Wirtschaft

CSU-Parteichef und Ministerpräsident Markus Söder spricht bei einem Pressetermin in der Integrationshalle des europäischen Raumfahrzeugherstellers „The Exploration Company GmbH“. Das in München und Bordeaux ansässige Unternehmen entwickelt, produziert und betreibt die Nyx-Raumkapsel für Raumfahrtagenturen und Raumstationen sowie sowohl Raumfahrt- als auch Nicht-Raumfahrtunternehmen in anderen Branchen. (Foto: dpa/Matthias Balk)

07.01.2026

Eine Hightech-Agenda für Deutschland nach bayerischem Vorbild

Wie man hierzulande wieder Wachstum und Wohlstand sichert

Mit der Hightech Agenda Deutschland will Deutschland wieder ein führendes Innovationsland werden, um Wachstum und Wohlstand zu sichern. Vorbild ist Bayern, das mit der High-Tech-Offensive von Ministerpräsident Edmund Stoiber vom Agrarland zum Hightech-Staat aufgestiegen ist und mit der Hightech Agenda Bayern von Ministerpräsident Markus Söder den technologischen Vorsprung weiter ausbaut. Davon soll jetzt das ganze Land profitieren.

Die High-Tech-Offensive vom Ministerpräsident Edmund Stoiber von 1993 bis 1999 war das erste systematische und umfassende Innovationsprogramm für Zukunftstechnologien in Deutschland. Beraten vom Wissenschaftlich-Technischen Beirat der Staatsregierung sowie von Roland Berger und Herbert Henzler, seinerzeit Deutschlandchef von McKinsey, wurde das Konzept von einem kleinen Team in der Staatskanzlei in Abstimmung mit den betroffenen Ressorts erstellt. Für die Schlüsseltechnologien Informations- und Kommunikationstechnik und Biotechnologie wurden mit dem IT-Forschungszentrum in Garching, dem Biotech-Campus in Martinsried und dem Medical Valley in Erlangen Forschungs- und Technologiezentren von Weltrang geschaffen. Zugleich entstand eine landesweite Infrastruktur für den Technologietransfer in den Mittelstand mit Bayern Innovativ und seinen Netzwerken und Clustern, Businessplan-Wettbewerben und Gründerzentren. In allen Landesteilen sind innovative Regionalkonzepte mit national bedeutsamen Zentren für Biomedizin in Würzburg, Neue Materialien in Augsburg, Grüne Biotechnologie in Freising und Nachwachsende Rohstoffe in Straubing entstanden. Mit Bayern Online und einem landesweiten Bayernnetz begann die Digitalisierung in Bayern. Eine Hochschulreform hat die Universitäten auf Spitzenforschung, Unternehmertum und Ausgründungen ausgerichtet und acht neue Hochschulen für angewandte Wissenschaften hervorgebracht   Die beiden Münchner Universitäten wurden als erste deutsche Exzellenzuniversitäten ausgezeichnet. Die Zentralen der Max-Planck-Gesellschaft und der Fraunhofer-Gesellschaft wurden mit einer Vielzahl von Instituten für Bayern gesichert. Der Einsatz von Privatisierungserlösen aus dem Energie-, Verkehrs- und Versicherungsbereich in Höhe von 4,5 Milliarden Euro wurde durch Beiträge aus Wirtschaft, Bund und EU verdoppelt. Ruhendes Beteiligungskapital wurde in aktive Investitionen für die Zukunft des Landes umgewandelt. Das Volumen der Privatisierungserlöse verdoppelte sich mit den Beiträgen aus Wirtschaft, Bund und EU auf neun Milliarden Euro, nach heutigen Preisen wären es rund 14 Milliarden.

Stoibers Offensive diente nicht nur der Förderung von Wissenschaft und Forschung. Ziel war die Umsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse in neue Produkte, Unternehmen und Arbeitsplätze. Es war ein gesamtgesellschaftliches Projekt, eingebunden in einen Beschäftigungspakt mit Arbeitgebern und Gewerkschaften, das wirtschaftliche und soziale Ziele ebenso verfolgte wie die Stärkung von Bildung, Nachhaltigkeit und Infrastruktur. Das erbrachte nicht nur zwei Millionen Arbeitsplätze, sondern auch innovative Fonds für Umwelt, Kultur und Arbeit. Anders als in Kalifornien sollten nicht nur einzelne Zentren, sondern das ganze Land zu einem europäischen Silicon Valley werden. Mit dieser Zukunftsoffensive wurde die Wirtschaftskrise nach der Deutschen Einheit gemeistert und die Weichen für die anbrechende Epoche der Globalisierung und Digitalisierung gestellt. Nach Jahrzehnten des Aufstiegs vom Agrarland zum High-Tech-Staat übernahm Bayern seither bei Wirtschaftskraft, Beschäftigung und Finanzstärke die Führung in Deutschland. Ein Vergleich mit dem Bundesdurchschnitt im Zeitraum von 2000 bis 2019 zeigt ein reales Wirtschaftswachstum in Bayern von 30 gegenüber 20 Prozent und eine Arbeitslosenquote von 4,9 gegenüber 9,3 Prozent. Und das, obwohl Bayern in dieser Zeit 78 von insgesamt 164 Milliarden in den Länderfinanzausgleich eingezahlt hat.

