Wirtschaft

High-Tech-Vitrinen ermöglichen sogenanntes „Vertical Farming“ – eine Methode, bei der Lebensmittel wetterunabhängig, pestizidfrei und platzsparend angebaut werden. (Foto: infarm/Die Photodesigner.de)

20.09.2019

Die Gewächshäuser der Zukunft

High-Tech-Salat könnte bald vorwiegend aus Glasschränken kommen

In Zukunft wächst Salat nicht mehr auf dem Feld, sondern in smarten Glasschränken. Das Berliner Start-up Infarm hat eine Vertical-Farming-Technologie entwickelt, die den Weg für effiziente Landwirtschaft in den Großstädten ebnen könnte.

Der rund zwei Meter hohe Glasschrank brummt geheimnisvoll, seine LED-Beleuchtung taucht die Gemüseabteilung in violettes Licht. Was Kunden häufig mit einer Kunstinstallation verwechseln, halten Tech-Investoren für eine Innovation mit Millionenwert. Denn die High-Tech-Vitrinen ermöglichen sogenanntes „Vertical Farming“ – eine Methode, bei der Lebensmittel wetterunabhängig, pestizidfrei und platzsparend angebaut werden.

Auch in der Edeka-Filiale von Robin Hertscheck in Neubiberg bei München steht so eine große violett leuchtende Box mit Plexiglas-Fenstern. Eine ältere Kundin schaut kritisch hinein. Nach einer ausgiebigen Begutachtung der Pflanzen und einem anschließenden Geruchstest entscheidet sie sich schließlich für einen Strauch Bordeaux-Basilikum – Kaufpreis: 1,49 Euro. „Dass man den Pflanzen beim Wachsen zuschauen kann, ist wirklich spannend“, findet die ältere Dame und blinzelt erneut in die helle Glasvitrine. Neben Basilikum gedeihen dort auf mehreren Ebenen Salat, Minze, Bergkoriander, Schnittlauch, Dill und seit neuestem Wasabi-Rucola. Das Konzept stammt vom Berliner Start-up Infarm. „Infarm wurde aus dem Wunsch heraus geboren, unser eigenes Essen anzubauen“, sagt Mitbegründerin Osnat Michaeli. Ursprünglich wollte die Israelin mit ihrem Partner Erez Galonska und dessen Bruder Guy ein Café eröffnen. Doch dann kam ihnen im März 2014 die Idee der vertikalen Indoor-Farmen.

Eine einmalige Pflanzen-Datenbank

In schrankähnlichen Glaskästen wachsen auf mehreren Regalen Salate und Kräuter. Das spart nicht nur Verpackung und Transportkosten, sondern ermöglicht den Anbau von frischen Pflanzen zu allen Jahreszeiten – sogar von Kräutern, die sonst nur in fernen Ländern wachsen. Die Setzlinge werden nicht wie sonst üblich in Erde eingesetzt, sondern in einfaches Substrat aus Kokos- oder Hanffasern und einer dünnen Flüssigkeitsschicht, die alle nötigen Nährstoffe liefert. Von oben spenden LED-Lampen Dauerbeleuchtung. „Wir schaffen eine Umgebung, in der die natürlichen Wachstumsprozesse so genau wie möglich reproduziert werden, ohne von Klima oder Agrarflächen abhängig zu sein“, erklärt Michaeli. Dazu hätten die hochtechnisierten Indoor-Farmen zahlreiche Sensoren, die kontinuierlich alle wichtigen Parameter wie pH-Wert, Temperatur, Licht und Nährstoffdichte messen.

Jede Farm sammelt unentwegt Daten: Pro Lebenszyklus einer Pflanze sind es etwa 50.000 Datenpunkte. „Wir wissen gewissermaßen, wann die Pflanze isst, schläft oder wächst“, beschreibt die Start-up-Gründerin. Dadurch entstehe eine bislang einmalige Datensammlung über das Wachstum von Pflanzen. Darüber hinaus sind die einzelnen Farmen über eine Cloud mit der zentralen Plattform von Infarm verbunden, sodass Mitarbeiter die Wachstumsbedingungen der Kräuter aus der Ferne überwachen und steuern können. Sensible Prozesse wie das Bewässern oder die Nährstoffzufuhr laufen vollautomatisch.

Allein drei Jahre habe es gedauert, die von Algorithmen gesteuerten Anlagen zu entwickeln, sagt Michaeli. Inzwischen gibt es über 350 Farmen in ganz Europa. Zu den Kunden gehören hauptsächlich Supermärkte wie Edeka, Metro, Migros, Intermarché und der Onlinehändler Amazon Fresh, aber auch einige Berliner Restaurants und Bars nutzen die futuristischen Farmen, um direkt vor Ort ihre eigenen Kräuter anzubauen. Damit ist das Start-up derzeit in Deutschland, Frankreich, Luxemburg und der Schweiz vertreten, demnächst auch in Großbritannien. Bis Ende 2019 soll es europaweit rund 1000 Farmen geben. Eine Expansion in die USA und nach Japan ist ebenfalls angedacht.

