Wirtschaft

Der Handel mit Südarmerika soll florieren. (Foto: picture alliance/imageBROKER, Christopher Tamcke)

09.01.2026

EU-Einigung: Weg für Mercosur-Handelsabkommen ist frei

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach Verhandlungsbeginn kann das Freihandelsabkommen zwischen der EU und südamerikanischen Staaten abgeschlossen werden. Die Industrie atmet auf, andere sind besorgt

Der Weg für eine riesige EU-Freihandelszone mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay ist mehr als ein Vierteljahrhundert nach Verhandlungsbeginn frei. Bei einer Sitzung von Vertretern der 27 EU-Länder stimmten in Brüssel ausreichend viele Teilnehmer dem Abschluss des Deals zu. Die Unterzeichnung soll bereits nächste Woche in Paraguay erfolgen.

"Damit entsteht eine der größten Freihandelszonen der Welt, die über 700 Millionen Einwohner und ein Fünftel der globalen Wirtschaftsleistung umfasst. Das Mercosur-Abkommen stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und bayerischen Wirtschaft: Die Zölle auf gut 90 Prozent aller gehandelten Waren sollen schrittweise wegfallen", freut sich Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK). Das werde die Warenexporte aus Bayern in die Region im Wert von mehr als 2 Milliarden Euro ankurbeln, die aktuell von rund 2000 bayerischen exportierenden Betrieben erbracht werden. Die EU-Kommission sieht durch das Abkommen ein zusätzliches Exportpotenzial von fast 40 Prozent, was für die bayerische Wirtschaft ein Exportplus von bis zu 800 Millionen Euro pro Jahr bedeuten würde, betont Gößl.

"Außerdem werden durch das Abkommen die Rohstoffversorgung und die Lieferketten für unsere Unternehmen robuster, der Austausch mit Dienstleistungen vereinfacht und die Rechtssicherheit erhöht", erklärt der BIHK-Hauptgeschäftsführer. Jetzt gehe es darum, den Rückenwind aus dem erfolgreichen Abschluss des Abkommens mit Südamerika zu nutzen und die geplanten Handelsverträge der EU vor allem mit Indien sowie den asiatischen Tigerstaaten Indonesien, Thailand, Philippinen und Malaysia sowie Australien zügig abzuschließen.

"Die Zustimmung der EU-Staaten zum Mercosur-Abkommen ist eine sehr gute Nachricht – und zwar sowohl für die Weltwirtschaft als auch für die exportorientierte mittelfränkische Wirtschaft", sagt Armin Zitzmann, Präsident der IHK Nürnberg für Mittelfranken. „Sie ist auch ein Zeichen dafür, dass die EU noch handlungsfähig ist.“ Es sei ein wichtiges Signal gegen wirtschaftliche Abschottung, das den regelbasierten Handel stärken werde. Davon dürften in Mittelfranken insbesondere der Maschinenbau und die Automobilzulieferer profitieren.

"Auch wegen Mercosur steht Lateinamerika bei den internationalen Aktivitäten unserer IHK ganz oben", so Zitzmann. Am 25. Juni 2026 organisiert die IHK das bayernweite Lateinamerika-Forum in Nürnberg. Und im Dezember 2025 gab es reges Interesse der Unternehmen an den „IHK-Kontakttagen Lateinamerika“, bei denen mehr als 130 Beratungsgespräche mit Experten der dortigen Auslandshandelskammern vermittelt wurden.

"Angesichts der veränderten Weltlage sind Deutschland und die EU mehr denn je gefordert, neue Handels-, Rohstoff- und Investitionspartnerschaften überall auf der Welt abzuschließen. Die Handelspolitik von US-Präsident Trump belastet den gesamten Welthandel. China hat sich vom größten Vorleistungslieferanten zum knallharten Wettbewerber entwickelt. Eine internationale und global vernetzte Volkswirtschaft wie Bayern bekommt das zu spüren. Schließlich erwirtschaftet die bayerische Industrie fast 60 Prozent ihres Umsatzes im Ausland. Gebot der Stunde ist das Diversifizieren unserer Handelsbeziehungen, um Abhängigkeiten von einzelnen Handelspartnern zu reduzieren. Das EU-Mercosur-Abkommen ist ein wichtiger Schritt dorthin. Und es ist auch ein an die US-Administration", sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw). 

Das Mercosur-Abkommen bedeute für Europa auch weniger Abhängigkeit bei Rohstoffen. "Beispielsweise ist Argentinien ein wichtiger Lithium-Produzent", erläutert Brossardt. Er betont, dass es für Europa auch darum gehe, geostrategisch Gewicht zurückzugewinnen. Mit dem Mercosur-Abkommen würde eine riesige Freihandelszone mit 780 Millionen Einwohnern entstehen. Mit dem Wegfall von Zöllen für 91 Prozent aller Waren könnten europäische Unternehmen pro Jahr etwa vier Milliarden Euro einsparen.

