Wirtschaft

Immer weniger Menschen wollen Bäcker werden (Symbolbild). (Foto DPA)

18.01.2019

Der Letzte macht das Licht aus

Gut 5000 bayerische Handwerksbetriebe benötigen schon bald einen Nachfolger – viele tun sich schwer

Rund 5000 bayerische Handwerksbetriebe benötigen in den nächsten Jahren einen Nachfolger – doch selbst, wer einen findet, hat mitunter Probleme bei der Übergabe.

Das Thema treibt viele Unternehmer um. Doch es laut zu benennen, fällt manchmal schwer. Immerhin, der Chef eines Handwerksbetriebs irgendwo in Altbayern spricht dann doch, anonym. Er hat Sorge, Kunden zu verlieren, wenn sie hören, dass er in ein paar Jahren schließen muss – weil er in Rente geht und keinen Nachfolger herbringt. Dabei habe es durchaus Interessenten gegeben, erzählt der Mann am Telefon. Aber am Schluss hätten sich die Verhandlungen zerschlagen. Dass sein Lebenswerk bald ende, sei schon frustrierend.

Zeit ist kostbar. In wenigen Wirtschaftsfragen gilt das mehr als bei der Nachfolgeregelung. Allein im bayerischen Handwerk müssen sich nach Angaben der Kammern demnächst 23 000 Betriebe mit dem Generationenwechsel auseinandersetzen. Viele dürften einen Nachfolger finden; doch selbst dort, wo alles schon geregelt zu sein scheint, können im Übergabeprozess Probleme auftreten, die alles wieder zunichte zu machen drohen. Ganz zu schweigen von jenen Betrieben, deren Zeit langsam abläuft. Etwa 5000 Handwerker benötigen innerhalb der kommenden zwei bis fünf Jahre einen Nachfolger. Ansonsten ist ihr Laden zu – für immer.

Wie in jenem Betrieb irgendwo in Altbayern. Der Chef selbst, so scheint es, kann sich auch keinen rechten Reim darauf machen, warum niemand seinen Laden haben will. Er vermutet, es sei den meisten Menschen zu anstrengend geworden, ein eigenes Geschäft zu führen. Am Geld könne es jedenfalls nicht liegen, meint er, seine Familie und er könnten gut vom Betrieb leben. Er müsse sogar Aufträge ablehnen. Wie wichtig die Sache mit der Nachfolge für viele Firmen ist – und wie groß die Unsicherheit –, zeigt auch eine andere Zahl.

Inzwischen drehen sich 40 Prozent aller betriebswirtschaftlichen Beratungen in den Handwerkskammern nur um dieses Thema. Wer einen Termin vereinbart, landet vielleicht bei Peter Badmann, Betriebsberater im Kammerbezirk Oberbayern. Manche fragten nur nach einer Mustervorlage für einen Kaufvertrag, berichtet er; andere suchten Unterstützung beim Business-Plan oder benötigten gleich eine Art Rundum-Begleitung. Wo gar kein Nachfolger in Sicht ist, schaltet Badmann eine Anzeige auf einer speziellen Betriebsbörse im Internet.

Generell sei eine Übergabe mehr als nur der Kaufvertrag, sagt er. Zum Beispiel müssten Mietverträge fürs Geschäft neu aufgesetzt, Datenschutzfragen geklärt, Mitarbeiter rechtzeitig informiert werden. „Es ist alles lösbar.“

Aber Zeit sollte man mitbringen. Fünf, vier, drei Jahre vorher „kann man die Sache gut in die Wege leiten“. Franz Xaver Peter-anderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstags, rät sogar dazu, sich schon vom 55. Geburtstag an mit der Nachfolgeregelung zu befassen. „Macht man sich zu spät oder überhaupt keine Gedanken über den Fortbestand des Betriebs, kann dies im schlimmsten Fall sogar die Existenz gefährden.“
Die derzeitigen Probleme rund um Übergabe und Aufhören sind nicht allein aufs Handwerk beschränkt.

