Wirtschaft

Die Türme des Kraftwerks Irsching mit seinen fünf Blöcken ragen in den Himmel. (Foto: dpa/Tobias Hase)

29.03.2019

Der Irrsinn von Irsching

Uniper will in Oberbayern Gaskraftwerke schließen und gleichzeitig bauen

In Oberbayern soll das neue 300-Megawatt-Gaskraftwerk Irsching 6 zur Abdeckung von Spitzenlast gebaut werden. Am Standort stehen aber bereits jetzt die beiden Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerke Irsching 4 und 5 bis auf wenige Stunden im Jahr still. Während die Kosten für das neue Werk voll von den Stromkunden getragen werden müssen, müssen die Besitzer der beiden höchstwirksamen alten Turbinen jährlich Millionenverluste selbst tragen. Diesen Irrsinn unseres Energiewirtschaftsgesetzes verstehen nicht alle.

Uniper SE ist äußerst begeistert. „Uniper hat vom Übertragungsnetzbetreiber Tennet den Zuschlag zum Bau eines Gaskraftwerks mit 300 Megawatt (MW) Kapazität in Irsching bei Ingolstadt erhalten. Uniper wird das Kraftwerk bauen und später auch betreiben.“ Das gab die Presseabteilung des Kraftwerksbetreibers am 9. Januar 2019 bekannt. Die Anlage mit Namen Irsching 6 „soll ab dem 1. Oktober 2022 in besonderen Notsituationen als „Sicherheitspuffer“ in der Stromversorgung bereitstehen“, so Uniper weiter.

Wer Uniper als Kraftwerkssparte des deutschen Energieriesen Eon bezeichnet, hat nur noch zu 53 Prozent recht. Denn zu 47 Prozent gehört Uniper seit 2018 dem finnischen Gaskonzern Fortum. Kein Wunder also, dass Uniper sich über die Chance freut, dank Irsching 6 den Gasverbrauch an diesem alten Kraftwerksstandort zu erhöhen. Wobei: „Als sogenanntes „besonderes netztechnisches Betriebsmittel“ wird es nicht dem Markt zur Verfügung stehen, sondern kurzfristig einspringen, wenn die Systemsicherheit gefährdet ist“, erläutert Uniper die genaue Aufgabe des 300-MW-Blocks in Oberbayern. Sprich: Es wird vermutlich nur wenige Stunden im Jahr Strom produzieren.

Josef Hasler vermutet gar: „Es könnte die absurde Situation entstehen, dass das neu geplante Kraftwerk nie zum Einsatz kommt.“ Denn bevor Irsching 6 eingeschaltet würde, kämen die dortigen Blöcke 4 und 5 zum Zuge. „Die haben in der Rangfolge der Netzreserve der Kraftwerke Vorrang vor dem Block 6“, weiß der Vorstandsvorsitzende der N-ERGIE AG aus Nürnberg.

An Irsching 5 besitzen die Nürnberger selbst einen Anteil von 25,2 Prozent. Der Gas- und Dampfturbinen-Block ging 2010 in Betrieb; er gilt mit 846 MW Leistung und einem Wirkungsgrad von 59,7 Prozent als eines der modernsten Gaskraftwerke Europas. Noch effektiver ist Irsching 4: Das Kraftwerk mit 561 MW Leistung nahm 2011 den Betrieb auf. Damals bedeutete sein Wirkungsgrad von 60,4 Prozent Weltrekord bei effizienten Gaskraftwerken. Doch genutzt werden beide immer weniger. So ging die Einsatzzeit von Irsching 5 von 100 Stunden im Jahr 2016 auf nur noch 15 Stunden im Jahr 2018 zurück. Zur Erinnerung: Ein Jahr hat 8760 Stunden.

Für 200 Startvorgänge entworfen


Eigentlich sollten die beiden Blöcke mehrere Tausend Stunden jährlich Strom produzieren. So ist die Turbine von Block 4 „für 200 Startvorgänge mit rund 4500 Betriebsstunden pro Jahr entworfen worden mit dem Fokus auf die Deckung der Mittel- und Spitzenlast“. Bei Block 5 sind gar 250 Starts im Jahr eingeplant gewesen. Damit hätten beide wirtschaftlich betrieben werden können. Doch die Nachfrage nach Mittel- und Spitzenlast ging nicht wie erwartet hoch, sondern steil bergab. Beide Kraftwerke sind seit 2013 nur noch „Reserve“.