Auch eine Chance für die Landwirtschaft

Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) betont, dass das Mercosur-Abkommen nur dann Erfolg haben kann, wenn "unsere bäuerlichen Betriebe vor einem unfairen Wettbewerb geschützt werden". Die nachgeschärften Schutzinstrumente, wie strengere Schwellenwerte für Importmengen und Preisveränderungen begrüßt die Ministerin daher ausdrücklich. Entscheidend sei eine engmaschige Marktüberwachung, insbesondere bei sensiblen Agrarprodukten. Durch die frühzeitigen und beschleunigten Verfahren zur Auslösung der Schutzmaßnahmen kann die EU bei Marktstörungen schneller und gezielter eingreifen, um unsere Landwirtschaft zu schützen.

"Schutzmaßnahmen dürfen nicht nur auf dem Papier stehen, sie müssen im Ernstfall greifen", unterstreicht Kaniber. "Unsere bäuerlichen Familienbetriebe dürfen nicht unter geopolitischen Interessen leiden und unter Druck geraten. Letztlich sind unsere Landwirte im Krisenfall unsere Lebensversicherung, das dürfen wir nicht aufs Spiel setzen", so die Ministerin.

Es geht laut Kaniber nicht um völlig liberalisierte und unkontrollierte Märkte, sondern um klare Regeln mit moderat steigenden Mengenkontingenten und abgesenkte Zölle, Transparenz und faire Wettbewerbsbedingungen. Für sie ist daher klar: "Produkte, die die EU-Vorgaben nicht erfüllen, dürfen nicht importiert werden – unabhängig vom Herkunftsland." Das betreffe zum Beispiel die Einhaltung von Grenzwerten bei der Lebensmittelsicherheit, Rückverfolgbarkeit der Lieferkette sowie die Erfüllung von Klima- und Umweltstandards.

"Diese Standards sind kein Wettbewerbsnachteil, sondern unser Markenzeichen", betont Kaniber. Sie stünden für Qualität, Vertrauen und Nachhaltigkeit. "Mit fairen Regeln und wirksamen Schutzmaßnahmen kann Mercosur eine Chance sein – für Europa und ganz konkret auch für Bayern. Denn eins ist klar: Würde Europa wirtschaftlich absteigen, schadet das auch massiv unserer Landwirtschaft. Und außerdem funktioniert der größte Binnenmarkt der Welt in beide Richtungen. Wir sehen große Chancen für unsere Milchprodukte, für Agrar-, Umwelt- und Klimatechnik“, sagt die bayerische Landwirtschaftsministerin.

Meilenstein in der europäischen Handelspolitik

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nannte die Einigung einen "Meilenstein in der europäischen Handelspolitik und ein wichtiges Signal unserer strategischen Souveränität und Handlungsfähigkeit". Mit dem Abkommen stärke man die Wirtschaft und die Handelsbeziehungen mit Südamerika.

Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) sagte vor dem Hintergrund der Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump: "Während sich andere abschotten und eine immer aggressivere Handelspolitik verfolgen, setzen wir auf neue Partnerschaften". Das Abkommen berge "enormes Potenzial" für die deutsche Wirtschaft.

Italien gibt Blockade auf

Die neue Freihandelszone mit mehr als 700 Millionen Einwohnern wird nach Angaben der EU-Kommission die weltweit größte dieser Art sein. Ermöglicht wurde die Einigung auf das umstrittene Abkommen durch weitere Zugeständnisse an die Agrarlobby. Diese sieht die Konkurrenz aus den Mercosur-Staaten als Existenzbedrohung für die europäische Landwirtschaft. In Südamerika können etwa Agrarprodukte wie Rindfleisch günstiger produziert werden als in Europa.

Das Abkommen hatte eigentlich bereits kurz vor Weihnachten in Brasilien unterzeichnet werden sollen. Die notwendige Mehrheit im Rat der EU-Mitgliedstaaten kam damals allerdings noch nicht zustande, weil Italien seine Zustimmung an weitere Unterstützungszusagen an europäische Landwirte knüpfte. Das Ja von Italien war notwendig, weil mit Frankreich und Polen zwei andere große EU-Staaten das Abkommen in der derzeitigen Form ablehnen.

Zeichen an Donald Trump

Die neue Freihandelszone soll auch ein Zeichen gegen die protektionistische Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump setzen. Geplant ist, Zölle und Handelsbarrieren zwischen der EU und den Mercosur-Staaten weitestgehend abzubauen.

