Wirtschaft

Tim Meyerjürgens fordert mehr Flexibilität bei Planung und Ausbau der Umspannwerke als zentrale Drehkreuze. (Foto: Bayernwerk)

29.08.2025

"Der Markt braucht neue Spielregeln"

Tim Meyerjürgens, Vorsitzender der Geschäftsführung von Tennet Germany mit Sitz in Bayreuth, über Netzanschlüsse, Umspannwerke und Batteriespeicher

Aktuell gibt es einen regelrechten Ansturm auf Netzanschlüsse. Doch die derzeitigen Regeln werden den Anforderungen des Energiesystems nicht mehr gerecht. Der Gesetzgeber ist gefragt, schnellstmöglich neue Regularien zu schaffen.

BSZ: Herr Meyerjürgens, da bis jetzt nach wie vor keine neuen „Stromautobahnen“ von Nord- nach Süddeutschland bestehen, müssten nicht Energiespeicher viel schneller ans bestehende Netz angeschlossen werden?
Tim Meyerjürgens: Die Dynamik bei der Entwicklung und dem Ausbau von Speichern ist sehr zu begrüßen und ein Gamechanger für die Energiewende – aber sie zeigt auch: Der Markt braucht neue Spielregeln. Wir brauchen einen neuen, volkswirtschaftlich sinnvollen und effizienten Umgang mit den knappen Ressourcen – und eine gezielte Steuerung, welche Projekte wann und wie ins Netz kommen. Das heißt: weg vom Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, hin zu klaren Prioritäten.

BSZ: Das heißt?
Meyerjürgens: Speicher ja – aber nicht auf Kosten anderer systemrelevanter Technologien wie Kraftwerke, Rechenzentren oder Industrieprojekte. Ziel sollte ein klares Priorisierungssystem sein, das alle Projekte nach ihrem Beitrag zum Gesamtsystem und ihrer Umsetzbarkeit bewertet. Die Politik muss dafür transparente, rechtssichere Regeln schaffen.

BSZ: Bei der bisherigen Vergabe von Netzanschlüssen gilt die Kraftwerksnetzanschlussverordnung. Ist diese noch zeitgemäß und was müsste sich verändern?
Meyerjürgens: Das aktuell gültige Verfahren wird der hohen Marktdynamik, der Vielzahl an Anträgen und auch den Anforderungen des aktuellen Energiesystems nicht mehr gerecht. Es war ursprünglich für wenige Netzanschlussanfragen pro Jahr ausgelegt. Aktuell werden wir von Anfragen jedoch überrannt.

BSZ: Was bedeutet das?
Meyerjürgens: Batteriespeicher müssen schnell aus dem bisherigen Vergabeverfahren für Netzzugänge herausgelöst werden. Das aktuelle Windhundprinzip, bei dem einzig entscheidet, wer als erstes die vollständigen Unterlagen einreicht, ist weder zielführend noch zukunftsfähig. Stattdessen braucht es kurzfristig ein eigenes, auf Speicher zugeschnittenes Anschlussverfahren.

BSZ: Wie könnte das aussehen?
Meyerjürgens: Ziel sollte ein transparentes Priorisierungssystem sein, das alle Projekte nach ihrem Beitrag zur Systemsicherheit und ihrer Realisierbarkeit bewertet und so den Netzzugang steuert. Es ist wichtig, dass alle politischen Ebenen – von der kommunalen Verwaltung bis zur EU-Kommission – gemeinsam an Lösungen für diese Herausforderung arbeiten. Wir stehen an einem Wendepunkt: Wie wir den Netzzugang heute regeln, entscheidet maßgeblich über die Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit unseres Energiesystems als zentrale Säule unseres Wirtschaftsstandorts.

BSZ: Das Bundeswirtschaftsministerium plant, 20 Gigawatt Gaskraftwerke errichten zu lassen. Müssten die sich auch in der Schlange für Netzanschlüsse anstellen?
Meyerjürgens: Backup-Gaskraftwerke sind das Rückgrat der Energiewende. Sie sind also keine Option, sondern eine Notwendigkeit für künftige Versorgungssicherheit und Netzstabilität – insbesondere im südwestdeutschen Raum. Dass diese Projekte nach aktuellem Stand im Windhundverfahren um Netzanschlüsse konkurrieren müssen, halten wir für nicht zielführend. Gaskraftwerke haben im Vergleich zu Batteriespeichern deutlich längere Vorlaufzeiten – von     der EU-beihilferechtlichen Genehmigung über komplexe Ausschreibungsverfahren bis hin zur     Standortsuche und Planung. Gleichzeitig sehen wir, dass Speicherprojekte sich bereits heute     strategisch Flächen sichern und sich damit frühzeitig Netzanschlusskapazitäten reservieren.     In mehreren Fällen blockiert das bereits jetzt die dringend notwendige Erweiterung von     Umspannwerken.

BSZ: Wie kann man den Bau der dringend benötigten Umspannwerke beschleunigen?
Meyerjürgens: Beim Bau von Umspannwerken haben wir das Tempo deutlich erhöht und setzen viele Projekte parallel um. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, die nötigen Flächen zu sichern – ob in Niedersachsen, Hessen oder Bayern. Wir ringen mittlerweile um jeden Hektar für Neubau oder Erweiterung. Dabei stehen wir oftmals in Konkurrenz mit anderen Vorhaben wie Batteriespeichern, die in der Nähe unserer Umspannwerke errichtet werden sollen.

BSZ: Was hat das zur Folge?
Meyerjürgens: Umspannwerke werden zunehmend zum Flaschenhals für gesicherte Leistung, für Rechenzentren und Industriekunden. Allesamt Schlüsseltechnologien für die Energiewende und unseren Wirtschaftsstandort. Angesichts des wachsenden Bedarfs ist eine kluge Priorisierung entscheidend: Welche Projekte sind besonders dringend? Wo sind Erweiterungen realistisch? Und welche Großkunden benötigen welche Anschlüsse? Gleichzeitig brauchen wir mehr Flexibilität bei Planung und Erweiterung dieser zentralen Drehkreuze.

BSZ: Wie erreicht man diese Flexibilität?
Meyerjürgens: In unserem aktuellen Positionspapier schlagen wir dafür konkrete Maßnahmen vor: Erweiterungsflächen rund um Umspannwerke müssen Vorrang erhalten – etwa gegenüber Batteriespeichern oder Windvorranggebieten. Und bei Neubauten sollten mehr Anschlusspunkte vorgesehen werden, als es das Kriterium „bedarfsgerecht“ heute zulässt. Nur so vermeiden wir künftige Engpässe – und sichern die Versorgung langfristig ab.

BSZ: Wie viele Netzanschlussanfragen erhält Tennet Germany derzeit?
Meyerjürgens: Tennet Germany verzeichnet seit Anfang 2023 einen starken Anstieg bei Netzanschlussanfragen. Aktuell liegen uns über 180 offizielle Netzanschlussanfragen mit 77 Gigawatt Leistung vor – das entspricht 77 Großkraftwerken. Rund 70 Prozent dieser Anfragen betreffen Batteriespeicher, gefolgt von Elektrolyseuren und Rechenzentren. Diese Zahlen machen deutlich: Unsere Netzinfrastruktur steht vor enormen Herausforderungen. Es ist jetzt entscheidend, die begrenzten Kapazitäten so effizient wie möglich zu nutzen, klare Prioritäten zu setzen und den Netzanschlussprozess zügig zu reformieren.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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