Weshalb allein die Betreiber von Irsching 5 wegen dieses Reserve-Zustands jährlich Verluste im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich schreiben. Bereits dreimal haben sie deshalb bei der Bundesnetzagentur (BNetzA) offiziell die Stilllegung beantragt. Doch die dem Bundeswirtschaftsministerium BMWI nachgeschaltete Behörde lehnte alle Anträge strikt ab.

Begründung jedes Mal: „Systemrelevanz von Irsching 4 und 5.“ Das bedeutet: Trotz Verlusten müssen die Betreiber die Kraftwerke für den Notfall bereithalten. Denn der für Bayern zuständige Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) Tennet sieht Irsching 4 und 5 „für Notsituationen im Netz relevant. Die Prüfung der notwendigen Reserven wird vom ÜNB durchgeführt“, so Sprecherin Ulrike Hörchens.

BNetzA-Referent Michael Reichenberg ergänzt: „Ein angeschlossenes Kraftwerk über 10 MW kann nur über ein besonderes Verfahren vom Netz genommen werden. Dafür geben sowohl die Verteil- als auch der zuständige Übertragungsnetz-Betreiber Bewertungen ab. Unsere Behörde prüft diese und stellt dann die Systemrelevanz fest.“ So geschehen bei Irsching 4 und 5. Weil aber Stilllegungsanträge gestellt worden seien, „dürfen sie nicht am Markt teilnehmen“, so Reichenberg weiter.

Auf der anderen Seite definiert die BNetzA auch, wie viel Reserveleistung zur Verfügung stehen muss. Dafür dürfen dann die ÜNB Ausschreibungen machen und deren vom Betreiber genannte Kosten auf die Stromkunden abwälzen. Dazu Ulrike Hörchens von Tennet: „Insgesamt wurden von uns im Süden 1200 MW ausgeschrieben, vier regionale Lose zu je 300 MW. Das für Südostbayern ging an Uniper.“

„Die Kosten für das dafür neu geplante Kraftwerk Irsching 6 werden komplett auf die Netzentgelte umgelegt. Dagegen werden uns bei Irsching 4 und 5 durch Tennet lediglich für die wenigen Stunden vergütet, an denen sie im Einsatz sind“, klärt N-ERGIE-Chef Hasler auf. Er fordert eine „Abkehr von diesem System aus Zentralismus und Planwirtschaft“. Und: „Die Energiewende als Beitrag zum Klimaschutz ist endlich marktwirtschaftlich auszugestalten.“

Energiewende als Flickerlteppich


Auch Uniper-Sprecher Leif Erichsen sieht die Energiewende als „Flickerlteppich verschiedener Maßnahmen“. Und er begründet, warum Uniper einen 300-MW-Neubau angeboten hat anstatt stillgelegter Leistung aus Irsching 4 oder 5: Die Ausschreibung habe sich auf §11 Absatz 3 des Energiewirtschaftsgesetzes bezogen; „der verlangt ausdrücklich: Es müssen neue Kraftwerke sein.“
Und Erichsen fügt mit Blick auf die bestehenden und das neue Kraftwerk etwas hinzu, das aus dem Mund des Sprechers des Energiekonzerns Uniper verwundern muss: „So absurd das klingen mag: Es sind zwei völlig voneinander getrennte Kausalzusammenhänge.“ Denn Uniper besitzt einerseits Irsching 4, dazu 59,2 Prozent der Anteile an Irsching 5, beide stillgelegt. Und andererseits wird Uniper Besitzer und Betreiber von Irsching 6, dem Neubau.

