Wirtschaft

In Nürnberg protestierte die nordbayerische Kreativ- und Kulturszene, weil die Politik ihr nicht hilft. (Foto: Wraneschitz)

22.10.2020

"Der Regierung Feuer unterm Hintern machen"

Künstler fordern bei Demo in Nürnberg Hilfen für die Kreativ- und Kulturwirtschaft

Wenn Matthias Egersdörfer (Tatort-Ermittler und Kabarettist), Michl Müller (der „Dreggsagg“ aus der ARD), Wortkünstler Oliver Tissot, Franken-Humor-Chef Bernd Händel, die bekannte A-cappella-Gruppe Viva Voce oder „Feuerwehrkommandant“ Norbert Neugirg gemeinsam auf der Bühne stehen: Dann ist entweder Faschingsprunksitzung in Veitshöchheim – oder „Kunstgebung“ in Nürnberg. Kunstgebung: So war eine teilweise krachende und brennende Protestkundgebung der nordbayerischen Kreativ- und Kulturszene betitelt. Die ging am Montag neben der Meistersingerhalle Nürnberg über die professionell aufgestellte Bühne.

„Es wird Zeit, dass der Regierung Feuer unterm Hintern gemacht wird“, hieß es aus den Reihen der Kulturschaffenden auf und hinter der Bühne. Denn nicht nur die Künstler*innen selbst stehen vor dem Nichts: Fast die ganze Branche von Bühnenarbeitern bis zu Beleuchtungsfachleuten oder Toningenieuren ist seit dem Stopp für Großveranstaltungen im März ziemlich ohne Einkommen.

Dabei war die Kulturwirtschaft mit 170 Milliarden Euro Umsatz 2019 der drittgrößte Wirtschaftsbereich der Bundesrepublik. Und mit 1,3 Millionen Kulturschaffenden waren hier fast um die Hälfte Menschen mehr in Lohn und Brot als in der immer wieder herausgestellten Automobilwirtschaft. Aber wie lange noch?

Mehr Beschäftigte als in der Autobranche

Denn während die Beschäftigten bei BMW, Audi, Brose und Co. großteils angestellt sind, arbeiten die Kreativen meist als Soloselbstständige. Deshalb ist für sie auch kein Abschmelzen der Arbeitszeit und damit Kurzarbeitergeld möglich. Das könne nur an Arbeitgeber ausgezahlt werden: So begründet die Bundesanstalt für Arbeit, warum für Solos bei coronalem Quasi-Arbeitsverbot nur Hartz IV infrage komme.

Deshalb sind viele Soloselbstständige inzwischen „auf dem harten Boden der Tatsachen gelandet“: Das führte ein von der Bühnendecke herabfallender Roadie drastisch krachend vor. Denn die Fachkräfte sind – wie gesagt – genauso finanziell schwer getroffen.

Bei der Kunstgebung fanden die Auftritte der Künstler jeweils ein brutales Ende: Dem Einen (Tissot) wurde das Widerwort durch Sicherheitskräfte untersagt, der andere (Händel) wurde eingenebelt. „Wie von den Hilfsversprechungen der Politik, die nicht für uns passen. Die Ungleichbehandlung mit Flixbussen oder Flugzeugen macht uns sprachlos“, war als Ergänzung aus dem Off zu hören.

Nur noch Sarkasmus

Am Ende bleibt augenscheinlich vielen Künstlern nur noch der Sarkasmus. „Kauft Karten für Kulturveranstaltungen statt Klopapier“, forderte Michl Müller angesichts der bereits wieder aufkommenden Hamsterkäufe. Und Bernd Händel kalauerte: „Hoffentlich wird bald der 1,5-Meter-Abstand aufgehoben, damit die Franken wieder ihre fünf Meter einhalten können.“ Den meisten Zuschauern blieb an diesem Abend ob der kritischen Lage der Branche der Lacher im Halse stecken.

Wenn man demnächst vor einem Haus einen bunt und kreativ verzierten Stuhl stehen sieht, sollte man nachschauen, ob man darauf den Hashtag #SOSKultur findet. Den schlug Oliver Tissot als Erkennungszeichen der Solidarität unter den Kreativen vor, nach dem Motto: „Uns zieht die Politik den Stuhl unterm Hintern weg.“

Denn dass es „nur miteinander, nicht gegeneinander geht, haben wir heute gezeigt“, hieß es seitens des ehrenamtlich tätigen Veranstaltungsteams. „Vielleicht führt ja die stärker werdende Solidarität unter den Kreativen dazu, dass sich noch mehr organisieren“, hofft deshalb Willi Nemski.

Endlich kommt Bewegung in die Sache

Der freiberufliche Grafiker ist Sprecher des Selbstständigenrats von Verdi Mittelfranken und war auch als ehrenamtlicher Ordner bei der Kunstgebung dabei. Dessen Dienstleistungsgewerkschaft sieht sich als die größte branchenübergreifende Vertretung von Soloselbstständigen in Deutschland.

Und bei Gewerkschafter Nemski steigt wenige Tage nach der Kunstgebung die Hoffnung: „Endlich kommt Bewegung bei der Corona-Hilfe.“ Denn sowohl Bayerns Regierungschef Markus Söder (CSU) wie auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) haben öffentlich angekündigt, bei allen Soloselbstständigen einen „Unternehmerlohn“ fördern zu wollen. „Genau das haben nicht nur wir ver.di-Selbstständige immer wieder gefordert – bislang ohne Erfolg“, so Nemski.

Doch auch alle Kommunen seien gefragt – nicht nur die potenzielle Kulturhauptstadt Nürnberg: „Sie sollten sich verpflichten, die bisherigen Ausgaben für Künstler und Kreative nicht zu reduzieren.“

Nemski fordert beispielsweise von allen Kommunen, gerade aber von der potenziellen Kulturhauptstadt Nürnberg: „Sie sollten sich verpflichten, die bisherigen Ausgaben für Künstler und Kreative nicht zu reduzieren.“ Und er schlägt „einen Eintritts-Hebel für private Veranstalter vor: Für jeden zahlenden Besucher legt die Stadt den dreifachen Satz obendrauf.“ Bekanntlich dürfen die Sitzplätze in Spielstätten zurzeit nur mit Abstand besetzt werden: Das ist für Private kaum wirtschaftlich zu schultern. (Heinz Wraneschitz)

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