Auch die Industrie- und Handelskammern bieten Beratungen und Check-Listen an, Mittelstandsmagazine beschäftigen sich in regelmäßiger Wiederkehr damit. In einer Studie von 2017 ermittelte das bayerische Wirtschaftsministerium, dass bis 2021 branchenübergreifend „rund 29 400 wirtschaftlich ausreichend attraktive Betriebe mit über 505 000 Arbeitsplätzen vor einem Generationswechsel“ stünden – viele davon zum ersten Mal. Das kann die Hürden höher machen, weil sie unbekannter sind.

Baby-Boomer bald in Rente

Allerdings fallen sie nicht überall gleich groß aus. So arbeiten in vielen Firmen die Junior-Chefs schon mit, gerade im Handwerk, in dem etwa die Hälfte aller Betriebe innerhalb der Familie übergeben wird. In einem Viertel der Fälle folgt ein Mitarbeiter nach. Für das letzte Viertel muss ein externer Bewerber gesucht werden. Auch über die Branchen hinweg können, heißt es von Seiten der Handwerkskammer, die Herausforderungen unterschiedlich groß ausfallen. Zu denen, die leichter einen Nachfolger finden sollen, gehören demnach Kfz-Betriebe. Eine Neugründung wäre vergleichsweise teuer, kompliziert und schwer zu bewerkstelligen.

Das macht bestehende Betriebe attraktiver für eine Übernahme. Schwieriger hingegen soll die Suche für Firmen sein, deren Geschäftsmodell sich leicht kopieren lässt – Friseursalons etwa. Wohlgemerkt: Es handelt sich hierbei um eine Art Faustformel. Die Wirklichkeit sieht bisweilen anders aus. Wenn ein Friseursalon keine Schulden hat, dafür viele Stammkunden, eine gute Lage und ein eingespieltes Team, spricht erst mal wenig gegen eine Übernahme.

Warum so viele Betriebe auf einen Nachfolger warten, dafür gibt es mehrere Gründe. Während tendenziell weniger junge Leute nachkommen, geht die geburtenstarke Generation der Baby-Boomer in Rente. Zudem klagen viele Betriebe, kaum oder kein geeignetes Personal mehr zu finden. Das schränkt auch die Auswahl bei den potenziellen Nachfolgern ein. Und weil die Lage auf dem Arbeitsmarkt so gut ist, sinkt seit Jahren die Zahl neugegründeter Unternehmen. Wer sich nicht unbedingt selbstständig machen will oder muss, findet meist eine Festanstellung.

Recht, Wirtschaft, Steuern – es gibt viele mögliche Hürden. Doch selbst, wo sie geklärt zu sein scheinen, kann eine Übergabe schiefgehen. Zum Beispiel, weil sich Senior- und Junior-Chef nicht einig sind, was eigentlich ein angemessener Preis ist für ein Lebenswerk. Berater Badmann skizziert einen Fall, der immer wieder vorkomme, wie er sagt. Damit der Senior-Chef gut leben kann, muss er mit der Firma vor Steuern mindestens 58 000 Euro Gewinn im Jahr erwirtschaften.

Sein Nachfolger, ein Mitarbeiter, muss aber zusätzliches Kapital auftreiben, um den Kaufpreis des Betriebs zu stemmen. Theoretisch reicht ihm der Gewinn auch zum Leben, nur praktisch nicht mehr wegen der Schulden. Das drückt aus seiner Sicht den Kaufpreis – nicht aber aus Sicht des Chefs, der nicht versteht, warum dem Mitarbeiter der Betriebsgewinn zum Leben nicht reichen soll. Es kommt zum Streit, der Angestellte kündigt, plötzlich fehlt dann auch der Nachfolger. „Der Mega-GAU“, sagt Badmann. Beim Thema Nachfolge sei „wahnsinnig viel Psychologie“ gefragt. (Maximilian Gerl)

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