Die EU-Kommission schätzt, dass das Abkommen die jährlichen EU-Exporte nach Südamerika um bis zu 39 Prozent (49 Milliarden Euro) steigern kann - und damit mehr als 440.000 Arbeitsplätze in ganz Europa unterstützt. Besonders große Chancen werden für die Autoindustrie, den Maschinenbau und die Pharmabranche gesehen. Auf Autoimporte in die Mercosur-Länder wird beispielsweise derzeit ein Zoll in Höhe von 35 Prozent fällig.

Spitzenvertreter der deutschen Wirtschaftsvertreter zeigten sich dementsprechend erleichtert über den Durchbruch. Tanja Gönner vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sprach von einem starken Signal für den Freihandel und sagte, Unternehmen könnten rund vier Milliarden Euro jährlich an Zöllen sparen. Besonders wichtig sei auch der Zugang zu kritischen Rohstoffen wie Lithium und Kupfer etwa für Elektromobilität und Erneuerbare Energien.

Hildegard Müller vom Verband der Automobilindustrie (VDA) sagte: "Für die Automobilindustrie eröffnet das EU-Mercosur-Abkommen erhebliche Chancen". Besonders bedeutsam sei dabei der Abbau bislang hoher Zölle.

Verhandlungen dauerten ein Vierteljahrhundert

Die Verhandlungen über das Mercosur-Abkommen waren bereits 1999 gestartet worden. Die EU-Kommission hatte sie dann im Dezember 2024 trotz anhaltender Kritik aus Ländern wie Frankreich abgeschlossen. Zuletzt brachte der Zollstreit der EU mit den USA noch einmal neue Dynamik in den Prozess. Viele Länder wollen jetzt zeigen, dass die Zeiten des fairen Handels nicht vorbei sind - zu ihnen gehört insbesondere auch Deutschland.

Kritiker des Abkommens befürchten hingegen, dass europäische Landwirte in einen gnadenlosen Preiskampf gezwungen werden könnten und die Regenwaldzerstörung in Südamerika befeuert wird. Zudem wird behauptet, dass die strengen Standards der EU für Lebensmittelsicherheit und Tier- und Pflanzenschutz ausgehöhlt werden könnten. 

Die EU-Kommission weist dies entschieden zurück und betont, dass weiter nur Produkte, die den umfangreichen europäischen Vorschriften entsprechen, in die EU eingeführt werden dürften. 

Umfangreiches Sicherheitsnetz für Bauern

Um den anhaltenden Protesten von Bauern gegen die geplante Freihandelszone den Wind aus den Segeln zu nehmen, hatte sie jüngst noch einmal zusätzliche wirtschaftliche Sicherheitsklauseln ausgearbeitet. 

Im Fall eines schädlichen Anstiegs der Einfuhren aus den Mercosur-Staaten oder eines übermäßigen Preisverfalls für die EU-Erzeuger sollen damit rasch Gegenmaßnahmen in Gang gesetzt werden können. Diese würden dazu führen, dass Zollvorteile vorübergehend wieder ausgesetzt werden.

Eine besonders intensive Überwachung ist bei der Einfuhr von Produkten wie Rindfleisch, Geflügel, Reis, Honig, Eier, Knoblauch, Ethanol, Zitrusfrüchte und Zucker vorgesehen. Mindestens alle sechs Monate soll es auch einen Bericht zu den Auswirkungen von Importen aus den Mercosur-Ländern Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay geben.

Bolivien gehört auch dazu

Zum Mercosur-Bund gehört mittlerweile auch Bolivien. Das Land muss aber erst noch Regeln anpassen, bevor es von dem Freihandelsabkommen profitieren kann.

Nach der Einigung der Vertreter der Mitgliedstaaten braucht es nun noch schriftliche Beschlüsse für die Unterzeichnung und den Abschluss des Abkommens. Dieses gelten allerdings als Formsache und sollten bereits am Freitagabend vorliegen.

Unterzeichnet werden soll das Abkommen in der kommenden Woche in Paraguay, das derzeit die rotierende Präsidentschaft der Staatenbundes Mercosur innehat. Aus der EU wollen dafür EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa in das südamerikanische Land reisen. Theoretisch könnte das Abkommen danach schon bald vorläufig angewandt werden. Denkbar ist aber auch, dass die zuständige Kommission noch ein ausstehendes Votum des Europäischen Parlaments abwartet.
(dpa, rs)

Zahlen zum Handel zwischen Bayern und den Mercosur-Staaten:

  • Das Handelsvolumen zwischen Bayern und den Mercosur-Staaten belief sich im Jahr 2024 auf 2,7 Milliarden Euro. Dabei entfielen 2,1 Milliarden Euro auf Exporte und 0,6 Milliarden Euro auf Importe.

  • Bayerische Firmen liefern vor allem Maschinen, Fahrzeuge, Chemie- und Elektrotechnikprodukte.

  • Aus den Mercosur-Ländern importiert werden vorwiegend Agrarprodukte, Rohstoffe, Grundchemikalien und Industrieerzeugnisse.

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