Die Hightech Agenda Bayern

Zwei Jahrzehnte später bekam die Hochtechnologie in Bayern wieder einen starken Schub. Mit der Hightech Agenda setzte Ministerpräsident Markus Söder die High-Tech-Offensive von Edmund Stoiber fort. Ihr Gesamtvolumen beträgt 5,5 Milliarden Euro über den Zeitraum von zehn Jahren bis 2028, jetzt allein aus dem Staatshaushalt finanziert. Die erste Tranche von 2019 umfasst zwei Milliarden Euro, davon 600 Millionen für die Schlüsseltechnologien Künstliche Intelligenz, Quanten- und Fusionstechnik, Luft- und Raumfahrt sowie Clean Tech für synthetische Kraftstoffe, Batterieforschung und ein Zentrum für Wasserstoff in Nürnberg. Ziel ist es, den ersten Quantencomputer und den ersten Fusionsreaktor in Bayern zu entwickeln. Ein in gleicher Höhe dotiertes Bauprogramm wurde für Einrichtungen von Wissenschaft und Forschung sowie regionale Projekte, Informatik und Mobilfunk aufgelegt. Eine Reform soll die Hochschulen noch unternehmerischer, offener und internationaler machen und neue Professoren und Spitzenforscher anwerben. Dafür sind 400 Millionen Euro vorgesehen. Ein besonderes Highlight ist die erste Neugründung einer bayerischen Universität seit 1978. Die 2018 vom Ministerrat beschlossene Gründung der TU Nürnberg versteht sich als Deutschlands erste KI-Universität. Weitere 400 Millionen Euro werden für die Stärkung des Mittelstands durch Fonds für Digitalisierung, Startups und Automobiltechnik sowie den Ausbau der Netzwerke für Technologie- und Gründerzentren investiert. Wie bei der High-Tech-Offensive soll damit die Innovationskraft in allen Landesteilen gestärkt werden. Die ein Jahr später aufgelegte Hightech Agenda Plus mit einem Finanzvolumen von 3,5 Milliarden Euro soll vor allem vorgezogene Stellenbesetzungen in Forschung und Lehre sowie den zügigen Ausbau von Infrastrukturmaßnahmen ermöglichen. Weitere Ergänzungen der Agenda hat Ministerpräsident Söder im September 2025 angekündigt:  Die Universität Würzburg soll gemeinsam mit ihrem Universitätsklinikum ein Max-Planck-Zentrum für Immunologie erhalten und in Schweinfurt soll eine der fünf in Europa vorgesehenen KI-Fabriken entstehen.

Die Agenda konzentriert sich auf Forschung und Wissenschaft. Eine erste Bilanz nach fünf Jahren zeigt 2500 neue Stellen, davon 1000 neue Professuren, und 13.000 neue Studienplätze für Spitzenforschung. Die Zahl der Exzellenzcluster hat sich verdoppelt. Die beiden Münchner Universitäten, in Deutschland seit zwei Jahrzehnten an der Spitze, belegen mittlerweile beim weltweiten THE-Ranking die Plätze 26 (TU) und 38 (LMU). Die Würzburger Universität hat gute Chancen, die dritte Exzellenzuniversität in Bayern zu werden. Bei Venture Capital und Startups ist Bayern weiterhin führend in Deutschland. Im ersten Halbjahr 2025 sind 55 Prozent des VC-Kapitals hierher geflossen. Mit 343 neuen Startups liegt der Freistaat vor NRW (281) und Berlin (248) an der Spitze. Von den 36 deutschen Einhörnern, das sind nicht börsennotierte Startups mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde US-Dollar, kommen 15 aus Berlin und acht aus München, darunter Celonis und Helsing, die mit 13 beziehungsweise 12 Milliarden Euro am höchsten bewertet sind. Wie attraktiv die bayerische Landeshauptstadt als Zentrum digitaler Zukunftstechnologien ist, zeigen die aktuellen Ankündigungen von OpenAI und Anthropic, hier ein Deutschlandbüro zu eröffnen, von Nvidia, gemeinsam mit der Deutschen Telekom eine Milliarde Euro in ein KI-Rechenzentrum zu investieren, und von Google, sein Entwicklungszentrum weiter auszubauen.  Damit ist auch dieses Programm wieder ein großer Standortvorteil für die Zukunft des Freistaats. Doch seine Bedeutung geht weit darüber hinaus: Mit der „Entwicklung einer Hightech-Agenda für Deutschland nach bayerischem Vorbild“, wie sie im Wahlprogramm der CSU für die Bundestagswahl 2025 gefordert wurde und jetzt im von der CSU geführten Bundesministerium für Forschung, Technologie und Weltraum verwirklicht wird.

