in Nürnberg oder Viechtach können nach Ansicht des Deutschen Brauerbundes den entstandenen Schaden für einzelne Betriebe etwas lindern. "Wir sprechen hier aber über wenige Einzelfälle, sagt Hauptgeschäftsführer Holger Eichele. Nach einer Umfrage des Brauerbundes sieht jeder vierte Betrieb seine Existenz gefährdet.

Für die Munich Brew Mafia läuft es heute sogar besser als vor der Krise - unter anderem dank "Impfstoff". So heißt das Bier, das die kleine Craftbier-Brauerei in München als Reaktion auf Corona zusammen mit einem befreundeten Brauer entwickelt hat.

Dass sich das so gut verkauft, damit hatten diese nun nicht gerechnet. Nur 2000 Liter umfasste die erste Abfüllung. "Die war innerhalb von sechs Stunden ausverkauft", sagt Geschäftsführer Dario Stieren. Gerade ist die fünfte Abfüllung auf den Markt gekommen. Aber natürlich habe das Drei-Mann-Unternehmen auch viel flexibler auf die Krise reagieren können, sagt Stieren. Die schwierige Zeit überbrückten die Gründer, indem sie Geld mit anderen Jobs verdienten.

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche

Rente mit 68 – eine sinnvolle Idee?

Unser Pro und Contra jede Woche neu
Diskutieren Sie mit!

Die Frage der Woche – Archiv
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2020

Nächster Erscheinungstermin:
10.Dezember 2021

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 11.12.2020 (PDF, 15 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.