Wirtschaft

Im Bilanzskandal beim Dax-Konzern Wirecard ist der ehemalige Vorstandschef Markus Braun festgenommen worden. (Foto: dpa/Lino Mirgeler)

23.06.2020

Ex-Wirecard-Chef Braun festgenommen

Nach dem Eingeständnis mutmaßlicher Luftbuchungen in Milliardenhöhe ist im Bilanzskandal beim Dax-Konzern Wirecard der ehemalige Vorstandschef Markus Braun festgenommen worden. Das teilte die Münchner Staatsanwaltschaft am Dienstag mit.

Braun, der österreichischer Staatsbürger mit Wohnsitz in Wien ist,  hat sich am Montagabend der Staatsanwaltschaft München I gestellt und wurde festgenommen. Er soll noch am heutigen Dienstag der zuständigen Ermittlungsrichterin vorgeführt werden. Diese entscheidet dann, ob Braun in Untersuchungshaft kommt. Brauns Anwalt wird wohl versuchen, eine Inhaftierung seines Mandanten gegen Auflagen zu vermeiden.

Ermittelt wird auch gegen drei weitere Manager der Wirecard-Spitze wegen des Verdachts der Falschinformation von Anlegern in zwei Börsen-Pflichtmitteilungen. Im Zentrum des Bilanzskandals stehen der ehemalige Wirecard-Finanzchef in Südostasien und ein Treuhänder, der bis Ende 2019 für Wirecard aktiv war und das - wie sich nun herausgestellt hat - in großen Teilen wahrscheinlich gar nicht existente - Geschäft mit den Drittpartnern betreute.

Mitwisser und Mittäter in München?

Ungeklärt ist, ob es Mitwisser beziehungsweise Mittäter in der Firmenzentrale im Münchner Vorort Aschheim gab. Vor allem ist ungeklärt, ob und inwieweit Braun oder andere Mitglieder des Vorstands über die Lage im Bilde oder möglicherweise sogar beteiligt waren. Das Unternehmen sieht sich als Opfer.

Doch mehren sich die Anzeichen für Fehlverhalten in der Wirecard-Spitze. Der Aufsichtsrat feuerte am Montag den bereits suspendierten Vorstand Jan Marsalek "mit sofortiger Wirkung", der Anstellungsvertrag wurde außerordentlich gekündigt, wie Wirecard mitteilte. Marsalek war für das operative Tagesgeschäft einschließlich Südostasiens zuständig, wo die Affäre ihren Anfang nahm. Gründe nannte der Aufsichtsrat nicht.

Mit Fragen und scharfer Kritik sind die Finanzaufsicht Bafin und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY konfrontiert, die die Wirecard-Abschlüsse 2017 und 2018 testiert hatte. Bafin-Chef Felix Hufeld sprach von einem "kompletten Desaster" und gab sich selbstkritisch: "Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert", räumte der Behördenpräsident in Frankfurt ein. "Wir befinden uns mitten in der entsetzlichsten Situation, in der ich jemals einen Dax-Konzern gesehen habe." Wichtig sei nun rasche Aufklärung.

Imageverlust

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) warnte vor einem Imageverlust für den Wirtschaftsstandort Deutschland und forderte eine rasche Aufklärung des Vorfalls. "Es muss ermittelt werden, wie es dazu kommen konnte, dass sich offenbar Milliardenbeträge in Luft aufgelöst haben, oder möglicherweise nie da waren", sagte der Minister dem Nachrichtenportal "t-online.de". "Und es muss herausgefunden werden, ob die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen eingehalten wurden - oder ob jemand dafür auch juristisch zur Rechenschaft gezogen werden muss." Ein solcher Fall dürfe sich mit Blick auf das Vertrauen in den Bankenstandort Deutschland so schnell nicht wiederholen, sagte Altmaier.

"Der Fall Wirecard ist eine Katastrophe für den Finanzplatz Deutschland und eine Bankrotterklärung der beteiligten Wirtschaftsprüfer und Aufsichtsbehörden", sagte FDP-Finanzexperte Florian Toncar.
"Gründliche Prüfungen hätten einen solchen Schaden sicherlich früher aufdecken müssen", meinte der Grünen-Finanzpolitiker Danyal Bayaz. Und die Linke fordert die Einführung eines Unternehmensstrafrechts, wie Fraktionsvize Fabio de Masi sagte. Dies würde bedeuten, dass künftig nicht mehr nur Manager wegen Straftaten angeklagt werden könnten, sondern ganze Unternehmen.

Wirecard hatte zuvor mitgeteilt, dass 1,9 Milliarden Euro, die das Unternehmen auf Treuhänderkonten verbucht hatte, "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit" nicht existieren. Deswegen prüft der Konzern die nachträgliche Korrektur seiner Bilanzen: "Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre können nicht ausgeschlossen werden."

Aktie stürzte erneut ab

An der Frankfurter Börse stürzte die Wirecard-Aktie ein weiteres Mal in die Tiefe, die Papiere verloren 44 Prozent und sackten zum Börsenschluss auf 14,44 Euro. Damit war Wirecard nur noch rund 1,7 Milliarden Euro wert - seit dem Höchststand der Aktie im September 2018 summieren sich die Kursverluste der Anleger auf weit über 20 Milliarden Euro. Allein seit dem vergangenen Mittwoch haben die Papiere über zehn Milliarden an Wert verloren.

Über mögliche Bilanzmanipulationen bei Wirecard hatte schon vor über einem Jahr die britische "Financial Times" berichtet. Im Oktober hatte die "FT" dann berichtet, dass ein beträchtlicher Teil der Wirecard-Umsätze mit Drittfirmen in Asien womöglich auf Scheingeschäften beruhe.

Der am Freitag zurückgetretene Wirecard-Chef Markus Braun hatte die Berichterstattung der "FT" über Monate als haltlos zurückgewiesen. Da es schon nach den ersten "FT"-Artikeln zu außergewöhnlichen Kursstürzen der Wirecard-Aktie an der Frankfurter Börse gekommen war, hatten Bafin und Münchner Staatsanwaltschaft Untersuchungen eingeleitet, ob Kursmanipulationen von Börsenspekulanten dahinter steckten.

Wohlwollen der Banken ist gefragt

Die Zukunft des Dax-Konzerns hängt vom Wohlwollen der Banken ab, die nach Angaben von Wirecard wegen des fehlenden testierten Jahresabschlusses für 2019 das Recht haben, zwei Milliarden Euro Kredite zu kündigen. Der seit Freitag amtierende Interims-Chef James Freis kämpft ums Überleben seines Unternehmens: Man stehe weiterhin mit Hilfe der am Freitag angeheuerten Investmentbank Houlihan Lokey in "konstruktiven Gesprächen" mit den kreditgebenden Banken.

Die Hoffnung auf ein Stillhalten der Banken wurde von einem Zeitungsbericht gestützt: Wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" berichtete, wollen die Banken das Unternehmen nicht fallen lassen. "Keiner hat ein Interesse daran, den Kredit zu kündigen", hieß es demnach am Samstag aus einem der beteiligten Geldhäuser. "Alle wollen jetzt das Ding kurzfristig stabilisieren."
(dpa, rs)

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