Hightech Agenda Deutschland

Am 30. Juli 2025 hat die Bundesregierung die Hightech Agenda Deutschland beschlossen – nach bayerischem Vorbild. Wie in Bayern sollen bis 2030 mindestens 3,5 Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung aufgewendet werden. Im Jahr 2023 erreichte Deutschland mit 3,1 Prozent weltweit Platz acht.

Doch wichtiger als diese Zielmarke ist es, gegenüber den USA und China aufzuholen. Sie dürfen nicht allein über unsere Zukunft bestimmen, hat der Bundeskanzler bei der Vorstellung des Programms am 29. Oktober 2025 festgestellt. Daher kommt es jetzt vor allem darauf an, sich auf die Schlüsseltechnologien der Zukunft zu konzentrieren. Hierfür ist in der Agenda des Bundes ein Volumen von 18 Milliarden Euro bis 2029 vorgesehen. Bei der Auswahl der sechs wichtigsten Innovationstreiber zeigt sich der maßgebende Einfluss der bayerischen Agenda: Künstliche Intelligenz, Quantentechnologie, Fusionstechnik und klimaneutrale Energieerzeugung sowie Technologien für die klimaneutrale Mobilität finden sich jetzt in beiden Programmen. Lediglich Mikroelektronik und Biotechnologie weist allein die Bundesagenda aus. Angesichts der bayerischen Spitzenstellung bei der KI-, Quanten- und Fusionsforschung sowie bei Clean Tech ist davon auszugehen, dass ein erheblicher Anteil der Bundesmittel in den Freistaat fließen und damit das Volumen und die Schlagkraft der Hightech Agenda Bayern deutlich erhöhen wird. Auch bei den weiteren fünf strategischen Forschungsfeldern des Bundesprogramms, die gegenüber den Schlüsseltechnologien nachrangig sind, dürfte Bayern gut bedacht werden, vor allem bei der Forschung für Luft- und Raumfahrt, Sicherheit, Verteidigung und Gesundheit. Das wäre kein besonderes Entgegenkommen gegenüber dem Freistaat, sondern eine Folge des Prinzips, Stärken zu stärken, was letztendlich ganz Deutschland zugutekommt.

Erfolgsfaktor Innovation

Deutsche Forschung ist nach wie vor Weltspitze. Mit rund 25.000 Patentanmeldungen beim Europäischen Patentamt ist Deutschland Nummer zwei nach den USA mit 48.000, noch vor Japan, China und Südkorea. Pro Kopf liegt unser Land weit vorne. Doch der entscheidende Faktor für Wirtschaft und Wohlstand sind nicht die Inventionen, sondern die Innovationen. So mahnte Bundeskanzler Friedrich Merz bei der Präsentation der Agenda: „Wir haben erheblichen Verbesserungsbedarf in der Übersetzung dieser Forschungsleistung in Produkte und Dienstleistungen. Wir haben Verbesserungsbedarf in der Wertschöpfung mit neuen Technologien wie der künstlichen Intelligenz. Wenn wir diesen Verbesserungsbedarf nicht schnell ausgleichen, gefährdet das mittel- und langfristig nicht nur den Wohlstand in unserem Land.“ Wie groß der Aufholbedarf ist, zeigen die internationalen Rankings:

Im Innovations-Ranking der Vereinten Nationen ist Deutschland im vergangenen Jahr von Platz 10 auf 11 zurückgefallen und liegt jetzt erstmals hinter China. Bei den weltweit über 1.500 Einhörnern liegen die USA (758), China (343), Indien (64) und Großbritannien (61) vor Deutschland (36). Bei der Digitalisierung belegt Deutschland im EU-Vergleich Rang 14, beim Ausbau der Glasfaser, der für die KI-Nutzung entscheidend ist, den vorletzten Platz. In der Roboterdichte pro 10.000 Beschäftigte hat China uns vom dritten Platz verdrängt. Auf diesen Feldern aufzuholen, darin liegt die große Herausforderung für die Bundesforschungsministerin Dorothee Bär, die sie nur gemeinsam mit den Ressorts für Wirtschaft und Digitales meistern kann. Erste Schritte sind gemacht mit einem Aktionsplan zur Kernfusion und einer nationalen Strategie für Mikroelektronik. Ein Innovationsfreiheitsgesetz soll bürokratische Hemmnisse abbauen und den deutschen Wagniskapitalmarkt stärken. Zusammen mit unternehmerischem Mut kann es gelingen, dass Deutschland nach bayerischem Vorbild wieder ein globaler Innovationsführer wird.
Rudolf Hanisch)

(Der Autor war zur Regierungszeit von Ministerpräsident Edmund Stoiber Amtschef der bayerischen Staatskanzlei. In seinem Buch „Silicon Valley Bayern“ hat er die Geschichte und die Perspektiven der Innovationspolitik in Bayern dokumentiert.)

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche
X
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2025

Nächster Erscheinungstermin:
28. November 2026

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 28.11.2025 (PDF, 16,5 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Unser Bayern - Nachbestellen

Aktuelle Einzelausgaben der Beilage „Unser Bayern” können im ePaper der BSZ über den App-Store bzw. Google Play gekauft werden.