Landwirtschaft als Service

Die drei Gründer nennen ihr Modell „Landwirtschaft als Service“: Edeka und Co. kaufen die Setzlinge bei Infarm, tragen die Kosten für Strom und Wasser, müssen sich aber sonst um nichts kümmern. Das Startup stellt und wartet die Gewächsschränke, liefert die Pflanzen und wertet die Daten über den Anbauzyklus aus. Auch für die Ernte kommt zweimal wöchentlich ein Mitarbeiter von Infarm, legt die Pflanzen verkaufsbereit in eine Ablage und setzt direkt neue ein. Ein Rundum-Sorglos-Paket, das dem Supermarktbetreiber zwischen 1,29 Euro und 1,49 Euro pro verkaufter Pflanze einbringt.

„Dadurch, dass wir das System in Form von Modulen anbieten, können wir die Farmen an jedem Standort aufbauen, ohne dass wir an Qualität oder Leistungsfähigkeit einbüßen“, erklärt Michaeli. Selbst, wenn man mehrere Einheiten miteinander verbindet, ist jede Farm ein eigenes Ökosystem. So können anstatt einer Monokultur an nur einem Standort hunderte Pflanzensorten angebaut werden. Und die Kunden bekommen qualitativ hochwertigere Pflanzen zu wettbewerbsfähigen Preisen. Weil ihre Wurzeln nicht abgeschnitten werden, sind sie noch lebendig, wenn sie im Supermarkt verkauft werden. Wenn der Kunde sie dann zuhause in ein Glas Wasser stellt, leben sie weiter. Dadurch behalten sie ihre Nährstoffe und den natürlichen Geschmack.

Außerdem können die Farmen personalisiert werden. Der Berliner Sternekoch Tim Raue beispielsweise habe sich eine bestimmte Minzsorte gewünscht, die es nur in Südamerika gibt, so Michaeli. „Die wächst nun bei ihm direkt in der Küche.“ Die richtige Züchtung zu beschaffen, ist eine Option. Die andere ist, Parameter wie das Lichtspektrum zu verändern, wodurch andere Prozesse in den Pflanzen ausgelöst werden. Auf diese Weise erzeugen sie andere Nährstoffe, die sich dann auch im Geschmack widerspiegeln. Die 29 angebotenen Kräutersorten seien dabei erst der Anfang. Die Technologie lasse sich laut Infarm auf jegliches Obst und Gemüse erweitern.

In altem Wohnwagen begonnen

Was in einem alten Wohnwagen mit Experimenten zur urbanen Pflanzenzucht begann, hat sich durch risikokapitalbasierte Investitionen zu einem Unternehmen mit rund 250 Mitarbeitern entwickelt. Kürzlich sammelte das Start-up 100 Millionen Dollar (zirka 88 Millionen Euro) Wachstumsfinanzierung ein, unter anderem von Atomico aus London, einem der wichtigsten Risikokapitalgeber Europas. Rund eine Million Euro hat auch die Europäische Union im Rahmen des Förderprojekts Horizont 2020 beigesteuert.

„Die Menschen in Europa sind in puncto Ernährung immer anspruchsvoller“, erklärt Michaeli die Attraktivität für Investoren. „Die Qualität soll gut sein und die Herstellung möglichst nachhaltig bleiben. Dafür haben wir eine technische Lösung entwickelt.“ Ob sich diese bewährt, wird sich zeigen. Vielerorts befindet sich das Projekt noch in der Test- und Einführungsphase, so auch im Edeka in Neubiberg. Dort gibt es die Kräuter erst seit November 2018, doch das Kundenfeedback scheint positiv zu sein. Inhaber Robin Hertscheck plant aktuell eine Markterweiterung und möchte im neuen Bereich zwei zusätzliche, größere Indoor-Farmen mit weiteren Kräutersorten aufstellen. „Vertical Farming trifft einen wahren Verbrauchertrend unserer Zeit, da es den Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit und Regionalität erfüllt“, erklärt er.

Zwar fristet das „Vertical Farming“-Konzept bislang noch ein Nischendasein, doch die 100-Millionen-Dollar-Spritze sei ein klares Indiz dafür, dass das Geschäft mit neuartigen Agrartechnologien Potenzial hat und die Landwirtschaft effizienter machen kann, so Michaeli. Aktuell konzentriert sich die globale Produktion von Früchten und Gemüse auf nur wenige Klimazonen. In den meisten Fällen befinden sich Herstellungs- und Verkaufsstelle Tausende Kilometer voneinander entfernt. Umständliche Produktionsabläufe und lange Transportwege seien aber nicht nötig, um die Megastädte des 21. Jahrhunderts mit frischen Lebensmitteln zu versorgen. Gestapelte Gemüsebeete in Indoor-Farmen könnten die Felder der Zukunft sein – mitten in der Stadt und unter dem Deckmantel einer geheimnisvollen Kunstinstallation.
(Anna Karolina Stock)

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