Für Josef Hasler eine „verfehlte Energiepolitik. Leidtragende sind die Stromkunden, die über steigende Netznutzungsentgelte die Zeche bezahlen müssen.“ Und weil Irsching 6 nur wenige Jahre lang betrieben werden soll, „schafft die Politik eine teure Investitionsruine und nimmt in Kauf, dass sich die Bürger von der Energiewende weiter abwenden“, so der N-ERGIE-Vorstandsvorsitzende. Im Fall der beiden existierenden Irsching-Blöcke 4 und 5 laufen deshalb Klageverfahren wegen der verbotenen Stilllegung.
(Heinz Wraneschitz)

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Kommentare (5)

  1. Greta am 18.07.2019
    Zwar bin ich strikt gegen die Kernkraftwerke. Wenn diese aber ab 2022 ausfallen, wird die Netzstabilität
    stark abnehmen. Man wird jede KWH die aus Irsching kommt mit dankbarer Freude begrüßen.
    Und die Leute, die die Kohle töten wollen werden sich noch wundern. Davon abgesehen, dass Kohlenwasserstoffe auch zu über 80% aus Kohle bestehen.
    Irsching ist kein Irrsinn, sondern ein Fels in einem Meer des Wahnsinns. Der Irsinn ist in Berlin beheimatet.
  2. Strom64 am 14.06.2019
    Wenn das Atomkraftwerk an der Isar bei Landshut mal ausfällt oder 2022 ganz abgeschaltet wird, fehlen im Netz 1485 MW! Dann müssen Irsching 4 und 5 im Dauerbetrieb laufen, und Irsching 6 wird dringend benötigt um etwaige Spitzen abzufangen.

    Wenn der Strom weiterhin aus der Steckdose kommen soll müssen neue Kraftwerke her.
    Wind und Sonne sind eben auch nicht immer da!
    Dazu kommt, das immer mehr Leute Ihr Auto an der Steckdose laden wollen - obwohl das relativ unsinnig ist... Elektroautos sollten nur mit Solarstrom geladen werden dürfen.
  3. FHein_ES am 05.04.2019
    In Irsching wird eine neue Stromart "geboren". Diese Neuschöpfung bezeichne ich mit Paragraphenstrom. Diese Stromart ist noch viel wertvoller als zum Beispiel der Ökostrom oder Grünstrom, denn nur diese Stromart ist offenbar geeignet, die Einhaltung der Stabilität des Gesamtsystems zu unterstützen. Ursache ist, weil dieser besondere Strom von einem "netztechnischen Betriebsmittel" (alias Gaskraftwerk, was aber so nicht benannt werden darf) erzeugt wird. Er trifft zwar - wenn die anderen Gasblöcke zufällig auch einspeisen - auf Ströme von diesen Blöcken, aber er ist bestimmt mittels geeigneter Einrichtungen davon zu unterscheiden. Das Unterscheidungsmerkmal ist §11 Absatz 3 des Energiewirtschaftsgesetzes und dies ist dem Paragraphenstrom in besonderer Weise aufgeprägt. Damit ist er überall erkennbar und nachweisbar. Für wie blöd wird eigentlich die Bevölkerung gehalten, dass nun dieser Super-GAU (GAU = größter anzunehmender Unsinn) als anderer Kausalzusammenhang "verkauft" wird und zudem noch die Kosten für diesen riesigen Unsinn den Stromkunden untergejubelt werden. Das wird ferner noch dadurch kaschiert, dass die Kosten ins Netzentgelt hinein gerechnet werden und so völlig intransparent in der Stromrechnung erscheinen. Das ist deutsche Perfektion vom Feinsten.
  4. CP am 29.03.2019
    Wer Uniper als Kraftwerkssparte des deutschen Energieriesen Eon bezeichnet, hat nur noch zu 53 Prozent recht. Denn zu 47 Prozent gehört Uniper seit 2018 dem finnischen Gaskonzern Fortum.

    Wer Uniper als Kraftwerkssparte von EON bezeichnet, hat zu 0 Prozent recht.
  5. Solfanger am 29.03.2019
    Herr Hasler von der N-Ergie widerspricht sich: einerseits kämpft er gegen jeden Netzausbau und andererseits erklärt er Irsching 6, als Netzstabilitätsmaßnahme für Irrsinn. Irsching 6 muss eben genau deswegen gebaut werden, weil der Netzausbau stockt.
    Im übrigen: Irsching 4 und 5 käme schneller in den Markt, wenn wir in Bayern schneller aus der Atomkraft aussteigen würden und in Norddeutschland die Braunkohle schneller stilllegen würden. Aber auch das traut sich Hasler nicht öffentlich zu fordern.

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